19. Januar 2011

BRUDER JAKOB (Das Buch Genesis Teil 8)

[Teil 1: "Sonne, Mond und Sterne"] [Teil 2: "Es war einmal..."]
[Teil 3: "Die gerechte Strafe"] [Teil 4: "Die Reise zum Mittagsland der Erde"]
[Teil 5: "Die Rückkehr der Riesen"] [Teil 6: "Feuerwasser"]
[Teil 7: "Opfa!"]

Dies ist die Geschichte von Jakob, dem legendären Ur-Ahnen aller Israeliten, den Gott liebt und von seinem Zwillingsbruder Esau, den Gott hasst. Nicht weil der etwas falsch gemacht hätte: Gott hasst ihn ohne besonderen Grund - einfach, weil er es kann...




ZUVOR IM BUCH GENESIS...

Im letzten Teil dieser Serie über das Buch Genesis verließen wir Abraham, den mythischen Ur-Vater aller Israeliten und Araber, als er gerade seinen zweiten Sohn Isaak an einen Opferaltar festgebunden hatte - ein Messer in der Hand, um sein Kind abzuschlachten, wie Gott ihm dies aufgetragen hat.
Gott schickt jedoch im letzten Augenblick einen Engel und hindert ihn an dem Menschenopfer. Nun wisse er, dass Abraham den HERRN fürchte, bemerkt Gott nach der verstörenden Szene (Genesis 22:12).

Isaak fürchtet garantiert spätestens nach dieser Nummer seinen Vater Abraham, der übrigens zuvor seinen erstgeborenen Sohn Ishmael in die Wüste geschickt hatte (Genesis 21:14). Da Isaaks Mutter Sarah im zarten Alter von 127 Jahren verstirbt (Genesis 23:1-2), heiratet Abraham erneut und Isaak bekommt noch mehrere Halbbrüder (Genesis 25:1-2).

Als Abraham spürt, dass er bald sterben wird, möchte er zuvor noch seinen Sohn Isaak unter die Haube bringen. Da er selbst schon zu schwach dafür ist, bittet er in einem seltsamen Ritual seinen ältesten Sklaven, eine Frau für Isaak zu finden. Aber keine ausländische, versteht sich.

"1 Abraham ward alt und wohl betagt, und der HERR hatte ihn gesegnet allenthalben.
2 Und er sprach zu dem ältesten Knecht seines Hauses, der allen seinen Gütern vorstand: Lege deine Hand unter meine Hüfte
3  und schwöre mir bei dem HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, daß du meinem Sohn kein Weib nehmest von den Töchtern der Kanaaniter, unter welchen ich wohne,  
4 sondern daß du ziehst in mein Vaterland und zu meiner Freundschaft und nehmest meinem Sohn Isaak ein Weib."

(Genesis 24:1-4)



Der Knecht verspricht ihm, eine ethnisch annehmbare Frau zu suchen und findet Rebekka, die Gottes Herrenrasse angehört. Isaak und Rebekka heiraten und bekommen Nachwuchs. Dies gestaltet sich schwierig, da Rebekka eigentlich unfruchtbar ist. Doch mit Gott auf ihrer Seite bekommt sie auf wundersame Weise doch Kinder, und zwar direkt zwei auf einmal.
Die Zwillinge und deren Nachkommen werden zwar auf ewig miteinander verfeindet sein, aber irgendeinen Haken muss es ja geben.

"23 Und der HERR sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Leute werden sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem andern Überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen."

(Genesis 25:23)




DICHT AUF DEN FERSEN

Rebekka bekommt wie angekündigt Zwillinge, die Jakob und Esau genannt werden. Aber auch bei Zwillingen muss ja einer der Erste sein - der kriegt nach dem damaligem Gesetz, dem Erstgeborenen-Recht, den Hauptteil des Erbes, wenn der gute Isaak mal nicht mehr ist.
Esau wird zuerst geboren, auch wenn er mit leichten Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

"24 Da nun die Zeit kam, daß sie gebären sollte, siehe, da waren Zwillinge in ihrem Leibe.
25 Der erste, der herauskam, war rötlich, ganz rauh wie ein Fell; und sie nannten ihn Esau.
26 Darnach kam heraus sein Bruder, der hielt mit seiner Hand die Ferse des Esau;"

(Genesis 25:24-26)



Esau wird geboren und Jakob hängt ihm schon an der Ferse - im wahrsten Sinne des Wortes.



Die Kinder wachsen zu jungen Männern heran. Der haarige Esau wird Jäger und bringt das Essen nach Hause. Sein Bruder Jakob ist sich zu fein zum jagen und bleibt lieber zu Hause. Zudem ist er ein Muttersöhnchen.

"27 Und da nun die Knaben groß wurden, ward Esau ein Jäger und streifte auf dem Felde, Jakob aber ein sanfter Mann und blieb in seinen Hütten.
28 Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Weidwerk; Rebekka aber hatte Jakob lieb.

(Genesis 25:27-28)



JAKOB DER LÜGNER

Leider scheint der gute Esau nicht die allerhellste Leuchte zu sein und tauscht sein Erstgeborenen-Recht eines Tages gegen ein Linsengericht ein.
Aber natürlich nicht nur ein Linsengericht! Esau verhandelt hart und schlägt zusätzlich noch ein Brot heraus für sein Erbrecht. Jakob, der feine Herr, nutzt die Dummheit seines Bruders dankbar aus.

"29 Und Jakob kochte ein Gericht. Da kam Esau vom Felde und war müde  
30 und sprach zu Jakob: Laß mich kosten das rote Gericht; denn ich bin müde. Daher heißt er Edom.  
31 Aber Jakob sprach: Verkaufe mir heute deine Erstgeburt.  
32 Esau antwortete: Siehe, ich muß doch sterben; was soll mir denn die Erstgeburt?  
33 Jakob sprach: So schwöre mir heute. Und er schwur ihm und verkaufte also Jakob seine Erstgeburt. 
34 Da gab ihm Jakob Brot und das Linsengericht, und er aß und trank und stand auf und ging davon. Also verachtete Esau seine Erstgeburt.

(Genesis 25:29-34)



Um sicherzugehen, dass er auch tatsächlich alle Privilegien des Erstgeborenen bekommt, überlistet der gute Jakob noch seinen sterbenden Vater.
Der steinalte und erblindete Isaak fühlt seinen Tod nahen und will nun seinem ältesten Sohn Esau den Erstgeburts-Segen geben. Und was Anständiges essen. 

"1 Und es begab sich, da Isaak alt war geworden und seine Augen dunkel wurden zu sehen, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Er aber antwortete ihm: Hier bin ich.  
2 Und er sprach: Siehe, ich bin alt geworden und weiß nicht, wann ich sterben soll.
3
So nimm nun dein Geräte, Köcher und Bogen, und geh aufs Feld und fange mir ein Wildbret 

4 und mache mir ein Essen, wie ich's gern habe, und bringe mir's herein, daß ich esse, daß dich meine Seele segne, ehe ich sterbe"

(Genesis 27:1-4)

Esau tut, was sein Vater ihm gesagt hat und bricht zum Jagen auf. Seine Mutter Rebekka hat alles mitbekommen und denkt sich, den ollen Isaak kann man doch bestimmt verarschen, so dass er ohne es zu merken ihren Liebling Jakob segnet.

"5 Rebekka aber hörte solche Worte, die Isaak zu seinem Sohn Esau sagte. Und Esau ging hin aufs Feld, daß er ein Wildbret jagte und heimbrächte. 
6 Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem Sohn: Siehe, ich habe gehört deinen Vater reden mit Esau, deinem Bruder, und sagen: 
7 Bringe mir ein Wildbret und mache mir ein Essen, daß ich esse und dich segne vor dem HERRN, ehe ich sterbe. 
8 So höre nun, mein Sohn, meine Stimme, was ich dich heiße.  
9 Gehe hin zur Herde und hole mir zwei gute Böcklein, daß ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er's gerne hat. 
10 Das sollst du deinem Vater hineintragen, daß er esse, auf daß er dich segne vor seinem Tode."

 (Genesis 27:5-10)


Der Alte kann zwar nichts mehr sehen, aber es gibt dennoch ein Problem. Was, wenn Isaak Jakob betasten will? Denn Jakob ist flauschig wie ein Baby-Popo, wogegen Esaus Haut offensichtlich die taktile Beschaffenheit eines Ziegenbocks hat.

"11 Jakob aber sprach zu seiner Mutter Rebekka: Siehe, mein Bruder Esau ist rauh, und ich glatt;
12 so möchte vielleicht mein Vater mich betasten, und ich würde vor ihm geachtet, als ob ich ihn betrügen wollte, und brächte über mich einen Fluch und nicht einen Segen.   
13 Da sprach seine Mutter zu ihm: Der Fluch sei auf mir, mein Sohn; gehorche nur meiner Stimme, gehe und hole mir.
14 Da ging er hin und holte und brachte es seiner Mutter. Da machte seine Mutter ein Essen, wie es sein Vater gern hatte,  
15 und nahm Esaus, ihres älteren Sohnes, köstliche Kleider, die sie bei sich im Hause hatte, und zog sie Jakob an, ihrem jüngeren Sohn;  
16 aber die Felle von den Böcklein tat sie um seine Hände, und wo er glatt war am Halse" 

(Genesis 27:11-16)

Jakob hat keine Skrupel seinen sterbenden Vater anzulügen und seinen Bruder um sein Recht zu betrügen. Sein einziger Einwand gegen den intriganten Plan seiner Mutter betrifft die praktische Durchführbarkeit. Der Trick mit dem Fell klappt aber - obwohl Isaak Jakob an der Stimme erkennt, wird er nicht allzu skeptisch und segnet ihn.

"18 Und er ging hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn?  
19 Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn; ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Steh auf, setze dich und iß von meinem Wildbret, auf daß mich deine Seele segne.
20 Isaak aber sprach zu seinem Sohn: Mein Sohn, wie hast du so bald gefunden? Er antwortete: Der HERR, dein Gott, bescherte mir's.
21 Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, daß ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau seiest oder nicht.  
22 Also trat Jakob zu seinem Vater Isaak; und da er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände.
23 Und er kannte ihn nicht; denn seine Hände waren rauh wie Esaus, seines Bruders, Hände. Und er segnete ihn"
 
(Genesis 27:18-23)





Isaak stirbt jedoch nicht unwissend. Als er gerade seinen Segen beendet hat, kommt der echte Esau rein. Der Vater erkennt ihn und ist bestürzt über den Betrug.

"30 Als nun Isaak vollendet hatte den Segen über Jakob, und Jakob kaum hinausgegangen war von seinem Vater Isaak, da kam Esau, sein Bruder, von seiner Jagd
31 und machte auch ein Essen und trug's hinein zu seinem Vater und sprach zu ihm: Steh auf, mein Vater, und iß von dem Wildbret deines Sohnes, daß mich deine Seele segne. 

32 Da antwortete ihm Isaak, sein Vater: Wer bist du? Er sprach: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn. 
33 Da entsetzte sich Isaak über die Maßen sehr und sprach: Wer ist denn der Jäger, der mir gebracht hat, und ich habe von allem gegessen, ehe du kamst, und habe ihn gesegnet? Er wird auch gesegnet bleiben."

(Genesis 27:30-33)



Obwohl Isaak seinen Sohn anscheinend ganz gerne hat, sieht er nicht ein, den korrekten Erstgeburts-Segen zu sprechen. Er hat ja bereits alles gerade schon mal gesagt. Zweimal Segnen an einem Tag, darauf hat Isaak nun wirklich keine Lust.
Esau bleibt ohne Segen seines Vaters, was ihm das Herz bricht.

"34 Als Esau diese Rede seines Vaters hörte, schrie er laut und ward über die Maßen sehr betrübt und sprach zu seinem Vater: Segne mich auch, mein Vater!
35 Er aber sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen hinweg.  
36 Da sprach er: Er heißt wohl Jakob; denn er hat mich nun zweimal überlistet. Meine Erstgeburt hat er dahin; und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen. Und sprach: Hast du mir denn keinen Segen vorbehalten? 
37 Isaak antwortete und sprach zu ihm: Ich habe ihn zu Herrn über dich gesetzt, und alle seine Brüder habe ich ihm zu Knechten gemacht, mit Korn und Wein habe ich ihn versehen; was soll ich doch dir nun tun, mein Sohn?  
38 Esau sprach zu seinem Vater: Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! und hob auf seine Stimme und weinte."

(Genesis 27:34-38)


Der Vater stirbt, ohne Esau zu segnen. Der ist stinkesauer auf seinen Bruder, der ihn nun zum zweiten Mal übel betrogen hatte und äußert die Absicht, ihn umzubringen. Rebekka kriegt das mit und schickt Jakob weg, aus Angst vor Esaus Rache.



SCHLÄFST DU NOCH?

Unterwegs hat Jakob einen Traum von einer Leiter, die bis zum Himmel reicht. Natürlich keine normale Leiter, denn die sind ja zu kurz, als dass man damit das Weltall erreichen kann, wo Gott und seine Engel ja bekanntermaßen wohnen. 

"10 Aber Jakob zog aus von Beer-Seba und reiste gen Haran  
11 und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an dem Ort schlafen.  
12 Und ihm träumte; und siehe, eine Leiter stand auf der Erde, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder;"

(Genesis 28:10-12)



Oben an der Himmelsleiter steht ein Gott. Da es damals davon so viele davon gab, stellt er sich praktischerweise vor. Er verspricht Jakob das Blaue vom Himmel und Schutz auf seinen Reisen. 

"13 und der HERR stand obendarauf und sprach: Ich bin der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott; das Land darauf du liegst, will ich dir und deinem Samen geben.   
14 Und dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag; und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hin ziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis daß ich tue alles, was ich dir geredet habe."

(Genesis 28:13-15) 




Als Jakob aufwacht, erinnert er sich an seinen seltsamen Traum und ist sich sicher, dass er direkt von Gott stammt. 

"16 Da nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Gewiß ist der HERR an diesem Ort, und ich wußte es nicht;  
17 und fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels."

(Genesis 28:16-17)



Jakob hat nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Engel und der HERR aus seinem Traum echt sind. Die Gleichsetzung von Träumen mit göttlichen Botschaften spielt eine große Rolle im alten Testament (insbesondere in der Geschichte von Jakobs Sohn Josef), aber auch im neuen Testament (z.B. im Buch der Offenbarung). Das klärt doch bei so manchen Episoden aus der Bibel die Frage, wie man auf solch verrückte Geschichten kommen kann...



FRAUENTAUSCH

Jakob hat nun sein Ziel erreicht und wohnt nun im Haus seines Onkels Laban, dem Bruder von Rebekka. Außerdem möchte er für seinen Onkel als Hirte arbeiten. Laban fragt Jakob, was er als Lohn haben möchte. Jakob möchte nichts weiter als Labans Tochter, also seine Cousine, zu heiraten. Natürlich die attraktive und nicht die hässliche Alte, mit der blöden Fresse. 

"16 Laban aber hatte zwei Töchter; die ältere hieß Lea und die jüngere Rahel. 
17 Aber Lea hatte ein blödes Gesicht, Rahel war hübsch und schön.  
18 Und Jakob gewann die Rahel lieb und sprach: Ich will dir sieben Jahre um Rahel, deine jüngere Tochter, dienen
19 Laban antwortete: Es ist besser, ich gebe sie dir als einem andern; bleibe bei mir."

(Genesis 29:16-19)


Gesagt, getan. Jakob arbeitet sieben Jahre für Laban. Er freut sich so auf seinen Lohn, dass die Zeit wie im Flug vergeht und die Hochzeit naht.

"20 Also diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und sie deuchten ihn, als wären's einzelne Tage, so lieb hatte er sie.   
21 Und Jakob sprach zu Laban: Gib mir nun mein Weib, denn die Zeit ist hier, daß ich zu ihr gehe.  
22 Da lud Laban alle Leute des Orts und machte ein Hochzeitsmahl."

(Genesis 29:20-22)


Aber Laban zieht einen bösen Streich mit Jakob ab und jubelt ihm statt der hübschen Rahel seine hässliche Tochter Lea unter.

"23 Des Abends aber nahm er seine Tochter Lea und brachte sie zu ihm; und er ging zu ihr. 
24 Und Laban gab seiner Tochter Lea seine Magd Silpa zur Magd.  
25 Des Morgens aber, siehe, da war es Lea. Und er sprach zu Laban: Warum hast du mir das getan? Habe ich dir nicht um Rahel gedient? Warum hast du mich denn betrogen? 
26 Laban antwortete: Es ist nicht Sitte in unserm lande, daß man die jüngere ausgebe vor der älteren."

(Genesis 29:23-26)



Eine Ironie der Geschichte: Der Betrüger wird zum Betrogenen. Während er zuvor das Erstgeborenen-Recht seines Bruders missachtet hatte, wird ihm nun ein anderes Erstgeborenen-Recht zum Verhängnis. Denn die ältere Tochter hat nun mal Vorrang bei einer Hochzeit - sogar wenn sie hässlich ist.

Die hübsche Rahel darf Jakob auch heiraten, muss aber noch weitere sieben Jahre für seinen Onkel schuften.

"28 Jakob tat also und hielt die Woche aus. Da gab ihm Laban Rahel, seine Tochter, zum Weibe  
29 und gab seiner Tochter Rahel seine Magd Bilha zur Magd.
30 Also ging er auch zu Rahel ein, und hatte Rahel lieber als Lea; und diente bei ihm fürder die andern sieben Jahre."

(Genesis 29:28-30)



Jakob bekommt von seinen beiden Frauen Lea und Rahel sowie von deren Mägden insgesamt zwölf Söhne. Wahrscheinlich auch noch ein paar Töchter, aber die sind es wohl nicht wert, erwähnt zu werden. (Ausnahme ist Dinah, die wahrscheinlich erwähnt wird, da sie in einer späteren Episode involviert ist.)
Von den zwölf Söhnen Jakobs stammen der Legende nach die zwölf Stämme Israels ab, die auch deren Namen tragen. Die meisten der zwölf Brüder haben sonst keine besondere Funktion und sind Statisten in der Erzählung um ihren Vater und in der darauffolgenden Geschichte um Jakobs Lieblingssohn Josef. Nicht jeder kann als Star geboren werden...



DARWIN'S NIGHTMARE

Nachdem Jakob die Raten für seine Zweitfrau abgearbeitet hat, möchte er nun mit seiner Familie zurück in die Heimat.
Laban gewährt ihm den Wunsch, alle gefleckten Schafe und schwarzen Lämmer als Abschiedsgeschenk behalten zu dürfen. Eine gute Gelegenheit, es dem Onkel noch mal richtig für die Nummer mit der hässlichen Tochter heimzuzahlen! Durch seine überlegenen Genetik-Kenntnisse züchtet er nämlich extrem viele gefleckte Schafe und schwarze Lämmer.

"37 Jakob aber nahm Stäbe von grünen Pappelbäumen, Haseln und Kastanien und schälte weiße Streifen daran, daß an den Stäben das Weiß bloß ward, 
38 und legte die Stäbe, die er geschält hatte, in die Tränkrinnen vor die Herden, die kommen mußten, zu trinken, daß sie da empfangen sollten, wenn sie zu trinken kämen. 
39 Also empfingen die Herden über den Stäben und brachten Sprenklinge, Gefleckte und Bunte.  
40 Da schied Jakob die Lämmer und richtete die Herde mit dem Angesicht gegen die Gefleckten und Schwarzen in der Herde Labans und machte sich eine eigene Herde, die tat er nicht zu der Herde Labans. 
41 42 aber in der Spätlinge Lauf legte er sie nicht hinein. Also wurden die Spätlinge des Laban, aber die Frühlinge des Jakob.  
43 Daher ward der Mann über die Maßen reich, daß er viele Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Esel hatte. Wenn aber der Lauf der Frühling-Herde war, legte er die Stäbe in die Rinnen vor die Augen der Herde, daß sie über den Stäben empfingen; 

(Genesis 30:37-43)


Die Schafe bekommen also gefleckten Nachwuchs, da sie beim Paaren ein geflecktes Muster betrachten. Genauso wie Menschen weißhäutige Kinder kriegen, wenn sie beim Sex eine weiße Tapete anschauen.
Eine solch wissenschaftlich exakte Darstellung von Genetik beweist eindrücklich, dass der Allmächtige die Bibelschreiber inspiriert haben muss.



AUF DER SUCHE NACH DEN VERLORENEN GÖTTERN

Die Abreise gestaltet sich schwierig, da Labans Söhne schlechte Stimmung gegen Jakob machen, da der mit einem Großteil ihres Erbes abziehen will. Gott beobachtet das Ganze und gibt den Befehl zur heimlichen Flucht.

"3 Und der HERR sprach zu Jakob: Ziehe wieder in deiner Väter Land und zu deiner Freundschaft; ich will mit dir sein."

(Genesis 31:3)


Jakob, seine Familie und das scheckige Vieh brechen überstürzt auf, ohne Laban Bescheid zu geben. Als dieser das erfährt, folgt er ihnen. Unterwegs kommt es zum Showdown: Laban und seine Leute holen Jakobs Gruppe ein.

"22 Am dritten Tage ward Laban angesagt, daß Jakob geflohen wäre.
23 Und er nahm seine Brüder zu sich und jagte ihm nach sieben Tagereisen und ereilte ihn auf dem Berge Gilead"

(Genesis 31:22-23)


Aber zum Glück hat Jakob ja Gott als Freund. Der erscheint Laban im Traum und droht ihm.

"24 Aber Gott kam zu Laban, dem Syrer, im Traum des Nachts und sprach zu ihm: Hüte dich, daß du mit Jakob nicht anders redest als freundlich. 
25 Und Laban nahte zu Jakob. Jakob aber hatte seine Hütte aufgeschlagen auf dem Berge; und Laban mit seinen Brüdern schlug seine Hütte auch auf auf dem Berge Gilead.
26 Da sprach Laban zu Jakob: Was hast du getan, daß du mich getäuscht hast und hast meine Töchter entführt, als wenn sie durchs Schwert gefangen wären?  
27 Warum bist du heimlich geflohen und hast dich weggestohlen und hast mir's nicht angesagt, daß ich dich hätte geleitet mit Freuden, mit Singen mit Pauken und Harfen?  
28 Und hast mich nicht lassen meine Kinder und Töchter küssen? Nun, du hast töricht getan. 
29 Und ich hätte wohl so viel Macht, daß ich euch könnte Übles tun; aber eures Vaters Gott hat gestern zu mir gesagt: Hüte dich, daß du mit Jakob nicht anders als freundlich redest."
 

(Genesis 31:24-29)


Aber noch ist die Gefahr für unsere flüchtenden Protagonisten nicht vorüber. Laban vermisst nämlich seine Götter. Jakob verspricht Laban, dass wer auch immer die Götter Labans gestohlen hat, sofort hingerichtet würde.
Was er nicht weiß: Der Götterdieb war niemand anderes als seine Lieblingsfrau Rahel...

"30
Und weil du denn ja wolltest ziehen und sehntest dich so sehr nach deines Vaters Hause, warum hast du mir meine Götter gestohlen?
31 Jakob antwortete und sprach zu Laban: Ich fürchtete mich und dachte, du würdest deine Töchter von mir reißen.
32 Bei welchem du aber deine Götter findest, der sterbe hier vor unsern Brüdern. Suche das Deine bei mir und nimm's hin. Jakob wußte aber nicht, daß sie Rahel gestohlen hatte."
 

(Genesis 31:30-32)



Labans Crew durchsucht jede Ecke des Ladens...
Doch durch einen cleveren Trick kann Rahel die Götter verstecken. Sie setzt sich einfach drauf und behauptet, als ihr Vater eintritt, sie könne nicht aufstehen, da sie gerade ihre Periode hat.

"34 Da nahm Rahel die Götzen und legte sie unter den Kamelsattel und setzte sich darauf. Laban aber betastete die ganze Hütte und fand nichts.
35 Da sprach sie zu ihrem Vater: Mein Herr, zürne mir nicht, denn ich kann nicht aufstehen vor dir, denn es geht mir nach der Frauen Weise. Also fand er die Götzen nicht, wie sehr er suchte."

(Genesis 31:34-35)


Puh, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen! Doch die nächste Gefahr befindet sich bereits im Verzug...



CLOSE ENCOUNTERS

Zunächst ist alles wieder gut. Laban und Jakob vertragen sich. Jakob und Anhang ziehen weiter. Unterwegs genießen sie die örtlichen Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel Engel Gottes.

"1 Des Morgens aber stand Laban früh auf, küßte seine Kinder und Töchter und segnete sie und zog hin und kam wieder an seinen Ort.  
2 Jakob aber zog seinen Weg; und es begegneten ihm die Engel Gottes.
3 Und da er sie sah, sprach er: Es sind Gottes Heere; und hieß die Stätte Mahanaim."

(Genesis 32:1-3)



Doch kurz darauf kommen Boten, um vor einem drohenden Unheil zu warnen: Esau, wegen dessen Morddrohung Jakob sein Zuhause ja einst verlassen hatte, befindet sich auf dem Weg zu ihm... 

"7 Die Boten kamen wieder zu Jakob und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau; und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann." 

(Genesis 32:1-3)

Jakob traut seinem Bruder nicht nur zu, dass er ihn umbringt, sondern hat auch Angst um seine Frauen und Kinder.

"12 Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm, daß er nicht komme und schlage mich, die Mütter samt den Kindern"

(Genesis 32:12)



An diesem Abend verlässt Jakob seine Familie und übernachtet ganz alleine. Er verbringt die ganze Nacht damit, mit einem Mann zu ringen.

"22Also ging das Geschenk vor ihm her, aber er blieb dieselbe Nacht beim Heer [...]
25 und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach."


(Genesis 32:23-25)




Wir erfahren nicht, wer denn Streit begonnen hat oder warum Jakob überhaupt mit diesem Mann ringt, der sich später als Gott persönlich herausstellt...

"26 Und da er sah, daß er ihn nicht übermochte, rührte er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk der Hüfte Jakobs ward über dem Ringen mit ihm verrenkt.
27
Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 

28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.
29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen."

(Genesis 32:26-29)



Jakob trifft Gott und die einzige Frage, die ihm einfällt, ist nach seinem Namen...

"30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. 
31 Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen."

(Genesis 32:30-31)


Gott will zwar seinen eigenen Namen nicht verraten, gibt Jakob aber einen neuen: "Israel", was in etwa "streiten mit Gott" bedeutet. Allerdings wird er im Buch Genesis auch weiterhin "Jakob" genannt - auch von Gott selbst...





O  BROTHER, WHERE ART THOUGH?

Endlich kommt es zum Treffen mit Esau. Aber Jakob hat seinen Bruder falsch eingeschätzt: Esau möchte ihn gar nicht töten, sondern hat ihm verziehen und freut sich, seinen Bruder wiederzusehen. 

"4 Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küßte ihn; und sie weinten."

(Genesis 33:4)

Esau lädt seinen Bruder und dessen Familie zu sich ein. Sie einigen sich darauf, dass Esau und Gefolge vorausreiten und Jakob ihnen folgt. 

"12 Und er sprach: Laß uns fortziehen und reisen, ich will mit dir ziehen. 
13 Er aber sprach zu ihm: Mein Herr, du erkennest, daß ich zarte Kinder bei mir habe, dazu säugende Schafe und Kühe; wenn sie einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben.  
14 Mein Herr ziehe vor seinem Knechte hin. Ich will gemächlich hintennach treiben, nach dem das Vieh und die Kinder gehen können, bis daß ich komme zu meinem Herrn nach Seir. 
15 Esau sprach: So will ich doch etliche bei dir lassen vom Volk, das mit mir ist. Er antwortete: Was ist's vonnöten? Laß mich nur Gnade vor meinem Herrn finden.  
16 Also zog des Tages Esau wiederum seines Weges gen Seir."

(Genesis 33:12-16)


Doch Jakob denkt nicht daran. Dass er Esau folgen würde, war eine Lüge - er nimmt einen anderen Weg (Genesis 33:17-19). Schon wieder hat er Esau hereingelegt und lässt ihn vergeblich auf seinen verlorenen Bruder warten.



ALTER VADDA!

Bei der Geburt von Jakobs jüngstem Sohn, Benjamin, stirbt Rahel. Das ist natürlich sehr traurig, denn nun hat Jakob als Ehefrauen nur noch Lea mit dem blöden Gesicht und ein paar Sklaven. Ein Gutes hat das Ganze: Nun muss Jakob seinem Sohn wenigstens nicht den doofen Namen geben, den die sterbende Rahel für ihr Kind ausgesucht hatte.

"16 Und sie zogen von Beth-El. Und da noch ein Feld Weges war von Ephrath, da gebar Rahel. 
17
 Und es kam sie hart an über der Geburt. Da aber die Geburt so schwer ward, sprach die Wehmutter zu ihr: Fürchte dich nicht, denn diesen Sohn wirst du auch haben. 
18
 Da ihr aber die Seele ausging, daß sie sterben mußte, hieß sie ihn Ben-Oni; aber sein Vater hieß ihn Ben-Jamin"

(Genesis 35:16-18)



Überraschend erfahren wir nun, dass Isaak, Jakobs und Esaus Vater, immer noch lebt. Obwohl er ja schon vor mindestens vierzehn Jahren im Sterben gelegen hatte! (Jakob hatte für jede seiner Frauen jeweils sieben Jahre arbeiten müssen, sogar für die hässliche.) Der vermeintliche Tod war ja überhaupt erst der Grund für den geklauten Erstgeborenen-Segen und Jakobs Flucht.
Im Kreise seiner Familie stirbt Isaak nun endlich dann doch mal.

"27 Und Jakob kam zu seinem Vater Isaak gen Mamre zu Kirjat-Arba, das da heißt Hebron, darin Abraham und Isaak Fremdlinge gewesen sind.
28 Und Isaak ward hundertundachtzig Jahre alt
29 und nahm ab und starb und ward versammelt zu seinem Volk, alt und des Lebens satt. Und seine Söhne Esau und Jakob begruben ihn."

(Genesis 35:27-29)




GOD LOVES YOU AS HE LOVED JACOB

Was lernen wir durch die ganze Geschichte über Gott?

Der Kirchen-Reformator Johannes Calvin vertrat die Ansicht, dass Gott bereits entschieden hat, ob man in Himmel oder Höhle kommt - bevor man überhaupt geboren wird. Wenn man auserwählt ist, kommt man in den Himmel und wenn nicht, dann nicht. Und es gibt rein gar nichts, was man dagegen tun kann.
Wenn man nicht zu den glücklichen Menschen gehört, die Gott für den Himmel ausersehen hat, kann man nicht durch den Glauben an Jesus errettet werden (was Luther predigte), nicht einmal durch rechten Glauben und gute Taten (wie die katholische Kirche dies behauptet).

Das klingt nicht unbedingt nach einem Gott, den man in irgend einem Sinne des Wortes als "gerecht" bezeichnen kann. Allerdings ist Calvins Theorie durch viele Bibelgeschichten belegbar:  Ganz besonders durch die Story um Jakob und Esau.

Bereits vor der Geburt der Zwillinge hatte Gott entschieden, dass Jakob Esau unterlegen sein wird.
Dies kündigt er ja eindeutig an. Esau hatte nie eine Chance, von Gott geliebt zu werden.

"2 Ich habe euch lieb, spricht der HERR. So sprecht ihr: "Womit hast du uns lieb?" Ist nicht Esau Jakobs Bruder? spricht der HERR; und doch habe ich Jakob lieb

3 und hasse Esau und habe sein Gebirge öde gemacht und sein Erbe den Schakalen zur Wüste."

(Maleachi 1:2-3)


Nun könnte man auf den Einwand kommen, Gott sei ja allwissend und kenne daher die Zukunft. So wisse er ja schon vor der Geburt eines Menschen, was dieser tun werde und wenn er in die Hölle kommt, ist es seine eigene Schuld. Sein eigenes Handeln bringt ihm die Verdammnis und das weiß Gott natürlich schon seit immer, wie alles. Also ist es absolut fair, dass Gott schon bei deiner Geburt weiß, dass du in die Hölle kommst.

Dagegen gibt es zwei gewichtige Argumente.
Erstens: Wenn Gott die persönliche Zukunft aller Menschen kennt, haben sie keinen freien Willen.
Ein freier Wille würde bedeuten, dass man in einer Situation X die Möglichkeit hat, auf eine bestimmte Art zu handeln oder auch anders. Wenn Gott alle Handlungen unser Leben aber schon vor uns kennt, können wir immer nur auf eine einzige Art handeln. Dann gibt es keine Entscheidungen mehr, wir haben keine Wahl und damit keinen freien Willen. Somit können wir rein gar nichts gegen unsere bösen Taten unternehmen und werden von Gott für etwas bestraft, über das wir nicht die geringste Kontrolle haben.

Zweitens: Die Jakob/Esau-Geschichte verdeutlicht doch sehr direkt, dass Gott bestimmte Leute auserwählt, egal, ob die sich gut oder schlecht verhalten.
Fassen wir die ganze Saga doch noch mal zusammen: Esau jagt und versorgt seine Familie und bemüht sich so, die Rolle des Erstgeborenen zu erfüllen. Als er vom Arbeiten einmal völlig erschöpft ist und dennoch wohl nichts fangen konnte, tauscht er ein Linsengericht gegen sein Erbrecht. Zugegebenermaßen war das wohl nicht besonders klug, aber nicht Esau ist an seinen begrenzten, geistigen Kapazitäten Schuld: Gott hat ihn so gemacht. Sein eigener Zwillingsbruder betrügt ihn und seine Mutter liebt Jakob mehr als ihn.
Und dann stirbt auch noch sein geliebter Vater, für den er immer alles getan hat, um ihn zu gefallen. Doch statt wie es Tradition wäre, bekommt Esau in dieser schweren Stunde nicht den Segen seines Vaters. Stattdessen muss er erfahren, dass sein Bruder ihn erneut betrogen hat und seine Mutter beteiligt war. Nach all dem besitzt Esau dennoch die Größe, seinem Bruder später zu verzeihen.

Jakob dagegen betrügt seinen eigenen Zwillingsbruder und seinen vermeintlich sterbenden Vater. Und als er Gott begegnet, verprügelt er diesen. Es sollte keinen Zweifel geben, wer in dieser Geschichte der Gute ist. Aber Esau war einfach nicht erwählt. 

"23 Und der HERR sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Leute werden sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem andern Überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen."

(Genesis 25:23)



Das gleiche Pech hatte schon Isaaks älterer Bruder Ishmael, der ebenfalls nicht auserwählt war und von seinem Vater Abraham deswegen auf Nimmerwiedersehen in die Wüste geschickt wird (Genesis 21:14). Ishmael hatte, wie Esau, nichts falsch gemacht. Gott hasst ihn einfach - unwiderruflich, aus Prinzip.
Diese Theologie wird nicht nur im alten Testament vertreten: Im neuen Testament predigt zum Beispiel Paulus diese Position recht deutlich: 

"10 Nicht allein aber ist's mit dem also, sondern auch, da Rebekka von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger ward:
11 ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl,
12
nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers, ward zu ihr gesagt: "Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren",  

13 wie denn geschrieben steht: "Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt." 

(Römer 9:10-13)


Der Gott Calvins und der Gott von Paulus ist der definitiv auch der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs: Kein gerechter. Ein Wesen, dass leidensfähige Geschöpfe nur aus dem Grund erschafft, um diese dann zu hassen und in die Hölle zu werfen, wo sie auf ewig gequält werden.
Böser Gott! Böse! Aus!





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SERIE: "DAS BUCH GENESIS"


20. Dezember 2010

DEKONSTRUKTION (Der Mythos Jesus Teil 5)


[Teil 1: Der unsichtbare Mann]
[Teil 2: Leben wie Gott in Galiläa]
[Teil 3: Lehre/Versprechungen] [Teil 4: Auf den Schultern von Riesen] 

Das neue Testament ist schon dem Namen nach eine Fortsetzung. Und um die gesamte Bibel als einheitliche Offenbarung des selben Gottes zu etablieren, wird im neuen Testament kräftig aus dem alten zitiert.
Besonders betont werden die vielen Prophezeiungen über den kommenden Messias, die Jesus angeblich erfüllt. Damals schien das zu überzeugen - heute allerdings weniger, da die meisten Leute mittlerweile lesen können: Ein großes Problem für Verteidiger der "heiligen Schrift"...





GESETZ IST GESETZ

Das alte Testament wird in den christlichen Schriften mit verschiedenen Zielen zitiert. So benutzt Jesus in den Evangelien oft Zitate, um klarzumachen, dass das alte Testament noch immer gültiges Gesetz ist, da es von Gott stammt.
Wie in der heiteren Episode, in der Jesus die Pharisäer ermahnt, Gottes Gesetze einzuhalten und respektlose Kinder hinzurichten. Dabei zitiert er wörtlich aus der Torah (Exodus 21:17).

"9 Und er [=Jesus] sprach zu ihnen: Wohl fein habt ihr Gottes Gebote aufgehoben, auf daß ihr eure Aufsätze haltet. 
10 Denn Mose hat gesagt: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren," und "Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben." "

(Markus 7:9-10)


Jesus zitiert Moses' Gesetz und lässt keinen Zweifel daran, dass Gott durch dieses Gesetz spricht.
An sehr vielen Stellen im neuen Testament wird die Wichtigkeit von Gottes gesamter Schrift betont.

"14 Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und dir vertrauet ist, sintemal du weißt, von wem du gelernt hast.  
15 Und weil du von Kind auf die heilige Schrift weißt, kann dich dieselbe unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum.
16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit"

(2. Timotheus 3:14-16)






GOTTES WERK UND MOSES' BEITRAG

Also müssen wir uns nur an das gesamte alte und neue Testament halten und wir befolgen Gottes Gesetze?
Nö! Das wär ja zu einfach...

Im Matthäus-Evangelium, macht Jesus eine interessante Bemerkung zum Thema Scheidung. Die ist in der Torah, die auch die christliche Bibel eröffnet (- als die "fünf Bücher Mose"), eindeutig erlaubt.
Aber seltsamerweise nicht von Gott, wie wir von Jesus erfahren...

"7 Da sprachen sie: Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und sich von ihr zu scheiden?
 8 Er [=Jesus] sprach zu ihnen: Mose hat euch erlaubt zu scheiden von euren Weibern wegen eures Herzens Härtigkeit; von Anbeginn aber ist's nicht also gewesen. 
9 Ich sage aber euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um der Hurerei willen) und freit eine andere, der bricht die Ehe; und wer die Abgeschiedene freit, der bricht auch die Ehe."

(Matthäus 19:7-9)



Die Erlaubnis zur Scheidung war also gar nicht Gottes Idee?
Angeblich stammt dieses Gesetz nun von Moses persönlich, da das auserwählte Volk unter Härtigherzigkeit leiden musste. Dabei ist es aber keineswegs als Moses' persönliches Gebot gekennzeichnet, sondern wird wie alle anderen Gesetze der Torah Gott persönlich in den Mund gelegt (- Im fünften Buch Mose, Deuteronomium 24:1). Offensichtlich ist die einzige Möglichkeit, zwischen Gottes Gesetzen und Menschengesetzen unterscheiden zu können, wenn Gottes Sohn das persönlich klarstellt.

Anscheinend hatte Gott kein Problem damit, zuzulassen, dass sein auserwähltes Volk jahrhundertelang Gesetze befolgt, die gegen seine Überzeugung sind - weil sie fälschlicherweise glauben, die Gesetze stammten von Gott.
Und das alles wegen ihrer Herzen Härtigkeit, die Gott (warum auch immer) nicht beenden wollte oder konnte...

Jesus sagt uns nun aber, Scheidung sei Ehebruch. Die dafür im neuen Testament vorgesehene Strafe ist die Hölle (siehe z.B. Matthäus 5).

Geschiedene Juden, die sich ihr ganzes Leben lang an sämtliche Gesetze der Torah gehalten haben, im Glauben, Gottes Willen ausführen - die werden ganz schön blöd aus der Wäsche gucken, wenn sie sich in der Hölle treffen!



EVERYDAY IS LIKE SUNDAY

Der Scheidungsparagraf ist nicht die einzige Stelle in Moses' Gesetz, die laut Jesus nicht von Gott stammt und daher ungültig ist. Auch das Verbot, am Sabbat zu arbeiten, ist von gestern. Jesus arbeitet in den Evangelien des Öfteren am Sabbat und findet das völlig Okay.
Vor Jesus haben die Juden Leute dafür ermordet - in der Torah wird nämlich die Todesstrafe für Sonntagsarbeit gefordert.

"32 Als nun die Kinder Israel in der Wüste waren, fanden sie einen Mann Holz lesen am Sabbattage.
33 Und die ihn darob gefunden hatten, da er das Holz las, brachten sie ihn zu Mose und Aaron und vor die ganze Gemeinde.  

34 Und sie legten ihn gefangen; denn es war nicht klar ausgedrückt, was man mit ihm tun sollte. 
35 Der HERR aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager.
36 Da führte die ganze Gemeinde ihn hinaus vor das Lager und steinigten ihn, daß er starb, wie der HERR dem Mose geboten hatte.

37 Und der HERR sprach zu Mose:  
38 Rede mit den Kindern Israel und sprich zu ihnen, daß sie sich Quasten machen an den Zipfeln ihrer Kleider samt allen ihren Nachkommen, und blaue Schnüre auf die Quasten an die Zipfel tun;"

(Numeri 15:32, siehe auch Exodus 31:14, Exodus 35:2)



Dass Menschen sterben müssen wegen Gesetzen, die nicht von Gott stammen: Das kann Gott natürlich nicht auf sich sitzen lassen. So schickt er sofort (nach wenigen hundert Jahren) seinen Sohn, um den Fehler zu beseitigen.
Leider etwas zu spät für den gesteinigten Feuerholzsammler, aber Gott kann ja auch nicht immer überall sein. Schließlich war er gerade damit beschäftigt, eine Kleiderordnung für sein auserwähltes Volk und deren Nachkommen zu entwickeln - Die gilt wohl immer noch, da Jesus sie nicht außer Kraft setzt.
Und zuvor war er damit beschäftigt, die Ermordung des Feuerholzsammlers persönlich anzuordnen...

Das wirklich Erstaunliche an der Aufhebung des Sabbatgebots ist seine Begründung: Jesus zitiert nämlich das alte Testament als Beweis dafür, dass ein Gebot aus dem alten Testament ungültig ist.

Dabei hält er eine Stelle aus Kapitel 24 des Buches Levitikus für einen Anhaltspunkt, dass ein Gebot aus Kapitel 23 des Buches Levitikus nicht gildet (24:9 und 23:3).

"1 Zu der Zeit ging Jesus durch die Saat am Sabbat; und seine Jünger waren hungrig, fingen an, Ähren auszuraufen, und aßen. 
2 Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was sich nicht ziemt am Sabbat zu tun.   
3 Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, da ihn und die mit ihm waren, hungerte?  
4 wie er in das Gotteshaus ging und aß die Schaubrote, die ihm doch nicht ziemte zu essen noch denen, die mit ihm waren, sondern allein den Priestern?   
5 Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld?"

(Matthäus 12:1-5)

Viele der heutigen Christen halten die zehn Gebote für zeitlose, göttliche Gesetze und werden nicht müde, dies allen zu erzählen, die es hören wollen. Und auch allen anderen.
Dabei hebt Jesus hier eines dieser zehn Gebote auf, nämlich das vierte, das damit also ganz eindeutig nicht zeitlos ist.
Was für zeitlose Gesetze, diese berühmten neun Gebote!



WAS NICHT PASST...

Nicht jedes Zitat aus dem alten Testament bezieht sich auf die alten Gesetze. Besonders beliebt sind Zitate aus den Prophetenbüchern, die angeblich Jesus Leben und Wirken exakt vorhersagen.

So erwähnt zum Beispiel der Autor des Matthäus-Evangeliums besonders häufig vermeintlich erfüllte Prophezeiungen aus den alten Schriften.
Schauen wir uns doch einmal zwei Beispiele aus den ersten zwei Kapiteln seines Evangeliums an, die von Jesus' Kindheit erzählen.

Matthäus berichtet, dass ein Engel die Geburt Jesu ankündigt. Die soll eine Prophezeiung aus dem Buch Jesaja erfüllen.

"20 Indem er aber also gedachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des HERRN im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Gemahl, zu dir zu nehmen; denn das in ihr geboren ist, das ist von dem heiligen Geist. 
21 Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen; denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden.  
22 Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllt würde, was der HERR durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: 
23 "Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen", das ist verdolmetscht: Gott mit uns."

(Matthäus 1:20-23)



Auf den ersten Blick ist das Zitat recht getreu wiedergegeben.

"14 Darum so wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel."

(Jesaja 7:14)


Eine kleine Änderung vom Original zum Zitat - die bedeutender ist als sie scheint - ist die Korrektur von:
- ein Kind, das seine Mutter Immanuel nennen soll, wird geboren (Original)
- ein Kind, das von einer nicht definierten Gruppe Immanuel genannt wird, wird geboren (Matthäus)

In Matthäus' Version von Jesaja könnte Jesus durchaus Jesus heißen und von manchen Menschen "Immanuel" genannt werden, als eine Art Titel oder Spitzname - Auch wenn Jesus im gesamten neuen Testament kein einziges Mal von irgendwem "Immanuel" genannt wird.
Im Original-Jesaja steht aber, dass die Mutter ihren Sohn Immanuel nennen soll. Sprich: Er heißt Immanuel - und nicht Jesus.

Korrigieren wir die Verfälschung des Jesaja-Zitats, lautet die erfüllte Prophezeiung so:
- Eine Jungfrau soll einen Sohn gebären, den sie Jesus nennen soll
Damit wird folgende Prophezeiung erfüllt:
- Eine Jungfrau soll einen Sohn gebären, den sie Immanuel nennen soll.


Aber immerhin wurde die Jungfrauen-Geburt vorausgesagt, das ist doch schon mal was.
Sollte man denken....
Im hebräischen Originaltext von Jesaja wird das Wort "Alma" benutzt. Die Übersetzung in "Jungfrau" ist aber schlichtweg falsch, das Wort bedeutet "junge Frau, Mädchen".
In modernen Übersetzungen der Bibel wird das Wort "Alma" auch an allen anderen Stellen, in denen es im hebräischen Originaltext benutzt wird, mit "Mädchen" oder "junge Frau" übersetzt (z.B. Exodus 2:8, Psalm 68:26, Sprüche 30:19). Nur in der angeblichen Prophezeiung nicht, welch ein Zufall...
Zumindest in christlichen Übersetzungen: In jüdischen Übersetzungen ist hingegen von einer jungen Frau die Rede und jüdische Gelehrte weisen seit Jahrhunderten auf die Fehlübersetzung der Christen hin.

Verbessern wir die angebliche Prophezeiung also noch einmal:
- Eine Jungfrau soll einen Sohn gebären, den sie Jesus nennen soll
Damit wird folgende Prophezeiung erfüllt:
- Eine junge Frau soll einen Sohn gebären, den sie Immanuel nennen soll.

Die  übrig gebliebene Vorhersage, dass eine Frau einen Sohn gebären werde ist wohl eine nicht allzu gewagte Prognose. Doch es kommt noch dicker: In der zitierten Jesaja-Stelle geht es gar nicht um den kommenden Messias oder sonst ein Ereignis in der Zukunft.
Es ist ein Bericht über einen Krieg, der angeblich im 8. Jahrhundert vor Christus stattfand.
Die Juden, die ja immer noch auf ihren Messias warten, haben diese Passage in Jesaja auch niemals als messianische Prophezeiung verstanden.

Beeindruckend: Jesus erfüllt alle Prophezeiungen des alten Testaments - selbst die, die keine sind!



BABY, COME BACK!

Entfernt man also Fehlübersetzungen und betrachtet die angebliche Prophezeiung im Kontext, verschwinden die angeblichen Parallelen ins Nichts.

Ein weiteres Beispiel dafür finden wir ebenfalls in Matthäus' Bericht von Jesus Kindheit.
Dort fliehen Maria und Josef mit ihrem neugeborenen Sohn Jesus vor einem Tyrannen. Als sie dieses Exil in Ägypten verlassen, wird damit scheinbar eine weitere Prophezeiung erfüllt.

"13 Da sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des HERRN dem Joseph im Traum und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und flieh nach Ägyptenland und bleib allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Herodes das Kindlein suche, dasselbe umzubringen.
14 Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich nach Ägyptenland. 
15 Und blieb allda bis nach dem Tod des Herodes, auf daß erfüllet würde, was der HERR durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: "Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen."

(Matthäus 2:13-14)



Doch die zitierte Stelle hat mit Jesus nichts zu tun. Es geht darin vielmehr um das Volk Israel, was man eigentlich schon erahnen kann, wenn man die andere Hälfte des zitierten Verses liest. 

"1 Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten.   
2 Aber wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalim und räuchern den Bildern. [...]
5 Sie sollen nicht wieder nach Ägyptenland kommen, sondern Assur soll nun ihr König sein; denn sie wollen sich nicht bekehren."

(Hosea 11:1-2,5)


 


Im einzigen anderen Evangelium, das von Jesus' Kindheit erzählt, dem Lukas-Evangelium, kommt die Geschichte von der Reise nach Ägypten übrigens gar nicht vor. Auch die umstrittene Prophezeiung aus dem Buch Jesaja, von der Jungfrau, die ein Kind bekommen soll, wird hier nicht erwähnt.



JACKASS

Die Zitierwut von Matthäus hat eine absurde und unfreiwillig komische Episode zur Folge.
In der alten Schrift steht geschrieben, der kommende Messias werde auf einem Esel nach Jerusalem einreiten.

"9 Frohlocke sehr, du Tochter Zion, jauchze, du Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Retter ist er, demütig und reitet auf einem Esel, auf dem Füllen der Eselin."

(Sacharja 9:9)


Leider hatte Matthäus wohl eine falsche Übersetzung dieser Stelle zur Verfügung oder hat sie falsch verstanden. Zumindest glaubt er, dass Jesus nicht auf einem Füllen (ein junger, männlicher Esel) von einer Eselin angeritten kommt, sondern auf einem Füllen und einer Eselin. Und da Matthäus glaubt, dies sei so prophezeit, reitet Jesus in seinem Bericht auch tatsächlich auf zwei Eseln gleichzeitig ein...

"6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und setzten ihn darauf.  

8 Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 
9 Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des HERRN! Hosianna in der Höhe!

(Matthäus 21:6-9)




Die anderen Evangelien berichten im Widerspruch dazu den Einritt auf nur einem Esel (Markus 11, Lukas 19 und Johannes 12).
Warum nur ein Esel? Natürlich, damit die Prophezeiung aus der alten Schrift erfüllt wird...

"14 Jesus aber fand ein Eselein und ritt darauf; wie denn geschrieben steht:
15 "Fürchte dich nicht du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, reitend auf einem Eselsfüllen."

(Johannes 12:14-15)




WORTAKROBAT

Ein Zitat zu nehmen und etwas Entscheidenes wegzulassen ist ein im neuen Testament beliebtes Stilmittel - Genau wie einem Zitat etwas Entscheidenes hinzuzufügen.

"5 Darum, da er in die Welt kommt, spricht er: "Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; den Leib aber hast du mir bereitet.

6 Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht."
[...]
10 In diesem Willen sind wir geheiligt auf einmal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi."

(Hebräer 10:5-6,10)


Der Autor des Hebräerbriefs versucht hier zu beweisen, dass Jesus' Opferrolle schon im alten Testament angekündigt wurde. Doch die zitierte Stelle lautet anders. 

"7 Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht; aber die Ohren hast du mir aufgetan. Du willst weder Brandopfer noch Sündopfer."

(Psalm 40:7)


Wenn man "die Ohren hast du mir aufgetan" in "den Leib aber hast du mir bereitet" ändert, klingt es doch gleich viel mehr nach Jesus. Clever!



I AM HE / AS YOU ARE HE / AS YOU ARE ME  / AND WE ARE ALL TOGETHER

Eine Prophezeiung, die im neuen Testament erwähnt wird und auch tatsächlich im alten Testament steht, ist die Ankündigung von der Wiederkehr Elias.
Elia ist einer der wichtigsten Propheten im alten Testament. Am Ende seines irdischen Lebens ist er nicht etwa gestorben wie ein gemeiner Straßenprophet - stattdessen, so berichtet die Bibel, fährt er in den Himmel.

"11 Und da sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander; und Elia fuhr also im Wetter gen Himmel"

(2. Könige 2:11)




Dort wartet er auf sein Comeback, wie es im alten Testament angekündigt wird. Seine Wiederkehr ist ein wichtiges Zeichen, dass der Weltuntergang nah ist.

"21 Ihr werdet die Gottlosen zertreten; denn sie sollen Asche unter euren Füßen werden des Tages, den ich machen will, spricht der HERR Zebaoth.
 22 Gedenkt des Gesetzes Mose's, meines Knechtes, das ich ihm befohlen habe auf dem Berge Horeb an das ganze Israel samt den Geboten und Rechten.
23 Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des HERRN."


(Maleachi 3:21-23)


Da Jesus seinen Anhängern (und allen anderen, die zufällig in der Nähe herumstehen,) erzählt, das Ende der Welt stünde unmittelbar bevor, fragen die ihn, wo denn dann Elia abgeblieben sei.

"10 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Was sagen denn die Schriftgelehrten, Elia müsse zuvor kommen?
11 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll ja zuvor kommen und alles zurechtbringen.
12 Doch ich sage euch: Es ist Elia schon gekommen, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben an ihm getan, was sie wollten. Also wird auch des Menschen Sohn leiden müssen von ihnen.
13 Da verstanden die Jünger, daß er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte."

(Matthäus 17:10-13) 

"11 Wahrlich ich sage euch: Unter allen, die von Weibern geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer sei denn Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer denn er. [...]
 13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes.
14 Und (so ihr's wollt annehmen) er ist Elia, der da soll zukünftig sein. 
15 Wer Ohren hat, zu hören, der höre!"

(Matthäus 11:11-15)



Jesus' Theorie lautet also, dass Elia in den Himmel fährt und dann nach ein paar Jahrhunderten wieder auf die Erde kommt. Aber anstatt irgendjemandem von diesen erstaunlichen Ereignissen zu berichten, statt die Leute zu informieren, dass ihr Warten ein Ende hat und ihr beliebter Prophet wieder da ist, statt sie zu warnen, dass der große und schreckliche Tag des HERRN bevorsteht, zieht er in die Wüste, nennt sich Johannes und verrät niemandem seine wahre Identität.

Dass die Leute Elia in Form von Johannes dem Täufer "nicht erkannt" haben, wie Jesus auf seine gewohnte charmant-vorwurfsvolle Art feststellt, ist wohl kein Wunder. Johannes macht es den Leuten nicht gerade einfach, ihn zu erkennen.
Insbesondere, da er klar leugnet, Elia zu sein. 

"19 Und dies ist das Zeugnis des Johannes, da die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie ihn fragten: Wer bist du? [...]
21 Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht." 

(Johannes 1:19,21)


Dass Elia überhaupt zurückkehrt ohne irgendjemandem etwas davon zu verraten, klingt seltsam, scheint aber ein damals verbreiteter Glauben zu sein. So wird auch Jesus verdächtigt, heimlich Elia zu sein.
Obwohl er das ja bestreitet und versichert, Johannes sei Elia. Aber wenn Johannes Elia ist, muss Jesus auch Johannes sein, um Elia zu sein... 

"18 Und es begab sich, da er [Jesus] allein war und betete und seine Jünger zu ihm traten, fragte er sie und sprach: Wer sagen die Leute, daß ich sei?
19 Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seist Johannes der Täufer; etliche aber, du seist Elia; etliche aber, es sei der alten Propheten einer auferstanden. 

(Lukas 9:18-19, siehe auch Matthäus 16:13-16, Markus 6:14-15 und Markus 8:27-28)



WER SUCHET, DER IST DOOF

Einige wenige der im neuen Testament erwähnten Prophezeiungen sind erstaunlich präzise, selbst wenn sie aus dem Kontext gerissen wären. Wie die Vorausahnung von Jesus Heimatort. 

"23 und kam und wohnte in der Stadt die da heißt Nazareth; auf das erfüllet würde, was da gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarenus heißen."

(Matthäus 2:23)



Oder die Vorhersage, dass Jesus Verräter dreißig Silberstücke erhalten wird. 

"9 Da ist erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, da er spricht: "Sie haben genommen dreißig Silberlinge, damit bezahlt war der Verkaufte, welchen sie kauften von den Kindern Israel,
10 und haben sie gegeben um den Töpfersacker, wie mir der HERR befohlen hat."


(Matthäus 27:9-10)



Die Erklärung für diese wenigen eindeutigen und genauen Prophezeiungen ist jedoch einfach. Die angeblichen Zitate aus dem alten Testament sind gar keine.
Im gesamten alten Testament wird kein einziges Mal ein Nazarenus oder eine Stadt Nazareth erwähnt. Auch das Zitat über Judas findet sich nirgendwo im Buch Jeremia (oder anderswo im alten Testament).

Das folgende Zitat ist im alten Testament ebenfalls nirgends zu finden.

"38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen."

(Johannes 7:38)



Wenn ihr mir nicht glaubt, könnt ihr gerne die komplette Bibel lesen und die Stellen suchen.

Ich warte so lange---

...so...

--- Fertig?

Das führt uns zu einem Problem: Kennen wir nicht die komplette Bibel?
Gibt es von Gott inspirierte Bücher, die der "heilige Geist" aus unerfindlichen Gründen nicht als Bibelbücher offenbart hatte?



NOCH KLARHEITEN?

Das alte Testament der Christen entspricht in etwa dem Tanach, der hebräischen Bibel. Doch ein verbindlicher Kanon, der klarstellt, welche Bücher nun göttlich sind und welche nicht, gibt es bei den Juden erst seit 200 nach Christus. Es herrschte also zu Zeiten des neuen Testaments keine Einigung, welche Bücher Gott inspiriert hatte und welche nicht.

Als Gott in Form von Jesus auf die Erde kommt, hat er nun die perfekte Gelegenheit, endgültig und unmissverständlich zu klären, welche Gesetze von Gott gewollt sind und welche nicht.
Doch Gott entschließt sich, alles noch verwirrender zu machen. Denn Jesus behauptet: 

"17 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.  
19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

(Matthäus 5:17-19)


Leider verliert Jesus kein Wort darüber, was genau das Gesetz ist oder welche Propheten man befolgen muss. Die Behauptung, man müsse alle Gebote der Propheten und des "Gesetzes" (der Torah) befolgen, widerspricht auch dem völlig , was Jesus an anderen Stellen sagt, beispielsweise über die Scheidung oder das Sabbatgebot.
Ändert man keinen Buchstaben des Gesetzes ist die Scheidung nämlich ausdrücklich erlaubt und die Sonntagsarbeit mit dem Tod zu bestrafen.

Durch diesen Widerspruch ist es Christen unmöglich, sich korrekt zu verhalten. Lässt ein Gläubiger sich scheiden, handelt er perfekt im Einklang mit Jesus Worten, man solle nicht einen Buchstaben im Gesetz und den Propheten ändern, denn die Torah erlaubt ja die Scheidung.
Doch schenkt man Jesus in Matthäus 19:9 Glauben, begeht man bei einer Scheidung auch Ehebruch, welcher mit der Hölle bestraft wird.

Arbeitet man am Sonntag, hält man sich an Jesus Äußerungen und Vorbild in Matthäus 12. Allerdings bricht man das Gesetz Mose, das in diesem Fall die Todesstrafe vorsieht. Und wenn man Moses' Gesetze ignoriert, wird man der Kleinste heißen im Himmelreich. Ein Dilemma.



WHAT WOULD JESUS DO?

Viele gläubige Christen sind der Meinung, die Bibel könne ihnen in moralischen Fragen helfen, also wenn es darum geht, wie man sich am besten verhalten sollte.

Doch offensichtlich kann man nur einem Gesetz folgen, dem alten Testament oder dem neuen, da sich beide widersprechen. Man kann die Bedienung beim Bäcker sonntags spontan ermorden oder auch nicht.
Tut man es nicht, missachtet man Gottes Gebot, dass Sonntagsarbeiter ohne Gerichtsverfahren gesteinigt werden müssen, und zwar vor der ganzen Gemeinde, nicht einem Henker.
Man kann sich auch nur an eine Version des Christentums halten. Entweder man ignoriert, was Jesus an den Stellen X über das alte Testament sagt und hält sich daran, was er an den Stellen Y sagt oder umgekehrt.


Selbst wenn es möglich wäre, der kompletten Bibel zu folgen, wissen wir ja aus dem neuen Testament, dass es darin Stellen gibt, die menschliche Gesetze (z.B. von Moses) enthalten, die dem wahren Willen Gottes widersprechen.
Andererseits gibt es, sofern die im neuen Testament erwähnten Prophezeiungen nicht auch von Menschen stammen, auch göttlich inspirierte Texte, die Christen nicht in ihrer Bibel haben.
Zusätzlich gibt es Unterschiede in der Textauswahl zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen. Katholiken haben eine andere Bibel als Protestanten - das Buch Tobit ist zum Beispiel Teil der katholischen und orthodoxen Version des alten Testaments, nicht aber in der Bibel von Protestanten und Juden zu finden.

Nun hat man als Christ die Wahl, entweder eine eigenständige Moral zu entwickeln oder einer ganz bestimmten Interpretationen einer bestimmten Bibelversion zu folgen, die zwangsweise bestimmte Stellen ignorieren muss, um zu funktionieren.



AND EATING IT TOO

Aus einem derart langen Text wie dem (unklar definierten) alten Testament kann man für beinahe jedes Ereignis einen vermeintlichen "Hinweis" finden, der vage nach einer Prophezeiung klingt - vor allem, wenn man Verse oder sogar nur Teile davon völlig neu interpretiert. Dass die angeblich erfüllten Vorhersagen entweder stark nebulös, falsch interpretiert oder schlichtweg nicht vorhanden sind, spricht nicht dafür, dass es solche Hinweise wirklich gibt.

Die Autoren des neuen Testaments hatte keine großen Schwierigkeiten, Zitate zu verändern oder zu erfinden.
Man muss sich nur in die Position eines damaligen Skeptikers begeben, der die Zitate überprüfen will. Wenn man ein "es ist gesagt" in einem solch umfangreichen Text wie dem alten Testament suchen muss, verliert man schnell die Geduld. Besonders wenn man ja nicht weiß, ob es nicht einen von Gott inspirierten Text gibt, den man nicht kennt.

Der Versuch, das Christentum als nahtlose Fortsetzung des Judentums zu verkaufen, mag zur Entstehungszeit dieser neuen Religion ein großer Vorteil gewesen sein. So musste man die Leute nicht davon überzeugen, dass ihre verrückten, religiösen Vorstellungen falsch sind, sondern nur, dass sie unvollständig sind.
Doch das Christentum schießt sich mit dieser Masche langfristig selbst in den Fuß. Denn studiert man das gesamte alte und neue Testament im Zusammenhang, (was mit heutigen Methoden anders als früher ohne Weiteres möglich ist,) entsteht ein elementares Problem für das Christentum.

Dadurch dass man zwei Sachen auf einmal wollte - nämlich das alte Gesetz als göttliche Autorität beibehalten und gleichzeitig neue, widersprüchliche Gesetze aufstellen - hat man ein riesiges Paradoxon erschaffen.
Denn nun werden Jesus zwei Aussagen in den Mund gelegt, die sich eindeutig widersprechen:
- Man darf nicht einen einzigen Buchstaben des Gesetzes ändern
- Man soll bestimmte Passagen, die Jesus nicht gefallen, einfach ignorieren.

Angeblich sind Teile von Moses Gesetz gar nicht von Gott und widersprechen sogar Gottes Willen (wie im Fall von Scheidungen). Doch außer Jesus Behauptungen werden keine nachvollziehbaren Kriterien aufgestellt, wie wir unterscheiden können zwischen den göttlichen und den menschlichen Gesetzen, den göttlich inspirierten Texten und den uninspirierten.



ALL INCLUSIVE

Jesus hält das wohl nicht für nötig. Schließlich bittet er seinen Papa, alle Christen sollten sich doch bitteschön immer in allen Themen einig sein. 

"20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden,
21 auf daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich gesandt.
22 Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleichwie wir eins sind,  
23 ich in ihnen und du in mir, auf daß sie vollkommen seien in eins und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und liebest sie, gleichwie du mich liebst.

(Johannes 17:20-23)

Jesus hat ihnen also die Herrlichkeit gegeben, so dass seine Anhänger auf die selbe Art eins sind, wie Jesus und Jahwe eins sind. Wie sind die eins? Ziemlich dolle!

"Ich und der Vater sind eins." (Jesus in Johannes 10:30)

Das bedeutet wohl, dass Jesus und sein Daddy immer der selben Meinung sind. Dass kann man von den ca 38.000 Spielarten des Christentums wohl kaum behaupten.
Die Natur Gottes, die Natur Jesu, das Leben nach Tod, die heilige Schrift, die rechte Moral - bei keinem dieser elementaren Themen sind sich alle christliche Kirchen einig.
Die meisten Christen glauben zum Beispiel, dass Gott aus drei Personen besteht und dass Jesus eine davon ist. Es gibt aber Christen, die glauben, dass Gott nur eine Person ist und Jesus eine seiner Schöpfungen (z.B. Unitarier, Zeugen Jehovas). Beides kann falsch sein; aber es kann nicht beides richtig sein.

Stimmt Jesus' Aussage, dass gläubige Christen sich so verdammt einig sind wie Jesus und sein Papa, dann bedeutet das, dass nur die Anhänger von einer der vielen tausend Variationen dieser Religion wahre Christen sind.
Die meisten Leute, die sich als Christen bezeichnen, sind es in Wirklichkeit also gar nicht.



YOU NEVER CAN TELL

Es reicht also nicht aus, Jesus anzubeten, um ein echter Gläubiger zu sein. Woher weiß man denn als Christ, ob man nicht vielleicht ohne sein Wissen ein gottloser Heide in den Augen Gottes ist und sonntags genauso gut ausschlafen könnte?

Das Argument, man habe eine "persönliche Beziehung" zu Gott, Jesus oder dem heiligen Geist sollte niemanden überzeugen, denn dies wird ebenso von anderen Christen behauptet, um eine völlig andere Version des Christentums zu verteidigen.
Auch wenn man fest davon überzeugt ist, mit Gott zu kommunizieren, muss das noch lange nicht so sein. Und es gibt keine Methode, wirklich zu erkennen, ob die eigene Beziehung zur Gottheit nicht auch Illusion ist.

Die einzige Alternative zu dieser Schlussfolgerung ist, dass jede gefühlte göttliche Kommunikation auch wirklich eine ist. Dies würde aber bedeuten, dass Gott unter wechselnden Namen verschiedenen Gläubigen unterschiedliche, widersprüchliche Anweisungen gibt und ihnen dann aufträgt, die Menschen mit den jeweils abweichenden Gesetzen zu ermorden. Wenn Gott wirklich alle Götter wäre, zu denen Menschen irgendwann einmal aufrichtig und ehrlich eine Beziehung zu haben glaubten, dann wäre dieser Gott kein guter Gott, sondern ein Scharlatan, der ständig grausame Scherze mit dem Leben seiner Schöpfung spielt.

Aber kaum ein Christ leugnet die Existenz von Halluzinationen, Illusionen und Wahnsinn; von Erlebnissen, die Leute zu haben glauben, aber nicht wirklich haben.
Und wenn zumindest die Möglichkeit besteht, dass man sich irrt und nicht mit Gott kommuniziert, wenn eine echte Beziehung zu Gott von einer Geisteskrankheit für uns nicht zu unterscheiden ist:
Wie wahrscheinlich ist es dann, dass man einen der exklusiven Kommunikationswege zum wahren Schöpfer und Herrscher des Universums hat?

Nicht besonders, doch das hält Menschen natürlich nicht davon ab, sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit für einen der wenigen wahren Auserwählten Gottes zu halten und die vielen armen Teufel zu bedauern, die fälschlicherweise glauben, auch eine Beziehung mit Gott zu haben.

Das gilt natürlich nicht für mich, denn ich spreche ja wirklich mit Gott. Und daher muss ich jetzt auch Schluss machen, der HERR schickt mir eine göttliche Botschaft.

Ja, HERR?.. Was soll ich tun?.. Nein!.. Ja, natürlich bist du der Gott, nicht ich...
Aber ist das nicht etwas drastisch?.. Nein, natürlich gehorche ich deinem Willen - aber alle umbringen?!.. Ja, HERR... Na gut...

Oh, ihr seid noch da! Ich muss weg, weil ich... äh, noch Erledigungen machen muss. Wenn die Bullen mich nicht erwischen: Bis zum nächsten Mal!


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SERIE: "DER MYTHOS JESUS"

[Teil 1: Der unsichtbare Mann]
[Teil 2: Leben wie Gott in Galiläa]
[Teil 3: Lehre/Versprechungen]
[Teil 4: Auf den Schultern von Riesen]
>>[Teil 5: Dekonstruktion]