22. März 2013

DAS HAT DIR DER TEUFEL GESAGT! (Marios Märchenstunde Teil 4)


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Märchen spiegeln die religiösen Vorstellungen ihrer Erzähler wieder. Doch die entsprachen nicht immer unbedingt der klassischen Lehrmeinung der Kirche. In dieser Märchenstunde lesen wir Geschichten der Gebrüder Grimm, die uns Unerwartetes über Gott und die Welt berichten...



SEE YOU IN ANOTHER LIFE, BROTHER

Das Märchen "Van den Machandelboom" [erschienen in plattdeutsch in den "Kinder- und Hausmärchen" - Hochdeutsche Version hier online] erzählt von einem kleinen Jungen, der seine Mutter verloren hat und sich nun mit einer bösen Stiefmutter herumplagen muss. Zunächst scheint die Lage einigermaßen versöhnlich zu sein: Die ungeliebte Stiefmutter bietet dem Kind freundlich einen Apfel an. Doch als der Junge in die Truhe reicht, um sich die Frucht zu holen, schlägt die Stiefmutter die Kiste zu und köpft damit das Kind.

"Da kam der kleine Junge in die Tür; da gab ihr der Böse ein, dass sie freundlich zu ihm sagte: "Mein Sohn, willst du einen Apfel haben?" und sah ihn so jähzornig an.
"Mutter," sagte der kleine Junge, "was siehst du so grässlich aus! Ja, gib mir einen Apfel!" - Da war ihr, als sollte sie ihm zureden.
"Komm mit mir," sagte sie und machte den Deckel auf, "hol dir einen Apfel heraus!"

Und als der kleine Junge sich hineinbückte, da riet ihr der Böse; bratsch! Schlug sie den Deckel zu, dass der Kopf flog und unter die roten Äpfel fiel."



Die Stiefmutter ist eine vorsichtige Frau und vermutet, dass wenn man den kopflosen Jungen so auffinden würde, sie eventuell unangenehme Fragen beantworten müsste. Daher denkt sie sich einen urkomischen Streich aus. Sie setzt den Kopf wieder auf den Körper, bindet einen Schal um den Hals und bittet ihre Tochter, ihm den Apfel wegzunehmen. Als das Mädchen ihren Bruder anstupst, fällt der Kopf ab.
Die Stiefmutter beruhigt das kleine Mädchen, das nun glaubt, ihren Bruder ermordet zu haben. Sie verspricht ihr, gemeinsam die Leiche zu entsorgen, wenn die ganze Geschichte ihr kleines Geheimnis bleibt.

"Geh noch einmal hin," sagte die Mutter, "und wenn er dir nicht antwortet, dann gib ihm eins hinter die Ohren." 
Da ging Marlenchen hin und sagte: "Bruder, gib mir den Apfel!" 
Aber er schwieg still; da gab sie ihm eins hinter die Ohren. Da fiel der Kopf herunter; darüber erschrak sie und fing an zu weinen und zu schreien und lief zu ihrer Mutter und sagte: "Ach, Mutter, ich hab meinem Bruder den Kopf abgeschlagen," und weinte und weinte und wollte sich nicht zufrieden geben. 

"Marlenchen," sagte die Mutter, "was hast du getan! Aber schweig nur still, dass es kein Mensch merkt; das ist nun doch nicht zu ändern, wir wollen ihn in Sauer kochen." 






Und so geht unser fröhliches Märchen weiter, als die böse Stiefmutter die Kinderleiche in Stücke hackt und sie dann im Kochtopf mundgerecht zubereitet.

"Da nahm die Mutter den kleinen Jungen und hackte ihn in Stücke, tat sie in den Topf und kochte ihn in Sauer. Marlenchen aber stand dabei und weinte und weinte, und die Tränen fielen alle in den Topf, und sie brauchten kein Salz."

Die Stiefmutter erzählt ihrem Mann, dass der Junge für ein paar Wochen zu Verwandten auf Besuch sei. Der Vater wundert sich, dass sein Sohn sich nicht von ihm verabschiedet hat, ahnt aber nichts Schlimmes. Sein Essen schmeckt ihm übrigens an diesem Abend besonders gut.



Nun geschieht etwas, das man nicht so ohne weiteres in der Bibel findet: Reinkarnation.
Der tote Junge wird als Vogel wiedergeboren und nimmt Rache an seiner Mörderin. Der Vogel wirft der Stiefmutter nämlich einen Mühlstein auf den Kopf und zerschmettert damit ihren Schädel. Bratsch!
Danach ist der Junge plötzlich wieder lebendig in seiner alten, menschlichen Form.

Das neue Testament lehrt uns, dass wir unseren Feinden vergeben sollen, dass wir nicht mehr nach dem Prinzip "Auge um Auge" vorgehen sollen, sondern nur ewiges Leben erhalten, wenn wir Jesus folgen und die andere Backe hinhalten. Das Märchen ist da noch eher old school. Hier kann ein unschuldiges Kind dem Tod nur entkommen, in dem es auf brutale Weise seine Mörderin erschlägt.

Und als sie aus der Tür kam, bratsch! Warf ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, dass sie ganz zerquetscht wurde.

Ende gut...



DEVIL MAY CARE

Eine wichtige Figur aus der christlichen Mythologie, die in vielen Märchen anzutreffen ist, ist der Teufel. Viele Geschichten handeln davon, dass einfältige Menschen Verträge mit Satan abschließen.




"Des Teufels rußiger Bruder" berichtet von einem armen Ex-Soldaten namens Hans, der sich in die Dienste des Teufels begibt. Satan verspricht ihm lebenslangen Reichtum, falls er für ihn sieben Jahre lang arbeitet und sich dabei nie wäscht. Der junge Mann willigt ein und reinigt von nun an die Kessel des Teufels in der Hölle. Als der Hausherr einmal weg ist, guckt Satans Leiharbeiter trotz Verbot in die Kessel und sieht dort seine ehemaligen Vorgesetzten aus dem Militär. Da schürt er das Feuer gleich stärker an...
Der Teufel weiß natürlich, was Hans gemacht hat, vergibt ihm aber dafür, da er ja kein Unmensch ist.
Nach sieben Jahren erhält Hans den versprochenen Reichtum, doch kurze Zeit später stiehlt ihm jemand das hart erarbeitete Gold wieder.

Hans steigt zur Hölle hinab und beschwert sich bei Satan. Der Herrscher der Finsternis lacht spöttisch über seinen ehemaligen Arbeiter. Das kommt davon, wenn man sich mit der Personifizierung des Bösen einlässt!
Wenn die Geschichte hier zu Ende wäre, könnte man sie als Lehrstück lesen, sich nicht mit dem Teufel auf einen Vertrag einzulassen, da seine Versprechungen immer einen ungeahnten, ironischen Hacken haben. Doch das Märchen geht noch weiter und zeigt den Teufel als einen eher umgänglichen Menschen.
Er hilft seinem ehemaligen Angestellten, sein Gold zurückzubekommen, obwohl er technisch gesehen seinen Vertrag bereits erfüllt hatte. Nicht nur das: Der Teufel wäscht und kämmt den Knecht höchstpersönlich...

"Er faßte sich aber kurz, dachte, du bist ohne Schuld unglücklich gewesen, und kehrte wieder um geradezu in die Hölle; da klagte er es dem alten Teufel und bat ihn um Hülfe. Der Teufel sagte: "setz’ dich, ich will dich waschen, kämmen, schnippen, die Haare und Nägel schneiden und die Augen auswischen,"  und als er fertig mit ihm war, gab er ihm den Ranzen wieder voll Kehrdreck und sprach: "geh’ hin und sag’ dem Wirth, er sollt’ dir dein Gold wieder herausgeben, sonst wollt’ ich kommen und ihn abholen an deinen Platz." 


Hans hat nun genügend Geld, um nie wieder arbeiten zu müssen. Er zieht fortan durch's Land und macht Musik, was er vom Teufel in der Hölle gelernt hat. Dadurch kann er einen König begeistern, der die teuflische Musik so sehr mag, dass er seine Tochter mit Hans verheiratet. Als der alte Monarch stirbt, wird Hans der neue Herrscher des Reiches.

Und die Moral der Geschicht'? Wenn der Teufel dir einen Pakt anbietet, geht auf jeden Fall darauf ein! Satan ist ein fairer Arbeitgeber, der seine Versprechungen einhält, selbst wenn sein Vertragspartner Verbote missachtet und zudem gibt es wichtige Weiterbildungskurse in der Hölle, die einem berufliche Qualifikationen für das Amt eines Königs einbringen.

Man sollte also alte Vorurteile fahren lassen und niemanden für böse halten, nur weil er der Teufel ist.





SYMPATHY WITH THE DEVIL

Auch andere Märchen mit dem Teufel betonen seine Verlässlichkeit in vertraglichen Angelegenheiten. Oft verspricht er wunderbare Gegenleistungen falls man ihm Antworten auf Rätselfragen geben kann. Wie in der Erzählung "Der Teufel und seine Großmutter", in der drei desertierte Soldaten Gold von Satan erhalten. Im Gegenzug verlangt er die Seelen der Männer, falls die ihm nicht in sieben Jahren die Antwort auf ein Rätsel sagen können. Doch dummerweise verrät die Großmutter des Teufels das Rätsel und Satan verliert die Seelen. Wie gemein!

In "Von dem Teufel mit den drei goldenen Haaren" verlangt ein König vom zukünftigen Bräutigam seiner Tochter drei goldene Haare vom Kopf Satans. Erneut wird der arme Teufel von seiner Großmutter hintergangen, die ihm im Schlaf die Haare ausrupft. In früheren Fassungen der "Kinder- und Hausmärchen" werden dem Teufel die goldenen Haare dagegen von seiner Ehefrau geklaut. Der arme Kerl hat wohl nie seine Ruhe!






TEUFELSKERL

In "Der Schmied und der Teufel" geht ein armer Schmied in den Wald, um Selbstmord zu begehen. Der Teufel bietet ihm großen Reichtum an, falls der Schmied nach zehn Jahren Satan seine Seele schenkt. Kein schlechtes Geschäft: Hätte er sich im Wald aufgehängt, hätte er nicht weitere zehn Jahre lang als reicher Mann leben können und wäre dennoch ebenfalls in die Hölle gekommen, wie alle Selbstmörder. Dennoch weigert der neureiche Schmied sich nach den zehn Jahren mit dem Teufel zu gehen. Stattdessen beweist er definitiv dicke Eier und verprügelt den Teufel kurzerhand...

"Der Teufel war bereit und thats, und wie er sich in eine Maus verwandelt hatte, packte ihn der Schmid und steckte ihn in den Sack, dann schnitt er sich einen Stock von dem nächsten Baum, warf den Sack hin und prügelte auf den Teufel los. Der Teufel schrie erbärmlich, lief in der Tasche hin und her, aber umsonst, er konnte nicht heraus." 

Der Teufel verspricht, auf die Seele des Schmieds zu verzichten, wenn dieser nur aufhöre, ihn zu verprügeln.

Als der Schmied einige Zeit später das Zeitliche segnet, klopft er an die Tore des Himmelreiches, wird aber wegen seinen geschäftlichen Beziehung zu dem Teufel nicht eingelassen. So muss der Mann hinuntersteigen, um an die Pforten der Hölle zu klopfen. Doch Satan hat immer noch Angst vor dem Kerl und lässt ihn ebenfalls nicht herein...


Teufel: "Psssst! Jetzt seid mal eine Weile ganz still, dann geht er hoffentlich wieder weg..."


Der Schmied gibt sich allerdings nicht so leicht geschlagen und fängt an, einen Höllenlärm zu machen. Dies weckt die Neugier zweier Teufelchen, die herauskommen, um zu sehen, was denn dort los sei.
Der Schmied nimmt die zwei Teufelchen und nagelt sie auf brutale Weise an die Höllentür.
Satan ist entsetzt über dieses übertriebene Maß an Gewalt, fängt an zu weinen und geht zum lieben Gott, um zu petzen.

"Da fingen nun beide ein solches entsetzliches Geschrei an, daß der alte Teufel selber gelaufen kam, und wie er die zwei Teufelchen festgenagelt sah, ward er bitterbös, daß er vor Bosheit anfing zu weinen, herumsprang, in den Himmel zum lieben Gott lief, und sagte, er müsse den Schmid in den Himmel nehmen, es möge gehen, wie es wolle, der nagle ihm die Teufel alle an den Nasen und Ohren an, und er sey nicht mehr Herr in der Hölle."


Gott hat Erbarmen - mit dem Teufel. Er gewährt dem Schmied einen Platz im Himmel.
Wir lernen eine theologische Weisheit, die sich nicht unbedingt in der Bibel wiederfinden lässt: Wenn wir in den Himmel wollen, müssen wir so böse und hundsgemein sein, dass der Teufel persönlich Angst vor uns hat und uns nicht bei sich in die Hölle aufnehmen will.

"Wollte nun der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, so mußten sie den Schmid in den Himmel nehmen, da sitzt er nun in guter Ruh, wie aber die beiden Teufelchen losgekommen, das weiß ich nicht."



KNOCKING ON HEAVEN'S DOOR

Es gibt friedlichere Arten, in den Himmel zu kommen, auch wenn man beim ersten Mal abgewiesen wird. In "Der Schneider im Himmel" klopft ein alter Schneider an das Himmelstor. Zunächst verweigert ihm Petrus den Zugang - da der Mann aber herzzerreißend bettelt, wird er doch noch aufgenommen.

""Ein armer, ehrlicher Schneider bittet um Einlaß."
"Ja, ehrlich, wie der Dieb am Galgen," sprach der heil. Petrus, "du hast lange Fingern gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt. Geh in die Hölle, wo du das Gestohlne doch hingeworfen hast, in den Himmel kommst du nicht." 

"Ach du barmherziger Gott! rief das Schneiderlein, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen, ich kann nicht wieder umkehren. Laßt mich doch in den Himmel ein, ich will gern hinter dem Ofen sitzen und die schlechte Arbeit thun, ich will die kleinen Kinder halten und reinigen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, abwischen und säubern, laßt mich nur ein." 

Der heil. Petrus war mitleidig, ließ sich erweichen, und machte dem Schneiderlein die Himmelspforte so weit auf, daß es hereinschlüpfen konnte."

Der Schneider ist nun im Himmel, ein heiliger, ewiger Ort, an dem Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Am nächsten Tag um die Mittagszeit wünscht Gott mit seinem Gefolge in seinen Garten zu gehen und beauftragt den Schneider aufzupassen, dass niemand ungefragt in den Himmel kommt und etwas stiehlt. Dies scheint aus irgendwelchen Gründen eine realistische Gefahr für das Reich des Allmächtigen zu sein.

"Das geschah etwa um Mittag, als der Herr gerade mit den Erzengeln und dem himmlischen Heer in den Garten gehen und sich erlustigen wollte. Da befahl er dem Schneider, dieweil niemand zugegen wäre, den Himmel in Ordnung zu halten, und zu achten, daß nicht jemand käme und etwas hinaustrüge."


Der Schneider setzt sich auf Gottes Thron und beobachtet von dort aus die Welt. Er sieht einen Diebstahl, der gerade passiert und wirft wütend den Schemel Gottes nach dem Übeltäter. Dafür kickt  der HERR ihn aus dem Himmel. Aber interessanterweise gibt es in dem Märchen, anders im klassischen Christentum, noch eine Alternative zu Himmel und Hölle...

"Da mußte der heil. Petrus den Schneider wieder hinaus bringen vor das Himmelsthor, und weil er zerrissene Schuhe hatte und die Füße voll Blasen, nahm er einen Stecken in die Hand und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen."







THERE'S SOMETHING ABOUT MARY

Eine ziemlich stark abweichende Vorstellung vom Himmel finden wir in der schönen Erzählung "Marienkind".
Das Märchen beginnt, recht vertraut, mit einer bettelarmen Holzfällerfamilie, die kein Essen mehr im Hause hat. Da erscheint eines Tages die Jungfrau Maria und bietet den Eltern an, ihr einziges Kind zu sich in den Himmel zu nehmen und sich persönlich um das Mädchen zu kümmern. (Ist das nicht in der christlichen Logik das Gleiche wie "sterben"?)
Das arme Holzfällerehepaar willigt ein, ihr dreijähriges Kind in den Himmel zu schicken und so darf die Jungfrau Maria, obwohl sie nie Sex hatte, nach ihrem großen Auftritt als Mutter von Jesus jetzt auch im ewigen Leben nach dem Tod weiterhin die Mutterrolle spielen.




Als das Marienkind vierzehn Jahre alt ist, muss die Jungfrau Maria auf eine große Reise - weitere Details darüber erfahren wir leider nicht. Die Mutter Gottes überlässt ihrer Adoptivtochter dreizehn Schlüssel zu allen Toren des Himmelsreiches, verbietet ihr aber, den dreizehnten Schlüssel zu benutzen. Hinter den ersten zwölf Toren findet unser Marienkind die zwölf Apostel und hat einen Höllenspaß mit ihnen. Natürlich kann sie nicht widerstehen und öffnet auch die verbotene Tür. Dahinter befindet sich in Feuer die heilige Dreifaltigkeit. Fasziniert von seinem magischen, goldenen Glanz berührt das Mädchen den Schöpfer des Universums und schließt dann das Tor wieder.



Die Jungfrau Maria kommt von ihrer Reise zurück und fragt das Marienkind, ob sie die verbotene Tür geöffnet habe. Das Mädchen versucht sich herauszureden, wird aber dadurch verraten, dass ihre Finger golden sind, da sie die heilige Dreifaltigkeit angefasst hat.

Zur Strafe wird das Marienkind nicht nur aus dem Himmel verbannt, sondern dazu auch noch stumm gemacht. Anscheinend nimmt die Jungfrau Maria die Redensart "keine Widerworte dulden" sehr wörtlich. Das arme Marienkind muss fortan als Wilde in einem Baum leben.
Doch glücklicherweise, wie das im Märchen nun mal öfters passiert, kommt nach einiger Zeit ein König zufällig vorbei und entschließt sich spontan, das Mädchen zu heiraten.

Das Marienkind bekommt eine zweite Chance und drei Kinder vom König, im Abstand von jeweils einem Jahr. Als Strafe für ihre Neugier muss sie allerdings dauerhaft stumm bleiben. Das reicht der Jungfrau Maria aber noch lange nicht: Sie beschließt, ihrer Adoptivtochter das Leben richtig zu vermiesen und stiehlt direkt nach der Geburt jeweils die drei Babys des Königin. Die kann wegen ihrer Stummheit nichts verraten - Schreiben gehört wohl nicht zum Bildungsprogramm im Himmel.




Die Königin wird verdächtigt, ihre eigenen Kinder getötet und aufgegessen zu haben. Und da sich nicht verteidigen kann, wird sie als Menschenfresserin auf den Scheiterhaufen geführt. Dort bereut sie, dass sie in die Kammer gesehen hat und dann gelogen hat. Die Jungfrau Maria erscheint, löscht das Feuer und gibt ihr endlich ihre Kinder zurück.

Mehrere Aspekte dieses Märchens widersprechen deutlich der biblischen Lehrmeinung. Zunächst scheint es so, dass die Jungfrau Maria quasi Chef im Himmel ist und die heilige Dreifaltigkeit in einer verbotenen Kammer aufbewahrt.
In der Bibel ist der Himmel ein Ort, an dem man die ganze Zeit mit Gott höchstpersönlich abhängen kann und nicht nur mit seiner Mutter. Auch in anderen Märchen, die im Himmel spielen, ist Gott persönlich anwesend. Dagegen ist die Dreifaltigkeit in dieser Geschichte ein mysteriös golden brennendes Etwas und nicht die vertraut menschliche Gestalt Gottes als weißbärtiger weißer Mann, Jesus oder weiße Taube. Also absurd!

Im "Marienkind" ist die Jungfrau Maria eine mächtige Göttin, die man aber nicht unbedingt zur Adoptivmutter haben will. Sicher: Lügen und Autoritätsfiguren nicht zu gehorchen ist nicht unbedingt in Ordnung, wenn auch nicht ungewöhnlich für 14jährige Teenager.
Dennoch rechtfertigt es nicht, dem Mädchen die Stimme wegzunehmen und erst recht nicht ihre Babys, die ja auch die Kinder des Königs sind. Statt ihre magischen Fähigkeiten zum Wohl der Menschheit einzusetzen, ist die Jungfrau Maria auf einem wahnsinnigen Rachetrip, bei dem sie es eindeutig zu weit treibt. Immerhin entführt sie das älteste Kind, den Kronzprinzen, für mehr als zwei Jahre! Ich glaube, es ist nicht übertrieben, dies übertrieben zu nennen.

Überhaupt, wenn die Jungfrau Maria zaubern kann, hätte sie der armen Familie des Marienkindes nicht einfach Nahrung zukommen lassen? Anscheinend ist es das moralisch Richtige, stattdessen ein Kleinkind in das Reich der Toten mitzunehmen, wo es seine Eltern nie wieder sieht und immer bedingungslos gehorchen muss - sofern sie nicht den berühmt-berüchtigten, unbarmherzigen Zorn der Mutter Gottes verspüren will...





ACH WIE GUT, DASS NIEMAND WEISS...

In mehreren Märchen erscheint der Teufel in Form eines magischen Männleins, doch nicht alle magische Männlein in Märchen stellen Satan dar.
In "Rumpelstilzchen" wird ein Mädchen in eine Kammer gesperrt, um Stroh in Gold zu spinnen. Ihre Mutter hatte den Deal eingefädelt und mit dem hiesigen König vereinbart, dass ihre Tochter den Kronprinzen heiraten darf, sofern das junge Mädchen tatsächlich wie behauptet Stroh in Gold verwandeln kann. Falls nicht, wird sie hingerichtet. Der einzige Haken dabei: Natürlich kann sie es nicht.

Glücklicherweise erscheint ein kleines Männlein, das den Traum aller Alchemisten, die Verwandlung eines Elementes in ein anderes, wahr machen kann. Der Preis für seinen Service ist zunächst fair. Für eine Nacht Arbeit erhält er einen goldenen Ring. Dabei könnte man annehmen, dass jemand, der Stroh in Gold spinnen kann, keinen großen Bedarf an Goldschmuck hat.




Für die zweite Nacht erhält das Männlein ein Halsband. Obwohl das Mädchen nun zum zweiten Mal in eine Kammer voller Stroh gesperrt wurde und am nächsten Morgen in einer Kammer voller Gold wieder aufgefunden wurde, verlangt der König, dass die Goldspinnerin ihre Fähigkeiten noch ein drittes Mal demonstrieren muss.

Diesmal hat sie aber nichts, was das kleine Männlein interessiert und so verspricht sie ihm in Todesangst ihr erstgeborenes Kind. Das Männlein hat aber eine Zockermentalität und sagt dem Mädchen zu, sie dürfe ihr Kind behalten, wenn sie innerhalb von drei Tagen seinen Namen erraten könne. Dabei hat er wohl nicht bedacht, dass er das Geheimnis seines Namens nie besonders gut gehütet hatte und stattdessen im Wald laut Lieder zu singen pflegt, die das Erraten seiner Identität nicht allzu schwer machen...

"Am dritten Tag aber kam der König von der Jagd heim und erzählte ihr: ich bin vorgestern auf der Jagd gewesen, und als ich tief in den dunkelen Wald kam, war da ein kleines Haus und vor dem Haus war ein gar zu lächerliches Männchen, das sprang als auf einem Bein davor herum, und schrie:

"heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hohl ich der Frau Königin ihr Kind,
ach wie gut ist, daß niemand weiß,
daß ich Rumpelstilzchen heiß!""





Vielleicht war Rumpelstilzchen sturzbetrunken bei seiner nächtlichen Sing- und Tanznummer und erinnert sich nicht daran - jedenfalls ist er total schockiert darüber, dass die zukünftige Königin seinen Namen kennt. Stinkwütend macht er sich vom Acker und ward nie wieder gesehen.

"Das hat dir der Teufel gesagt! schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nimmermehr wieder."




Die Figur des Rumpelstilzchens erinnert in vielen Aspekten an die Darstellung des Teufels in anderen Märchen. Doch durch den Satz "Das hat dir der Teufel gesagt" kann man zweifelsfrei schließen, dass Rumpelstilzchen nicht der Teufel ist und sich nicht einmal gut mit ihm zu verstehen scheint.

Für spätere Auflagen der "Kinder- und Hausmärchen" haben die Brüder Grimm das Ende des Märchens kindgerechter gemacht. Nun verschwindet das Männlein nicht mehr auf Nimmerwiedersehen, sondern zerreißt sich selbst vor Zorn in zwei Stücke. Das hat er nun davon, dass er Stroh zu Gold gesponnen hat und damit dem Mädchen das Leben gerettet hat!

Mit diesem zauberhaften geistigen Gemälde vor Augen verlassen wir das fantastische Reich der Geschichten Grimms. Ach ja, die gute, alte, heile Märchenwelt - sie erinnert mich an meine unbedarften Jugendjahre. Diese süße, süße Unschuld der Kindheit!

""Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt" schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wuth den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei."

(7. Auflage)



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MARIOS MÄRCHENSTUNDE

Teil 1: "Fressen und gefressen werden"
Teil 2: "Sieben auf einen Streich"
Teil 3: "Schön blöd"
>>Teil 4: "Das hat dir der Teufel gesagt!"

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