15. Februar 2012

WIE ES EUCH GEFÄLLT (Der Mythos Jesus Fazit I)



[1: Der unsichtbare Mann] 
[2: Leben wie Gott in Galiläa]
[11: Variationen über ein Thema]
[12: Den Tod nicht schmecken]
[13: Götter der Christenheit]
[14: Jesus, der Unmensch]


Warum Jesus Christus nicht Geschichte ist - sondern Geschichten.

"No man ever believes that the Bible means what it says: He is always convinced that it says what he means"

(George Bernard Shaw)



"The Foole doth thinke he is wise, but the wiseman knowes himselfe to be a Foole."

(William Shakespeare, "As You Like It")




KEINE MENSCHENSEELE

Wir waren ausgezogen, den Christus zu finden. Zunächst suchten wir den Mann hinter dem Mythos, fanden aber keinen [Teil 1],[Teil 2]. Es existieren keinerlei Beweise, die für einen historischen Jesus Christus sprechen, weder als Mensch noch als Gott im Menschspelz.
Keine schriftlichen Aufzeichnungen von oder über ihn aus seiner angeblichen Lebenszeit oder den darauffolgenden Jahrzehnten sind uns bekannt. Auch nach anderen archäologischen Beweisen für seine Existenz sucht man vergeblich. Das Gleiche gilt für die Stadt Nazareth, in der er laut den Evangelien aufgewachsen sein soll.

Das heißt nicht, dass es keinen Mann gegeben haben könnte, auf dessen Lebensgeschichte die Jesus-Saga ursprünglich basierte und um den man später Mythen gesponnen hat. Dass die Bibel-Storys Legenden sind, also teils erfundene Geschichten um eine reale Person, kann nicht ausgeschlossen werden. Doch die Beweise deuten eher auf das Gegenteil hin.
Die frühesten Schriften über Jesus sind die Briefe des Paulus. Bei ihm ist Jesus aber eher ein mythisches Wesen als eine Person der Zeitgeschichte. Er hat noch keine Biografie, vollbringt keine Wundertaten und lehrt nicht [Teil 14].

In den später geschriebenen Evangelien wird Jesus dann vermenschlicht und bekommt eine Lebensgeschichte. Allerdings in jedem Evangelium eine andere.
Allein innerhalb der vier Evangelien, die es in die Bibel geschafft haben, gibt es nicht nur Uneinigkeiten, sondern sogar eindeutige Widersprüche. Nicht nur bei kleinen Details, sondern auch bei extrem wichtigen Ereignissen für den Mythos Jesus - wie der Geburt Christi, dem letzten Abendmahl, der Kreuzigung, Jesus' letzten Worten und der Wiederauferstehung [Teil 11].




Nichts deutet darauf hin, dass die biblische Jesus-Saga von realen, historischen Ereignissen berichtet. Sehr vieles deutet aber darauf hin, dass die Christus-Geschichten auf älteren Mythen aufgebaut sind.
So finden sich unzählige Anspielungen und Parallelen zum alten Testament. Das beginnt schon bei den Namen der Protagonisten in der Jesus-Story [Teil 6] und reicht von einer leibhaftigen Begegnung mit Gespenstern der prominenten Propheten Moses und Elia [Teil 7], über eine Unmenge von angeblich erfüllter Prophezeiungen [Teil 5], bis zur Wiederverwertung eines Großteils der Erzählungen um die Propheten Elia und Elisa, in denen viele von Jesus' bekannteren Wundertaten bereits auftauchen: Die Wiedererweckung von Toten, die Speisung von Menschenmassen mit magisch vermehrtem Brot, eine Wunderheilung und sogar eine Himmelfahrt [Teil 8].

Neben jüdischen Elementen findet man auch Parallelen zu anderen Mythologien [Teil 4]. Am deutlichsten erkennbar sind die Einflüsse der griechisch-römischen Sagenwelt. Dass Jesus ein Sohn eines Gottes und eines Menschen sein soll, ist eine Gemeinsamkeit, die er sich mit fast allen Helden der alten Griechen teilt, von denen manche sogar eine Jungfrau als Mutter haben [Teil 9]. Und dort beginnen die vielen Ähnlichkeiten zu den großen griechischen Sagenfiguren wie Herkules oder Dionysos erst. Besonders bei der frühesten Jesus-Biografie, dem Markus-Evangelium, finden sich zahlreiche Anspielungen auf Homers Odyssee und Charaktere aus den homerischen Hymnen [Teil 10].

Viele der frühesten Christen erkannten die vielen Gemeinsamkeiten und versuchten, sie zu erklären. Eine der Begründungen - keine Einzelmeinung, sondern von mehreren wichtigen Kirchenvätern vertreten: Der Teufel habe die frohe Botschaft des neuen Testaments schon vor Christi Geburt anderen Kulturen auszugsweise zur Verfügung gestellt, um die ersten Christen zu verwirren [Teil 4].
Klingt für mich glaubwürdig.

Fazit: Es sieht so aus, als seien die Mythen um Christus als Entwicklung älterer Geschichten und Ansichten entstanden. Dies ist aber natürlich nicht so und lässt sich völlig plausibel mit dem Einfluss des Teufels erklären.
Ende.



YOUR OWN PERSONAL JESUS

Die Figur Jesus ist das Ergebnis einer Evolution der jüdischen Religion, die durch das Zusammentreffen zweier Kulturen geprägt war. Ständig besetzt von Fremden haben die Juden sich stets bemüht, ihre Religion als Teil ihres kulturellen Erbes zu bewahren. Trotzdem änderte sich das Judentum dadurch, dass man neue Ideen und Weltbilder kennenlernte.

Der Jesus des neuen Testaments war Teil einer Entwicklung der damaligen Kultur. Der Jesus, an den Christen heutzutage glauben, ist ein völlig anderer Jesus, der knapp zweitausend Jahre mehr Evolution auf dem Buckel hat.
Ein großer, aber bei Weitem nicht der einzige Unterschied ist, dass Jesus' Wirken auf Erden ursprünglich als Vorbote des sehr bald kommenden Weltuntergangs gesehen wurde.
Da die Erde im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht unterging und im zweiten auch nicht, glaubten Christen von da an nicht mehr, dass die Welt im ersten oder zweiten Jahrhundert untergeht. Bis heute gibt es allerdings noch immer viele Millionen Christen, die das Ende der Welt innerhalb der nächsten Jahrzehnte erwarten [Teil 12].
Das Christentum starb nicht dadurch aus, dass sich Jesus' Vorhersage vom baldigen Ende als falsch herausstellte. Doch die Figur Jesus und die Religion im Ganzen änderten sich und man legte in der Regel weniger Wert auf den apokalyptischen Teil des Christentums.

Das heißt nicht, dass man sich auf eine bestimmte Jesus-Philosophie einigen konnte. Es gibt heutzutage etwa 38.000 christliche Denominationen, die jeweils unterschiedliche Ansichten über Gott, Jesus, die Bibel und die Welt haben.




In der Story der Evangelien stellt Jesus die Menschen vor eine einfache Wahl: "Folgt mir nach oder ihr seid verloren!"
In unserer heutigen Welt ist das etwas komplizierter. Selbst wenn man überzeugt ist, ein Nachfolger Christi werden zu wollen, hat man noch recht viele Auswahlmöglichkeiten.

Will man vielleicht katholisch werden als Mitglied der größten christlichen Kirche der Welt, der römisch-katholischen? Oder will man katholisch werden, mag aber keine Menschmassen und mag's eher beschaulich - dann kann man einer der kleineren griechisch-katholischen Kirchen beitreten, wie der melkitischen griechisch-katholischen Kirche, der rumänischen griechisch-katholischen Kirche, der russischen griechisch-katholischen Kirche, der kasachischen griechisch-katholischen Kirche, oder der ruthenischen griechisch-katholischen Kirche, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Wenn man den Katholizismus richtig findet, aber die römisch-katholische Kirche für zu lasch und zu modern hält, wird man einfach alt-katholisch - geht einem die römisch-katholische Kirche ein wenig zu weit, kann man sich den Anglikanern anschließen.




Eine Alternative sind die orthodoxen Kirchen, wie die griechisch-orthodoxe, die russisch-orthodoxe, die mazedonisch-othodoxe, die äthiopisch-orthodoxe, die montenegrinisch-orthodoxe Kirche und so weiter und so fort.
Dafür, dass das Christentum sich als Religion für alle Menschen versteht, tragen sehr viele Kirchen Nationalitäten im Namen...
Falls einem das nicht weit genug geht, gibt es auch offen rassistische christliche Kirchen, wie zum Beispiel in der "Christian Identity"-Bewegung organisierte Kirchen.

Wenn man gerne missionieren geht, aber das Dreifaltigkeits-Prinzip nicht mag, kann man sich den Zeugen Jehovas anschließen oder den Mormonen. Findet man die Mormonen gut, aber nicht radikal genug, schließt man sich einer fundamentalistischeren Splittergruppe der Mormonen an, zum Beispiel der Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints - eine der fünf mormonischen Denomination mit eigenem Tempel.

Erst recht schwierig wird es, wenn man sich einer protestantischen Kirche anschließen will. Möchte man an einen Gott glauben, der nichts dem Zufall überlässt? Dann kann man sich einer Gemeinde anschließen, die auf den Lehren Calvins aufgebaut sind. Doch auch davon gibt es nicht wenige, wie beispielsweise die presbyterianischen Kirchen oder hunderte von verschiedenen baptistischen Kirchen...
Statt Calvinist kann man natürlich auch Lutheraner werden oder Wesleyaner oder Zwinglianer oder Anabaptist oder Unitarier....



Gar nicht so einfach, für sich das passende Christentum zu finden!
Kein Wunder, dass es sich die meisten Christen da leicht machen und in der Kirche bleiben, in die sie ihre Eltern eingeführt haben und sich um die anderen Kirchen einen Teufel scheren.

Dafür, dass sich alle Christen auf eine einzige historische Person Jesus Christus und seine angeblichen Lehren berufen, die im neuen Testament festgehalten sein sollen, weichen die Weltanschauungen verschiedener Christen doch extrem voneinander ab.
Wie groß zum Beispiel die Unterschiede zwischen verschiedenen Entwürfen der Christus-Figur sein können, wird deutlich, wenn wir zwei davon vergleichen, an die heutzutage eine große Zahl von Protestanten glauben: Den Tea-Party-Christus und den Hippie-Jesus.



A MAD TEA PARTY

Protestanten, die eine wörtliche, historische Interpretation der Bibel bevorzugen, nennt man evangelikal. In Deutschland sind das nur etwa eine Million, in den USA hingegen etwa 85 Millionen Menschen. Der politische Arm der Evangelikalen nennt sich dort seit einigen Jahren "Tea-Party-Bewegung", nach dem Ereignis, dass den Beginn der amerikanischen Revolution markierte, der Boston Tea Party.

Diesen Leuten haben wir den US-Präsidenten George W. Bush zu verdanken, der ohne den Einfluss der religiösen Rechten, wie diese Gruppe zuvor genannt wurde, die Präsidentenwahlen auch mit Wahlbetrug nicht gewonnen hätte.

Der eigentlich uramerikanische Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat ist den rechten Christen nicht recht. Bush begründete den Irak-Krieg damit, dass Gott es ihm angeblich befohlen habe. In Europa dienten solche seltsamen Aussagen von Bush meistens nur dazu, sich über ihn lustig zu machen. Doch bei einer für so viele Menschen tödlichen Entscheidung sollte man solche Ansichten durchaus ernst nehmen. Außerdem gibt es auch genügend andere Dinge, um sich über Bush lustig zu machen.
Oft wurde hierzulande grob unterschätzt, wie viele Christen in den USA Bush glaubten, dass er einen göttlichen Auftrag besitzt und wie wichtig religiöse Rhetorik für die anfänglich hohe Zustimmungsrate im Volk für diesen Krieg war.
"Either you are with us", sagte Bush einmal, "or you are with the terrorists."
Jeder, der eine andere Meinung vertritt als Bush und seine evangelikalen, konservativen Anhänger, wird als staatsfeindlicher Terrorist abgestempelt. Patriot kann man demnach nur sein, wenn man so denkt wie die Regierung. Schon ironisch, da die USA ja von Menschen gegründet worden ist, die sich gegen ihre britische Regierung aufgelehnt haben - zum Beispiel bei der Boston Tea Party - und deren Vorfahren sehr oft in die neue Welt ausgesiedelt waren, weil sie in ihren Heimatländern von der Obrigkeit verfolgt wurden.

Als Nicht-Christ ist es einfach, eine solche Denkweise als dumm und gefährlich zu bezeichnen. Doch wenn Christen das tun, bezeichnen sie ihren eigenen Gott als dumm und gefährlich, da Bush hier einen Ausspruch von Jesus wiedergibt.

"30 Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich" (Matthäus 12:30)


Auch der Nachfolger von George Bush als Gouverneur von Texas wird der Tea-Party zugerechnet und hält nicht so viel von der Trennung von Kirche und Staat. So veranstaltete Rick Perry während einer großen Dürre 2011 einen offiziellen, nationalen Gebets-Tag, bei dem alle Menschen für Regen beten sollten.
Genutzt hat es nicht: Zusätzlich dazu, dass die Dürre anhielt, entstanden nach dem "national prayer day" riesige Waldbrände im Staate Texas...





-- TEA-PARTY-JESUS

Lieblingsbibelstellen:

Besonders beliebt ist das alte Testament und Jesus' Aussage, es sei noch immer gültig.

"17 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe."

(Matthäus 5:17-18)

Aus der Gültigkeit des alten Testaments lassen sich beispielsweise folgende Dinge ableiten:

- Erstens: Gott hat den Menschen und jedes Tier in seiner heutigen Form erschaffen (Genesis 1). Die Evolutionslehre ist also falsch. An den Schulen sollte im Biologieunterricht daher nur noch die biblische Schöpfungslehre unterrichtet werden - bevorzugt unter einem schicken neuen Namen wie "intelligent design".

- Zweitens: Homosexualität ist falsch und wird von Gott als Sünde angesehen. Da ist das alte Testament ziemlich unmissverständlich - das neue allerdings auch.

"13 Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Greuel getan und sollen beide des Todes sterben; ihr Blut sei auf ihnen."

(Levitikus 20:13)

"26 Darum hat sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste: denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen;
27
desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen. [...]

32 Sie wissen Gottes Gerechtigkeit, daß, die solches tun, des Todes würdig sind, und tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun."

(Römer 1:26-27,32)



- Drittens: ... fällt mir gerade nicht ein. Upps...
Ach doch: Reiche sollten so wenig Steuern wie möglich zahlen!

Wie man das aus der Bibel herauslesen kann ist mir nicht ganz klar. Das hält Evangelikale jedoch nicht davon ab, eine Reiche bevorzugende Steuerpolitik und wenig Staat als "christliche" Werte zu verkaufen.
Was uns zu den unbeliebten Bibelstellen führt, die man lieber ignoriert...


Unbeliebte Bibelstellen: 

Die Politiker der Tea-Party-Bewegung fordern weniger Steuern für Reiche und Kürzungen im Sozialbereich. Der Bibel-Jesus ist dagegen nicht gerade ein Freund der Reichen, während Sozialpolitik so eine Art Steckenpferd von ihm war....

"18 Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?

19 Jesus aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.  
20 Du weißt die Gebote wohl: "Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren."
21 Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. 
22 Da Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eins. Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! [...]
25 Es ist leichter, daß ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, denn daß ein Reicher in das Reich Gottes komme."

(Lukas 18:18-22,25)


"4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen."

(Matthäus 5:4-9)



Ebenfalls problematisch für die kriegsbegeisterten Tea-Party-Anhänger ist Jesus' Haltung zu Feindschaft:

"43 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen."  

44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen"

(Matthäus 5:43-44)


Das vergisst man als evangelikaler "Christ" mal lieber wieder, wenn man bald einen neuen Krieg anstacheln will, zum Beispiel gegen den Iran. Man konzentriere sich doch lieber auf die "Auge um Auge"-Nummer aus dem alten Testament, auch wenn Jesus das krasse Gegenteil davon predigt (und damit im Widerspruch zu seiner eigenen Aussage Moses' Gesetz aufhebt):

"38 Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."  

39 Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar."

(Matthäus 5:38-39)



Was das Thema "Helfen" anbelangt, so hält man sich eher an Jesus' Worte in Matthäus als an seine Worte in der Apostelgeschichte.
Also:

"10 Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen durch Gleichnisse?  
11 Er antwortete und sprach: Euch ist es gegeben, daß ihr das Geheimnis des Himmelreichs verstehet; diesen aber ist es nicht gegeben. 
12 Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen was er hat."  

(Matthäus 13:10-12)

Aber nicht:

"35 Ich habe es euch alles gezeigt, daß man also arbeiten müsse und die Schwachen aufnehmen und gedenken an das Wort des HERRN Jesus, daß er gesagt hat: "Geben ist seliger denn Nehmen!"

(Apostelgeschichte 20:35)



Jesus war auch nicht gerade bekannt dafür, gegen einen großen Einfluss einer Zentralregierung zu wettern.
Was genau ein Staat mit viel Regierung ist und was nicht, ist wohl Definitionssache. Was definitiv kein gutes Beispiel für einen schlanken Staat im Sinne der Tea-Party-Bewegung ist: Das römische Reich.
Und dennoch fordert Jesus nicht zu Widerstand gegen den Staat auf, sondern tut das Gegenteil:

"17 Darum sage uns, was dünkt dich: Ist's recht, daß man dem Kaiser den Zins gebe, oder nicht?  

18 Da nun Jesus merkte ihre Schalkheit, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich?  
19 Weiset mir die Zinsmünze! Und sie reichten ihm einen Groschen dar.  
20 Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Überschrift?  
21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!"

(Matthäus 22:17-21)




MY SWEET LORD

Der Hippie-Jesus ist das krasse Gegenteil zum Christus der Ultra-Konservativen. Dieser Jesus basiert auf den Sozialutopien der 60er-Jahre und ist politisch klar links. Trotz fester Werte ist dieser Christus niemandem böse, wenn er eine andere Meinung hat, sondern überzeugt letztendlich mit seiner Toleranz und seiner unendlich großen göttlichen Liebe.

"40 Wer nicht wider uns ist, der ist für uns." (Markus 9:40)

Die typischen Anhänger des Hippie-Jesus sind Lutheraner und versuchen, durch den Einsatz von Jugendsprache - oder eher Pseudo-Jugendsprache aus längst vergangenen Jahrzehnten - das Christentum als besonders "cool" dazustellen. Blöderweise ist das Christentum natürlich beim besten Willen kein Stückchen cool. Obwohl...

Die Bibel interpretiert man lieber metaphorisch als historisch und konzentriert sich auf ein paar von Jesus' Lehren aus den Evangelien und schlechte Popmusik.
Bei der ganzen angeblichen Toleranz ist es doch interessant, dass Jesus auch bei diesen Christen stets ein weißer, nordeuropäischer Mann ist und niemals Palästinenser.
Na ja, zumindest hat er mit seinen langen Haaren, dem Vollbart und den Jesus-Latschen einen gewissen Hippie-Flair.




-- HIPPIE-JESUS

Lieblingsbibelstellen:


"4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen."

(Matthäus 5:4-9)


"43 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen."  
44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen"

(Matthäus 5:43-44)


"38 Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."  

39 Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar."

(Matthäus 5:38-39)



Was das Thema "Helfen" anbelangt, so hält man sich eher an Jesus' Worte in der Apostelgeschichte als an seine Worte im Matthäus-Evangelium.
Also:

"35 Ich habe es euch alles gezeigt, daß man also arbeiten müsse und die Schwachen aufnehmen und gedenken an das Wort des HERRN Jesus, daß er gesagt hat: "Geben ist seliger denn Nehmen!"

(Apostelgeschichte 20:35)


Aber nicht:

"12
Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen was er hat."

(Matthäus 13:12)


Unbeliebte Bibelstellen:

Nicht recht zum Bild des toleranten Jesus passt der Gott des alten Testaments, der so gar nicht tolerant ist und seine Anhänger zum Beispiel dazu auffordert, Ungläubige zu ermorden.
Im Buch der Offenbarung tötet auch Jesus Ungläubige. In den Evangelien verurteilt Christus Ungläubige zu ewigen Höllenqualen. Paulus ergeht sich in seinen Briefen in ausgiebigen Hasstiraden gegen Frauen, Homosexuelle und viele mehr.

Diese Stellen - der Großteil der Bibel - sind viel zu intolerant, um von toleranten Menschen toleriert zu werden. Aber wenn wir nur diese 99% der Bibel vergessen, einfach so tun, als gäbe es sie nicht - dann ist der Hippie-Jesus doch ganz klar durch die Bibel belegt!





A HOUSE DIVIDED

Betrachtet man Hippie-Jesus und Tea-Party-Jesus im Direktvergleich, wird klar, dass es sich nicht nur um Variationen ein und derselben Figur handelt, sondern um zwei völlig verschiedene Charaktere, die außer ihrem Namen kaum etwas gemeinsam haben.
Der Hippie-Jesus basiert auf Bibelstellen, die Tea-Party-Jesus ignoriert - und umgekehrt.
Dies verdeutlicht, dass man so ziemlich jede Ansicht mit der Bibel belegen kann, da es darin zu fast jeder Position auch eine Gegenmeinung gibt.

Die Bibel ist zum Beispiel klar für die Sklaverei, was moderate Christen nicht davon abbringen kann, irgendeinen obskuren Vers zu nehmen und zu glauben, dies bedeute ganz sicher, dass Jesus gegen Sklaverei ist.
Nehmen wir z.B. doch einfach diesen hier:

"44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen,
45 auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte."

(Matthäus 5:44-45)

 
Wir sind alle Kinder Gottes und sollen uns lieben, selbst unsere Feinde -  daraus kann man bestimmt auch irgendwie ableiten, dass wir gleichberechtigt sein sollten und uns daher keinen Menschen zu unserem Untertan machen dürfen.
Das klingt doch super! Reicht für unseren stereotypischen Hippie-Jesus-Anhänger definitiv, um die ganzen widersprüchlichen Stellen einfach nicht zu beachten Niemand darf über einen anderen Menschen herrschen!


"1 Desgleichen sollen die Weiber ihren Männern untertan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden"

(1. Petrus 3:1)


Das vergessen wir mal...





"34 Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, daß sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt."

(1. Korinther 14:34)

Na gut, das klingt nicht ganz so dolle... Aber die Bibel ist auf jeden Fall gegen Sklaverei! 1000 prozentig!


"44 Willst du aber leibeigene Knechte und Mägde haben, so sollst du sie kaufen von den Heiden, die um euch her sind,
45
und auch von den Kindern der Gäste, die Fremdlinge unter euch sind, und von ihren Nachkommen, die sie bei euch in eurem Land zeugen; dieselben mögt ihr zu eigen haben
46 und sollt sie besitzen und eure Kinder nach euch zum Eigentum für und für; die sollt ihr leibeigene Knechte sein lassen. Aber von euren Brüdern, den Kindern Israel, soll keiner über den andern herrschen mit Strenge."

(Levitikus 25:44-46)


Aber das ist ja das alte Testament! Im neuen Testament steht sowas ja nicht!
Was, doch?..


"5 Ihr Knechte, seid gehorsam euren leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als Christo;
6 nicht mit Dienst allein vor Augen, als den Menschen zu gefallen, sondern als die Knechte Christi, daß ihr solchen Willen Gottes tut von Herzen, mit gutem Willen."

(Epheser 6:5-6)


Fresse jetzt! Jesus ist ganz klar gegen Sklaverei, das ist ja wohl klar!



THIS WILL NEVER END 'CAUSE I WANT MORE
MORE, GIVE ME MORE, GIVE ME MORE

Mit dem ultrarechten und dem Friede-Freude-Eierkuchen-Jesus haben wir nur zwei mögliche Vorstellungen von Jesus betrachtet. Es gibt natürlich noch ein paar mehr...
Zum Beispiel:

-- LUTHERANISCHER JESUS

Lieblingsbibelstelle:

Ganz allein der Glaube errettet und nichts anderes.

"28
So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."

(Römer 3:28)


Unbeliebte Bibelstelle:

Der Glaube reicht nicht aus, es müssen auch gute Werke folgen.

"24 So sehet ihr nun, daß der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.

(Jakobus 2:24)



-- KATHOLISCHER JESUS

Lieblingsbibelstelle:

Nur durch Glauben und gute Werke wird man errettet.

"24 So sehet ihr nun, daß der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.

(Jakobus 2:24)


Unbeliebte Bibelstelle:

Ganz allein der Glaube errettet und nichts anderes.

"28 So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."

(Römer 3:28)



-- CALVINISTISCHER JESUS

Lieblingsbibelstelle:


Weder Glaube noch Werke haben eine Bedeutung. Wer errettet wurde, steht seit Anbeginn der Zeit fest.

"3 Gelobet sei Gott und der Vater unsers HERRN Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum;
4 wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe"

(Epheser 1:3-4)

Unbeliebte Bibelstelle
:

Siehe Lieblingsstellen der Katholiken und Lutheraner



STRAFGESICHT

Damit sind wir bei der Erkenntnis angelangt, dass man keine Ansicht wirklich überzeugend mit der Bibel belegen kann, da es darin zu fast jeder Position auch eine Gegenmeinung gibt.

Und dabei haben wir bisher nur über Jesusse gesprochen, die grob auf den Beschreibungen des neuen Testaments basieren. Obwohl selbst auf dieser Grundlage viele verschiedene Christus-Figuren konstruierbar sind, gibt es zusätzlich noch religiöse Gruppen, die an Jesus glauben und ihre Vorstellungen nicht - oder nicht nur - auf dem neuen Testament aufbauen.

 


Die Mormonen sind Christen, die ihre Ansichten über Gott und die Welt zusätzlich zum alten und neuen Testament auf das Buch Mormon stützen. Darin erfahren wir beispielsweise, dass Jesus nach seiner Wiederauferstehung den amerikanischen Kontinent besucht hat (Buch Mormon, 3 Nephi 11:7-12) und dass die amerikanischen Ureinwohner die verschollenen Stämme Israels sind, denen Gott zur Strafe für die Sünden ihrer Väter die Haut einfärbte.

"6 Und die Haut der Lamaniten war dunkel, gemäß dem Kennzeichen, das auf ihre Väter gesetzt worden war, was ein Fluch auf ihnen war wegen ihrer Übertretung und ihrer Auflehnung gegen ihre Brüder, nämlich Nephi, Jakob und Joseph und Sam, die gerechte und heilige Männer waren.
7 Und ihre Brüder suchten sie zu vernichten, darum wurden sie verflucht; und der Herr, Gott, setzte auf sie ein Kennzeichen, ja, auf Laman und Lemuel und auch auf die Söhne Ischmaels und auf die ischmaelitischen Frauen.
8 Und dies geschah, damit ihre Nachkommen sich von den Nachkommen ihrer Brüder unterschieden, damit der Herr, Gott, auf diese Weise sein Volk bewahre, damit es sich nicht vermische und an unrichtige Überlieferungen glaube, was ihre Vernichtung bewirken würde.
9 Und es begab sich: Wer auch immer seine Nachkommen mit jenen der Lamaniten vermischte, der brachte den gleichen Fluch über seine Nachkommen."

(B
uch Mormon, Alma 3:6-9)


Das hatte ich jetzt persönlich noch nicht gewusst. Man lernt ja nie aus...





GÖTTERSPEISE

Die Ansicht, dass dunkle Hautfarbe eine Strafe Gottes ist, gibt es nicht erst seit der Erfindung des Mormonentums im 19. Jahrhundert. So schenkt der Koran uns folgende Weisheit:

"106 An dem Tage, da manche Gesichter weiß sein werden und manche Gesichter schwarz, wird zu jenen, deren Gesichter schwarz sein werden (gesprochen): «Wurdet ihr ungläubig, nachdem ihr geglaubt hattet? So kostet die Strafe für euren Unglauben.»
107 Jene aber, deren Gesichter weiß sein werden, werden in Allahs Gnade sein; darin werden sie verweilen.
108 Dies sind die Wahrheit umfassende Zeichen Allahs, die Wir dir vortragen; und Allah will keine Ungerechtigkeit für die Welten."

(Qu'ran 3:106-108)


Auch Moslems glauben an einen Jesus. Der hat ein paar Gemeinsamkeiten mit der christlichen Figur, ist aber in vielen Aspekten radikal anders.
Wie in der Bibel wird Jesus (arabisch: "Isa") im Koran von der Jungfrau Maria geboren, allerdings völlig ohne Vater. Der islamische Jesus ist nicht Allahs Sohn und erst recht nicht Gott selbst. Ein durchschnittlicher Normalo ist er aber offensichtlich auch nicht. Immerhin kann er schon wenige Stunden nach seiner Geburt sprechen (Qu'ran 19:30-33).
Ganz so, wie man es in Indien seit etwa 1000 Jahren vor der Entstehung des Korans über Buddha behauptet hat. Allerdings ist das ja nur eine Legende...


Maria und Jesus. Typ links im Bild: "Ey, Leute, ich will euch ja nicht stören, aber habt ihr eigentlich schon bemerkt, dass eure Haare brennen?"


Der islamische Jesus wird - wie sein christliches Pendant - zum Tode am Kreuz verurteilt. Sterben muss an seiner Stelle aber ein anderer Mann, der das Pech hatte, ihm ähnlich zu sehen.
Jesus wird dann von Gott zu sich in den Himmel geholt und wird seitdem - wie bei den Christen -  für einen zweiten Auftritt zurückerwartet. Wenn er wiederkommt, kämpft er mit der islamischen Variante des Anti-Christen, Al-Masihu'd-Dadschal und... Spannung, Spannung... besiegt ihn letztendlich auch. Wer hätte das erwartet?
Danach soll er vierzig Jahre lang die Welt regieren, bevor er ins Gras beißt. Das leere Grab neben Mohammed in Medina ist schon für ihn reserviert.

Während der Bibel-Jesus Glauben ohne Beweise einfordert (Markus 8:12), hat sich der Islam-Jesus da nicht so und bestellt bei Allah ein Catering als Gottesbeweis...

"112 Als die Jünger sprachen: «O Jesus, Sohn der Maria, ist dein Herr imstande, uns einen Tisch mit Speise vom Himmel herabzusenden?», sprach er: «Fürchtet Allah, wenn ihr Gläubige seid.» 
113 Sie sprachen: «Wir begehren davon zu essen, und unsere Herzen sollen in Frieden sein, und wir wollen wissen, daß du Wahrheit zu uns gesprochen hast, und wollen selbst davon Zeugen sein.»  
114 Da sprach Jesus, Sohn der Maria: «O Allah, unser Herr, sende uns einen Tisch vom Himmel herab mit Speise, daß er ein Fest für uns sei für den Ersten von uns und für den Letzten von uns, und ein Zeichen von Dir; und gib uns Versorgung, denn Du bist der beste Versorger.» 
115 Allah sprach: «Siehe, Ich will ihn niedersenden zu euch; wer von euch aber danach undankbar wird, den werde Ich strafen mit einer Strafe, womit Ich keinen andern auf der Welt strafen werde.»"

(Qu'ran 5:112-115)



NOBODY KNOWS BUT JESUS

Verschiedene Vorstellungen von Jesus gibt es, seitdem es das Christentum gibt. Die frühchristliche Bewegung, aus der sich die katholische Kirche entwickeln sollte, hatte zum Beispiel Konkurrenz durch die Gnostiker. "Gnosis" bedeutet "Wissen" und war ein vollkommen anderer Ansatz, das Christentum zu verstehen, der sich eher auf Philosophie als auf Mythologie stützte.
Während man sich in der vor-katholischen Kirche meistens wenigstens darüber einig war, dass Jesus der Sohn von Jahwe ist, dem Gott des alten Testaments, streitete man darüber, ob er gleichzeitig auch Jahwe selbst ist. Letztere Ansicht setzte sich im vierten Jahrhundert als offizielle Lehrmeinung durch [Teil 13].
Die Gnostiker, die sich selbst oft schlicht als "Christen" bezeichneten, waren da anderer Auffassung. Ihrer Ansicht nach war Jesus der Sohn des höchsten Gottes - dieser Gott war allerdings nicht Jahwe. Im Gegenteil: Während Jesus Botschafter des guten Gottes war, sah man Jahwe als "Demiurgen", als Schöpfer der Welt, der nicht gut ist.
So erklärte man sich das Böse in der Welt. Der Demiurg hatte es einfach nicht hingekriegt, eine perfekte Welt zu bauen, da er selbst nicht perfekt war. Manche Gnostiker hielten ihn einfach nur für inkompetent, andere unterstellten ihm gar böse Absichten.
Jesus wurde aber als Sohn des guten Gottes betrachtet, der bisher unserer Welt verborgen war.

"13 Und niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist."

(Johannes 3:13)

"22 Es ist mir alles übergeben von meinem Vater. Und niemand weiß, wer der Sohn sei, denn nur der Vater; noch wer der Vater sei, denn nur der Sohn und welchem es der Sohn will offenbaren."

(Lukas 10:22)


Es gibt wenige typische Merkmale der Gnosis. Der Kirchenvater Irenäus schrieb über sie:

"Betrachten wir nun die Unbeständigkeit ihrer Lehre! Nicht zwei oder drei kannst Du auftreiben, die über denselben Gegenstand dasselbe sagen; in Namen und Sachen widersprechen sie sich völlig."

(Gegen die Häresien I, 11)

Das ist wohl einer der Hauptgründe, warum sich der Ansatz nicht durchsetzen konnte. (Heute gibt es nur noch eine einzige gnostische Gemeinde mit ein paar tausend Mitgliedern, die Mandäer im Irak.)
Die Gnosis funktionierte durch persönliche Einsichten und nicht durch Annehmen von Dogmen. Das eigenständige Denken ist allerdings anstrengend und so ziehen beim Pöbelvolk natürlich eher simple Slogans und einfache Regeln, die man nicht hinterfragen muss.



HAPPY END

Das Christentum war nie eine geschlossene Bewegung mit einheitlichen Vorstellungen - obwohl man das eigentlich erwarten könnte, wenn die Religion tatsächlich auf den Lehren einer realen Person der Zeitgeschichte begründet worden wäre. Das zeigen auch die frühchristlichen Schriften, die man aus ideologischen Gründen nicht in die Bibel aufgenommen hatte, als im vierten Jahrhundert eine verbindliche Auswahl getroffen wurde, welche Bücher es in die Bibel schaffen und welche nicht.

Eines von vielen Beispielen ist die Offenbarung des Petrus, ein Buch, das eine Vision von einer Höllenfahrt beschreibt. Darin wird geschildert, wie jeder Höllenbewohner mit einer spezifisch für seine Sünden gemachten Tortur betraft wird. Diese Vorstellung hat die christliche Mythologie stark geprägt und wird beispielsweise in Dantes Inferno weiter ausgebaut.

Am Ende des Textes findet sich allerdings eine Prophezeiung, die der traditionellen christlichen Lehre stark widerspricht. Jesus verrät Petrus nämlich ein Geheimnis, unter der Voraussetzung, dass er es nicht weitererzählt - was er dann offenbar doch getan hat...
Niemand müsse für alle Ewigkeiten in der Hölle schmoren, meint Jesus. Früher oder später errette Gott jede Seele und hole sie zu sich in den Himmel.
Welch' eine furchtbare Ketzerei!

"3b Wir sahen, wie die Sünder in großer Betrübnis und Trauer weinten, bis alle, die es mit ihren Augen sahen, weinten, seien es Gerechte oder Engel oder auch er selbst.
Ich aber fragte ihn und sagte zu ihm: "O Herr, erlaube mir, daß ich in betreff dieser Sünder dein Wort sage: 'Es wäre ihnen besser, sie wären nicht geschaffen.'"
Und der Heiland antwortete mir und sagte zu mir: "O Petrus, warum redest du so, 'das Nichgeschaffensein wäre ihnen besser'? Du bist es, der wider Gott streitet. Du würdest dich seines Gebildes nicht mehr erbarmen als er; denn er hat sie geschaffen und hat sie aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht. Und weil du gesehen hast die Klage, welche die Sünder treffen wird in den letzten Tagen, darum ist dein Herz betrübt, aber ich will dir ihr Tun zeigen, mit dem sie sich an dem Höchsten versündigt haben.
4 Sieh jetzt, was sie treffen wird in den letzten Tagen, wenn der Tag Gottes kommt. Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes 
werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen wieder sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist."

(Offenbarung des Petrus 3b-4)





JEDER IST SICH SELBST DER JESUS

Nicht nur unterscheidet sich der Jesus eines Moslems vom Jesus eines Lutheraners - der eine Katholik glaubt nicht unbedingt an den gleichen Jesus wie ein anderer Katholik. Jeder bringt ein Stück von sich selbst ein, hat seinen eigenen, persönlichen Jesus.

In einem Experiment fanden Gehirnforscher heraus: Wenn Gläubige über ihre persönlichen Moralvorstellungen nachdenken und wenn sie über die Moralvorstellungen ihres Gottes nachdenken, sind exakt die selben Hirnregionen aktiv.

Und tatsächlich scheint Gott zufälligerweise immer die selben Leute zu hassen wie man selbst. Zum Beispiel Schwule. Oder Schwulenhasser. Je nachdem, was man gerade braucht.
Das vereinfacht natürlich auch die "persönliche Beziehung" ungemein, die Christen mit Jesus oder dem heiligen Geist zu haben glauben. Diese innere Stimme, die einen nicht vom rechten Weg abkommen lässt - oder was man jeweils dafür hält.




Nichts spricht dafür, zu glauben, Jesus sei jemals etwas anderes gewesen als die Personifizierung menschlicher Moralvorstellungen. Die Autoren des neuen Testaments waren bei der Erfindung ihres Christus nur eingeschränkt durch das mythologische Vokabular ihrer heiligen Schrift, dem heutigen alten Testament. Aber so schamlos, wie sie diesen Text verbogen, umgedeutet und aus seinem Kontext gerissen haben [Teil 5], war das keine große Einschränkung.
Das Gleiche machen heutige Christen mit ihren heiligen Texten. Das müssen sie auch tun, da die antiken Vorstellungen der Autoren des neuen Testaments mit unseren modernen Ansichten einfach nicht vereinbar sind.
Glücklicherweise haben wir nämlich - oder zumindest die meisten von uns - in den letzten zwei Jahrtausenden enorme Fortschritte in unseren Moralvorstellungen gemacht, die wir mit viel Blut und Leid teuer bezahlt haben.

Am wenigsten entfernt von den Bibelschreibern haben sich radikale Fundamentalisten wie die Mitglieder der Westboro Baptist Church, die zum Beispiel völlig davon überzeugt sind, dass Gott Homosexuelle abgrundtief hasst - wie es nun einmal in der Bibel steht. Mehr dazu auf der Homepage der Westboro Baptist Church: www.godhatesfags.com.
Mit solchen Leuten kann man nicht diskutieren, da sie völlig davon überzeugt sind, den Willen Gottes zu kennen. Und was kann man schon sagen, dass die Meinung des ewigen, allmächtigen Gottes ungültig werden lässt?




Viele Christen sind der Ansicht, Fundamentalisten hätten die Bibel nicht richtig verstanden - obwohl sie ja eigentlich genau das predigen, was drin steht.
Damit nehmen diese vermeintlich moderaten Christen selbst eine fundamentalistische Geisteshaltung ein, indem sie glauben, nur sie allein würden das Wort Gottes "richtig" verstehen, nämlich größtenteils metaphorisch - während andere die Bibel "falsch" verstehen: Fundamentalisten nehmen ihrer Ansicht nach zu viele Stellen der Bibel wörtlich, Atheisten zu wenige.

Ein Beispiel: Die Sintflut-Erzählung, nach der die ganze Menschheit von einer einzigen Familie abstammt, die sich vor einer weltweiten Flut auf ein Boot gerettet hat, erscheint diesen Christen ganz selbstverständlich metaphorisch gemeint zu sein und nicht als historischer Tatsachenbericht.
Aber die Geschichte, in der Gott eine Jungfrau mit sich selbst schwängert, damit ihr Sohn, der gleichzeitig Gottes Sohn und Gott selbst ist, am Kreuz stirbt und dann wieder von den Toten aufersteht, so dass Gott den Menschen ihre Sünden vergeben kann - dies erscheint ihnen ganz selbstverständlich nicht metaphorisch gemeint zu sein, sondern als historischer Tatsachenbericht.

Weder Fundamentalisten noch gemäßigte Christen haben überzeugende Argumente für ihre Lesart - dennoch glauben sie den Willen Gottes zu kennen, der für alle Menschen gilt.
Das ist das Gefährliche an Religion: Man diskutiert nicht über persönliche Ansichten, die man durch neue Informationen oder gute Überzeugungsarbeit ändern kann, sondern man hält seine subjektiven Überzeugungen für den Willen eines allmächtigen Gottes - was bedeutet, dass Gegenmeinungen automatisch falsch, bösartig oder zumindest fehlgeleitet sind.






DIE GANZE WELT DREHT SICH UM MICH

Es gibt keine Beweise für die Wahrhaftigkeit des Christentums, jedoch viele und gewichtige Argumente dagegen. Natürlich stammen all diese Einwände von Satan persönlich. Wenn sie besonders überzeugend sind, beweist das doch nur, wie mächtig der Teufel ist!
Lassen wir uns von ihm täuschen, versperren wir uns den Weg zu Gott. Andererseits: Wollen wir wirklich dorthin?..

Nehmen wir einmal an, der christliche Gott existiert und hat die Bibel geschrieben. Warum sollten wir ihn anbeten?

Da mag es viele Gründe geben. Das Versprechen, dass man alles bekommt, was man will, solange man dies im Gebet erbittet, klingt eigentlich ganz gut (siehe z.B. Johannes 14:14, Markus 11:24).
Wäre dieses Versprechen, das Jesus nicht nur einmal, sondern viele Male macht, auch wahr, dann wäre es wirklich kein Wunder, warum Gott so viele Fans hat. Leute mögen Dinge, die sie haben wollen.

Glauben Christen nicht theoretisch an einen allmächtigen Gott, der einen Masterplan für die Welt hat? Und da erwarten sie tatsächlich, dass dieser Gott seinen Plan für das Schicksal des Universums zu ihrem Vorteil ändert, nur weil man das gern so hätte?

Dafür, dass Gott allmächtig ist und einem angeblich alles gibt, was man sich in seinen wildesten Fantasien ausmalen kann, wenn man ihn nur lieb danach fragt, sind die Gebete vieler Christen ziemlich unkreativ und recht trivial, um den Schöpfer des Universums damit zu belästigen.
"Ach, lieber Gott, hilf mir bei meiner Mathe-Prüfung", "Lass meine Katze genesen von ihrem Wurmbefall", "Mach, dass mein Lieblings-Sport-Team heute gewinnt", und so weiter und so fort.
Wieso dieses Mikro-Management? Man könnte Gott doch darum bitten, dass in Zukunft all seine Wünsche in Erfüllung gehen, ohne dass man Gott dafür behelligen muss.
Dass sich zum Beispiel die schöne Nachbarsfrau, die man so oft sehnsuchtsvoll durchs Fenster betrachtet, plötzlich unsterblich in einen verliebt. Blöd nur, wenn die dafür betet, dass der perverse Spanner von nebenan tot umfällt...



LIVIN' ON A PRAYER

Dass man nicht wirklich alles bekommt, was man erbetet, ist allerdings auch für Christen nicht wegzuleugnen. Die scheinen eher zu glauben, ein Gebet helfe manchmal - besser seien aber in jedem Fall viele Gebete.
Wenn man beispielsweise für einen Kranken betet, dann sucht man sich am besten weitere Christen, die ebenfalls für ihn beten.  Wenn ein Pfarrer für einen betet, zählt das mindestens so viel wie drei normale Gläubige.
Damit steigen die Chancen, dass Gott auf das Problem aufmerksam wird und was unternimmt.

Gott ist nämlich nicht so arrogant, dass er glaubt, allwissend und unendlich gut zu sein - was bedeuten würde, dass der Plan, den er für die Welt hat, der Beste ist, den es geben kann.
Nein, nein, Gott ist ein Erfüllungsgehilfe seiner Anhänger und macht prinzipiell die populärsten Wünsche der Menschen wahr. Daher haben die Kranken, für die sehr viel gebetet wird, auch bessere Karten als andere!




Soweit zur Ponyhofwelt vieler Christenmenschen. In der realen Welt kann man eigentlich als Kranker froh sein, wenn niemand für einen betet.
In einer amerikanischen Studie von 2006 wurden Menschen untersucht, die sich ernsthaften chirurgischen Eingriffen unterziehen mussten. Für eine Gruppe wurde gebetet, für die andere nicht. Überraschenderweise gab es einen signifikanten Unterschied zwischen beiden Gruppen. Nur nicht den, den sich die Betenden erhofften: Die Patienten, für die gebetet wurden, überstanden die Eingriffe im Durchschnitt schlechter, Komplikationen waren häufiger und länger. (Allerdings gab es den Unterschied nur bei Patienten, die wussten, dass man für sie betet.)

Die Autoren der Studie begründeten das Ergebnis damit, dass die Leute, für die gebetet wurde, oft hohe Erwartungen an diese Gebete stellten und sich dadurch sicherer fühlten. Dieser Glaube an göttlichen Beistand führte aber häufig dazu, dass der Körper weniger stark gegen Widrigkeiten ankämpfte als er es könnte.
Beten ist also nicht in jedem Fall exakt so effektiv wie sich zu wünschen, es wäre so - in manchen Fällen kann es sogar Körperverletzung sein.



SCHAF, KINDCHEN, SCHAF

Was viele Gläubige als einen Vorteil ihrer Religion betrachten, kann auch ein großer Nachteil sein: Der Glauben, dass Gott einen beschützt, nimmt dem Menschen Angst und Unsicherheit vor möglichen Gefahren des Lebens.

Aber gerade Angst und Unsicherheit in ungewohnten Situationen, das Gefühl, man muss sich selbst helfen, weil das sonst niemand tut - dies ist es, was uns stärker macht und uns so als Persönlichkeiten wachsen lässt.

Angst ist unangenehm, aber wichtig. Wenn man sie ausschaltet, sei es durch bestimmte Drogen oder durch Religion, dann kann das verheerende Auswirkungen auf die menschliche Psyche haben. Ein Gläubiger kann niemals das volle Potential seines Mensch-seins ausschöpfen, da er sich von seinem Gott abhängig macht und glaubt, alles was er erreicht hat, hätte er ohne Gott niemals schaffen können.

Das Christentum will aber auch gar keine entwickelten, komplexen Persönlichkeiten schaffen, sondern Zombies, die ohne Widerrede tun, was man von ihnen erwartet: Schafe.

"25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubet nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir.

26 Aber ihr glaubet nicht; denn ihr seid von meinen Schafen nicht, wie ich euch gesagt habe.
27 Denn meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie; und sie folgen mir,
28 und ich gebe ihnen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen."

(Johannes 10:25-28)


Wenn der Bibel-Gott existieren würde, wäre allein diese Aussage für mich ein Grund, ihn nicht anzubeten. Selbst als Schaf, dass Jesus aus Prinzip alles glaubt, würde ich es unmoralisch finden, dass andere für ihren Unglauben bestraft werden und kein ewiges Leben erhalten - einzig und allein für das schlimme Verbrechen, kein Schaf zu sein.



WHAT IS LOVE?
BABY, DON'T HURT ME, DON'T HURT ME, NO MORE

Sagt die Bibel nicht, dass Gott Liebe ist? (Ja, tut sie: 1 Johannes 4:8.)
Ich weiß vielleicht nicht viel über Liebe, außer dem, was ich von den nackten, verheirateten Zeichentrick-Kindern gelernt habe...
Aber gehört nicht zum Ideal von Liebe, dass man auch mal einen Fehler verzeihen kann?
Anscheinend nicht...

"32 Und wer etwas redet wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den Heiligen Geist, dem wird's nicht vergeben, weder in dieser noch in jener Welt."

(Matthäus 12:32) 


Der Gott, der angeblich gleichzusetzen ist mit Liebe, kann alles vergeben, sei es auch noch so furchtbar: Massenmord, Kinderschändung, Folter, Volksmusik oder den Holocaust. Nur eine Heilige-Geist-Lästerung, das ist völlig unverzeihlich, die schlimmste aller Sünden?

Ist Gott wirklich so nachtragend, wenn er das "Opfer" der Sünde ist - während er von seinen Anhängern verlangt, sich gegenseitig viel schlimmere Verbrechen zu vergeben?
Im neuen Testament werden wir dazu aufgefordert, unsere Feinde zu lieben. Und Gott schmeißt seine eigenen Feinde und selbst bloße Kritiker für alle Zeiten ins Höllenfeuer? Kann das Liebe sein?
Ist es wirklich zu viel von Gott verlangt, einfach darüber zu stehen, wenn man über ihn lästert, anstatt mit der brutalstmöglichen Gewalt zu reagieren?




Vielleicht ist dieser Gott Liebe. Sich selbst liebt Gott definitiv sehr, sehr dolle.
Die Menschen liebt er auch, völlig bedingungslos. Allerdings halt nur unter der Bedingung, dass sie exakt das, tun, was er von ihnen verlangt.


"16 Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

(Johannes 3:16) 

Anders formuliert könnte es heißen: "Also hat Gott sich selbst geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab (warum auch immer), auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, auf dass sie ihn in alle Ewigkeiten verehren können.
Also hat Gott alle anderen Menschen gehasst, dass er seinen einzigen Teufel darauf ansetzte, sie für alle Ewigkeiten zu quälen."

Dass Gott nicht unseren modernen Vorstellungen von Gerechtigkeit entspricht und andere Maßstäbe an seine Anhänger legt als an die verdammten Ungläubigen, ist im alten Testament kaum zu übersehen. Im neuen Testament ist diese Haltung unter dem Deckmantel der "Liebe" versteckt, aber sehr schlecht.

Ich möchte keinen Gott anbeten, der Menschen dafür in die Hölle wirft, dafür dass sie die falsche Religion haben. Und so einer ist der Bibel-Christus definitiv. Natürlich könnte ich mich auch einer der Kirchen anschließen, die einen toleranten Hippie-Jesus verehren und die viele Dinge aus der Bibel einfach ignorieren und das exakte Gegenteil davon propagieren.
Aber wenn ich mir meinen Jesus sowieso selbst aussuchen kann, wieso soll ich mich dann überhaupt einer Kirche anschließen? Dann mach ich mir einfach direkt und ganz bewusst meinen eigenen Jesus wie er mir gefällt! Doch dazu später mehr...



FRÜCHTE DES ZORNS

"16 An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?
17 Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.
18 Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. 
19 Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
20 Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. 
21 Es werden nicht alle, die zu mir sagen: HERR, HERR! ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.
22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: HERR, HERR! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan?
23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter!"

(Matthäus 7:16-23)


Braucht man noch einen weiteren Grund, der gegen die christliche Religion spricht, selbst wenn man von der Existenz Gottes überzeugt ist, muss man sich nur einmal seine selbst ernannten Vertreter auf Erden ansehen.

Die katholische Kirche hat eine lange Geschichte von Gewalt, Mord, Hass und Intoleranz - hat unermesslich viel Leid verursacht im Namen ihres Gottes, den sie mit Liebe gleichsetzen: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Inquisition, Antisemitismus, Massaker an Juden und Moslems, Unterstützung der Nationalsozialisten, um nur einige Stichwörter zu nennen.

Nicht alle Verbrechen der katholischen Kirche liegen in der Vergangenheit. Papst Benedikt XVI. bleibt immer noch bei seiner absurd dummen Behauptung, im Kampf gegen AIDS verursachen Kondome mehr Probleme als sie verhindern und propagiert ein kategorisches Kondom-Verbot für alle guten Katholiken.
Damit hat er indirekt viele tausend Menschen auf dem Gewissen, die den Fehler gemacht haben, dem alten Reptil zu glauben. Nicht, dass ihm das nachts in seinem opulenten Palast den Schlaf raubt.

Auch noch im Gange sind Kindesmisshandlungen und eine systematische Vertuschung davon, besonders auf dem afrikanischen Kontinent.

In den USA, Deutschland, Irland, den Niederlanden und vielen anderen Ländern gibt es tausende Menschen, die im letzten Jahrhundert von katholischen Priestern missbraucht wurden. Gott weiß, wie viele. Aber leider verrät er es uns nicht.
Anscheinend ist auch er eher für Vertuschung als für Aufklärung.



I HEARD THIS OLD STORY BEFORE
WHERE THE PEOPLE KEEP KILLING FOR THEIR METAPHORS

"Die Vernunft soll in der Taufe ersäuft werden und sie ist es auch."

(Martin Luther, "Der Römerbrief")


Nicht, dass Protestanten in ihrer kürzeren Geschichte immer durch Friedfertigkeit, Toleranz und Gewaltlosigkeit geglänzt haben. Der Krieg, den Luther und seine Anhänger gleich zu Beginn der Reformation verursachten, war einer der verheerendsten und blutigsten, den Europa je gesehen hatte.

Luther selbst war auch nicht unbedingt ein feiner Kerl, zumindest nicht in meinen Augen. Aber jedem das Seine: Wer glaubt, dass Martin Luther uns nicht nur als Buchautor sein 1543 erschienenes Meisterwerk "Von den Juden und ihren Lügen" gebracht hat, sondern auch die wahre Religion - wer glaubt, jemand, der seine Anhänger dazu aufruft, Synagogen in Brand zu setzen, habe die frohe Botschaft des Juden Jesus Christus richtig verstanden... Bitteschön.




Menschen, die im Namen ihres Gottes morden, Leid verursachen und andere unterdrücken - das gab es schon lange vor den Christen. Das Perverse am Christentum ist aber, dies nicht nur im Namen Gottes zu tun, sondern im Namen der Liebe.

Jesus würde sich im Grabe umdrehen!



[Im nächsten Teil der Reihe "Der Mythos Jesus": Genug von dem Schmarr'n! Ich mach mir meine eigene Bibel wiede-wiede-wie es mir gefällt!..]

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SERIE: "DER MYTHOS JESUS"

9. Februar 2012

JESUS, DER UNMENSCH (Der Mythos Jesus Teil 14)


[1: Der unsichtbare Mann]  [2: Leben wie Gott in Galiläa]
[11: Variationen über ein Thema] [12: Den Tod nicht schmecken]
[13: Götter der Christenheit]

Warum Christus beim frühesten christlichen Autor Paulus nicht Jesus von Nazareth ist...




PAULUS UND SOLCHE, DIE ES GERNE WÄREN

Als früheste Aufzeichnungen über Jesus Christus gelten die Paulusbriefe. Traditionell hielt man vierzehn Briefe des neuen Testaments für die Werke von Paulus. Heutzutage werden in der Bibelforschung nur noch sieben davon Paulus zugeschrieben. Sieben Briefe werden von der  Mehrzahl der Bibelforscher als nicht von Paulus stammend angesehen, obwohl sie alle - bis auf den anonym verfassten Brief an die Hebräer -  mit dem Namen von Paulus unterschrieben sind.

"17 Der Gruß mit meiner, des Paulus, Hand. Das ist das Zeichen in allen Briefen; also schreibe ich."

(2. Thessalonicher 3:17)


"1 Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, und Bruder Timotheus"

(Kolosser 1:1)


"1 Paulus, ein Knecht Gottes und ein Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit zur Gottseligkeit,
2
auf Hoffnung des ewigen Lebens, welches verheißen hat, der nicht lügt, Gott, vor den Zeiten der Welt"

(Titus 1:1)


"1 Derhalben ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden,
2 wie ihr ja gehört habt von dem Amt der Gnade Gottes, die mir an euch gegeben ist"

(Epheser 3:1-2)

"1 Paulus, ein Apostel Jesu Christi nach dem Befehl Gottes, unsers Heilandes, und des HERRN Jesu Christi, der unsre Hoffnung ist"

(1. Timotheus 1:1)

"1 Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christo Jesu"

(2. Timotheus 1:1)



Wenn die zum allergrößten Teil christlichen Bibelforscher eine Meinung vertreten, die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel wecken könnte, kann man davon ausgehen, dass es dafür gewichtige Gründe gibt. Und wirklich gut lässt es die Bibel nicht aussehen, dass der angebliche Paulus oft gar keiner war. Sechs der Werke des neuen Testaments stammen von einem oder mehreren Autoren, die behaupten, Paulus zu sein, es aber nicht sind.

Bibelforscher nennen das "Pseudoepigraphie" und "deuteropaulinischer Kanon" - was natürlich besser klingt als "Fälschungen" von überführten "Lügnern".




Als authentische Briefe des Paulus gelten der Brief an die Römer, der erste und zweite Brief an die Korinther, der Brief an die Galater, der Brief an die Philipper, der erste Brief an die Thessalonicher und der Brief an Philemon.
Die frühesten Briefe des Paulus lassen bereits sich auf das Ende der 40er-Jahre des ersten Jahrhunderts datieren. Wenn man an Zauberei glaubt...



THROUGH THE LOOKING-GLASS

Die frühe Datierung der Paulusbriefe basiert nicht auf harten Beweisen, sprich erhaltenen Schriftstücken aus dieser Zeit. Die Gründe für die frühe zeitliche Einordnung sind 1.) Das Buch der Apostelgeschichte 2.) Die Evangelien 3.) Wunschdenken.
Punkt 3 ist am wichtigsten, ohne ihn sind 1.) und 2.) keine guten Argumente. Doch der Reihe nach...

Das Buch der Apostelgeschichte erzählt zunächst vom Leben der Jünger Christi nach der Kreuzigung, hauptsächlich aber vom Leben des Paulus. Ob es sich dabei aber um eine verlässliche Quelle für historische Fakten handelt, sollte bestritten werden.

Denn das Werk beinhaltet folgende Erzählungen:

- Das Pfingstwunder, bei dem es Zungen auf die Jünger regnet, woraufhin diese in fremden Sprachen reden können (- das Gegenstück zu der Geschichte von der babylonischen Sprachverwirrung im Buch Genesis)

"2 Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; 
4 und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen. [...]
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 
 13 Die andern aber hatten's ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins."

(Apostelgeschichte 2:2-4,12-13)





- Der Apostel Philipus wird von einem Ort zu einem anderen teleportiert (8:39-40).

- Ein Engel hilft den Aposteln beim Gefängnisausbruch (5:19)

- Philipus vertreibt Geister, die mit großem Geschrei aus Besessenen herausfahren (8:7)

- Petrus vollbringt eine Wunderheilung an einem Gelähmten (3:4-8) und heilt mehrere Kranke dadurch, dass diese seinen Schatten berühren (5:12)

- Paulus vollbringt Wunderheilungen (19:12)

- Petrus erweckt einen Toten wieder zum Leben (9:36-40).

- Paulus erweckt einen Toten wieder zum Leben, indem er sich auf ihn legt. Er hat ihn allerdings auch zuvor persönlich zu Tode gelangweilt...

"9 Es saß aber ein Jüngling mit namen Eutychus in einem Fenster und sank in tiefen Schlaf, dieweil Paulus so lange redete, und ward vom Schlaf überwältigt und fiel hinunter vom dritten Söller und ward tot aufgehoben. 
10 Paulus aber ging hinab und legte sich auf ihn, umfing ihn und sprach: Machet kein Getümmel; denn seine Seele ist in ihm.
11 Da ging er hinauf und brach das Brot und aß und redete viel mit ihnen, bis der Tag anbrach; und also zog er aus.  
12 Sie brachten aber den Knaben lebendig und wurden nicht wenig getröstet."

(Apostelgeschichte 20:9-12)



Auf welche Zahl kommen wir, wenn wir alle unabhängigen Quellen zusammenzählen, die ebenfalls zumindest von einem einzigen dieser historischen Begebenheiten berichten - die ja vor Zeugen geschehen sein sollen? Moment, ich hol mal meinen Taschenrechner...
Null.

Jede Information aus einer historischen Quelle darf erst als gesichert gelten, wenn sie durch eine  unabhängige, zeitgenössische Quelle bestätigt wird. Das gilt ganz besonders für Texte, die offensichtlich eine ideologische Agenda haben und noch viel besondererer, wenn sie von Zauberei berichten.

Wenn aber die magischen Vorkommnisse Erfindungen des Autors sind, warum sollte man dann annehmen, dass er Skrupel gehabt hätte, biografische Informationen über Paulus zu fälschen?
Na gut, um sie zu fälschen, hätte er die korrekten Daten kennen müssen und es gibt keinen Grund, ihm dies zu unterstellen.

Zudem finden sich teilweise sehr krasse Widersprüche zwischen Informationen über Paulus in der Apostelgeschichte und den Angaben in Paulus' Briefen. So wird beispielsweise in der Apostelgeschichte beschrieben, dass Paulus sich theologische Tipps von Petrus einholt, während Paulus dies in seinen Briefen explizit abstreitet.



DON'T KNOW MUCH ABOUT HISTORY

Als zweites Hauptkriterium neben der Apostelgeschichte für die frühe Datierung der Paulus-Briefe wird in der Regel genannt, dass sie vor den Evangelien geschrieben wurden. Es wird angenommen, dass Paulus die Evangelien nicht kannte. Da er aber in der damals noch kleinen Christen-Szene eine große Nummer war, geht man davon aus, dass er sie gekannt hätte, wenn sie zu seiner Zeit bereits im Umlauf gewesen wären.

Doch wann wurden die Evangelien überhaupt geschrieben? In der Bibelforschung ist ziemlich unumstritten, dass das Markus-Evangelium das früheste der Evangelien ist. Darin wird die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erwähnt, die 70 nach Christus stattfand.
Viele Bibel-"Forscher" nennen daher das Jahr 70 als Obergrenze für die Entstehung des Dokuments - aus dem wissenschaftlichen Grund, dass Jesus darin die Zerstörung des Tempels vorhersagt und er ja bekanntlich zaubern kann.
Wenn man wie ich nicht an Magie glaubt, dann ist aus eben diesem Grund das Werk frühestens im Jahr 70 anzusiedeln ( - mehr zur Datierung des Markus-Evangeliums in diesen Youtube-Videos).




Gehen wir mal davon aus, dass die sehr frühe Datierung der Paulusbriefe korrekt ist. Zumindest die Entstehung vor den Evangelien ist sehr plausibel, da Paulus wie wir noch sehen werden, die Evangelien tatsächlich mit größter Wahrscheinlichkeit nicht kannte und auch die Zerstörung des Tempels nicht erwähnt.
Das bedeutet, falls es einen historischen Jesus gegeben hat, könnten wir bei Paulus die zuverlässigsten Informationen über ihn erwarten. Wenn sein erster erhaltener Brief wirklich Ende der 40er geschrieben wurde, ist Jesus erst etwa zwei Jahrzehnte zuvor gekreuzigt worden, während das Ereignis bei der Entstehung des ersten Evangeliums bereits vier Jahrzehnte zurückliegt oder sogar noch länger.

Daher ist es sehr interessant, was Paulus über Jesus schreibt. Noch interessanter ist allerdings, was er alles nicht über ihn schreibt.
Folgende Dinge, die in den Evangelien zu finden sind, werden bei Paulus nicht erwähnt:

- Jesus ist der Sohn von Maria
- Joseph ist sein Adoptivvater
- Jesus' Mutter war Jungfrau
- Er ist in Bethlehem geboren
- Er ist in einem Stall geboren
- Seine Geburt fand in der Regierungszeit von Herodes statt
- Er wird bei seiner Geburt von Schäfern und Weisen aus dem Morgenland besucht
- Er wohnt in der Stadt Nazareth
- Er arbeitet als Zimmermann
- Er trifft Johannes den Täufer
- Er wird getauft
- Der Teufel versucht ihn in der Wüste
- Er  heilt Menschen
- Er erweckt Menschen von den Toten
- Er verflucht einen Feigenbaum
- Er treibt Dämonen aus
- Er vertreibt Händler aus dem Tempel
- Er läuft über das Wasser
- Er verwandelt Wasser in Wein
- Er verhindert die Steinigung einer Ehebrecherin
- Er wird transfiguriert
- Er hat 12 Jünger
- Er übergibt Petrus die Schlüssel zum Himmelreich und macht ihn zu seinem offiziellen Nachfolger
- Judas verrät ihn
- Pontius Pilatus verurteilt ihn zum Tode
- Während seiner Kreuzigung gibt es eine dreistündige Finsternis
- Nach der Kreuzigung steigen tote Heilige aus den Gräber und erscheinen vielen
- Maria Magdalena findet das leere Grab Christi
- Christi Himmelfahrt
- Die Bergpredigt
- Irgendeine andere Predigt von Jesus
- Die zahlreichen Gleichnisse, die er erzählt
- Das Vater-Unser



SHAME ON JEW

Paulus schreibt über den Sohn Gottes, nicht über den menschlichen Jesus von Nazareth, den wir aus den Evangelien kennen. Die einzigen Ereignisse aus den Evangelien, die Paulus erwähnt, sind die Kreuzigung und die Wiederauferstehung.
Bedeutet das nicht automatisch, dass Jesus eine Person der Zeitgeschichte war? Oder könnte das auch eher metaphorisch gemeint sein?

Nehmen wir doch einmal an, dass Paulus von einer historischen Person spricht. Das bedeutet ja nicht automatisch, dass es der selbe Jesus ist, von dem die Evangelien sprechen. Wann war dieser Christus, von dem Paulus schreibt, bei uns auf Erden?
Anders als in den Evangelien, in denen Jesus in der Amtszeit von Pontius Pilatus hingerichtet wird, findet man bei Paulus keine geschichtliche Einordnung der Kreuzigung. Sie könnte 100 Jahre zuvor stattgefunden haben oder 1000 - aber nicht 10.000, da war die Welt ja noch nicht erschaffen...
Nirgendwo wird angedeutet, dass Jesus gerade erst ein paar Jahre zuvor gestorben sein soll, in der Lebenszeit von Paulus (falls die frühe Datierung stimmt). Nirgendwo sagt Paulus: "Ach, übrigens, dieser Jesus, von dem ich die ganze Zeit schreibe, war vor wenigen Jahren bei uns auf der Erde und viele Menschen sind noch am Leben, die gesehen haben. wie er Wunder wirkt." Dabei könnten solche Augenzeugen für die christlichen Gemeinden, an die Paulus schreibt, nicht uninteressant sein.

Eine Ausnahme gibt es zu der Regel, dass Paulus Jesus nicht historisch einordnet: Im ersten Brief an die Thessalonicher gibt Paulus den Juden die Schuld am Tod von Christus. Juden gab es erst seit den Stammvätern im Buch Genesis, was das Ereignis geschichtlich etwas eingrenzt, aber nicht sehr.

"14 Denn ihr seid Nachfolger geworden, liebe Brüder, der Gemeinden Gottes in Judäa in Christo Jesu, weil ihr ebendasselbe erlitten habt von euren Blutsfreunden, was jene von den Juden,
15 welche auch den HERRN Jesus getötet haben und ihre eigenen Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen zuwider, 
16 wehren uns, zu predigen den Heiden, damit sie selig würden, auf daß sie ihre Sünden erfüllen allewege; denn der Zorn ist schon über sie gekommen zum Ende hin. 
17 Wir aber, liebe Brüder, nachdem wir euer eine Weile beraubt gewesen sind nach dem Angesicht, nicht nach dem Herzen, haben wir desto mehr geeilt, euer Angesicht zu sehen mit großem Verlangen."

(1. Thessalonicher 2:14-17)



Es ist jedoch fraglich, ob diese Verse tatsächlich von Paulus stammen. Viele Bibelforscher sind der Meinung, dass diese Zeilen (2:15-16) später von einem anderen Autor mit einer antisemitischen Agenda in den Text eingefügt wurden.
Im Anbetracht dessen, dass unbekannte frühchristliche Autoren ganze Briefe in Paulus' Namen geschrieben haben, wäre das zumindest kein Riesenskandal.

Es gibt mehrere Gründe, die dafür sprechen, dass die Verse später eingefügt wurden - unter anderem, dass "der Zorn ist schon über sie gekommen zum Ende hin" allgemeinhin als Anspielung auf die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 verstanden wird. Paulus' Briefe werden in der Regel früher datiert und erwähnen die Tempelzerstörung an keiner anderen Stelle.
Apropros "nicht erwähnen": Dass die Juden alle ihre Propheten getötet haben sollen, wird durch das alte Testament nicht gerade bestätigt. Dort töten sie gerade einmal keinen einzigen ihrer Propheten.

Die harsche Verurteilung der Juden ist einer der Hauptgründe, warum man die Verse nicht für authentisch hält. Keine andere Stelle in den Paulusbriefen enthält auch nur im Ansatz eine so scharfe Kritik an dem Volk der Juden, dem ja auch Paulus selbst angehört.

"1 Was haben denn die Juden für Vorteil, oder was nützt die Beschneidung?  
2 Fürwahr sehr viel. Zum ersten: ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat. [..]
29 Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja freilich, auch der Heiden Gott.
30 Sintemal es ist ein einiger Gott, der da gerecht macht die Beschnittenen aus dem Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben.
31 Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! sondern wir richten das Gesetz auf."

(Römer 3:1-2,29-31)


"25 Ich will euch nicht verhalten, liebe Brüder, dieses Geheimnis (auf daß ihr nicht stolz seid): Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden eingegangen sei
26 und also das ganze Israel selig werde, wie geschrieben steht: "Es wird kommen aus Zion, der da erlöse und abwende das gottlose Wesen von Jakob.
27 Und dies ist mein Testament mit ihnen, wenn ich ihre Sünden werde wegnehmen."
28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Wahl sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen." 

(Römer 11:25-29)


"1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für Israel, daß sie selig werden.
2 Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um Gott, aber mit Unverstand."

(Römer 10:1-2)



Die Juden werden als fehlgeleitet dargestellt, jedoch werden ihnen ausdrücklich keine bösen Absichten unterstellt. Ihr Problem ist das selbe, das alle Ungläubige haben, nämlich, dass sie nicht an Jesus glauben - nicht aber, dass sie ihn ermordet haben und aus diesem Grund den Menschen zuwider sind und Gott nicht gefallen.



WEM EHRE GEBÜHRT

Ein weiterer Grund, warum die Verse über die Juden als Christusmörder wahrscheinlich nicht von Paulus stammen: An anderen Stellen in seinen Briefen macht er nicht die Juden, sondern die "Obersten der Welt" für die Kreuzigung verantwortlich.

"6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Obersten dieser Welt, welche vergehen.
7 Sondern wir reden von der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes, welche Gott verordnet hat vor der Welt zu unsrer Herrlichkeit,
8 welche keiner von den Obersten dieser Welt erkannt hat; denn so sie die erkannt hätten, hätten sie den HERRN der Herrlichkeit nicht gekreuzigt."

(1 Korinther 2:6-8)



Die "Obersten dieser Welt" - also Herrscher über die Welt: Damit können wohl beim besten Willen nicht die Juden gemeint sein. Eher noch könnte es auf die Römer passen, die zumindest den größten Teil der Paulus bekannten Welt beherrschten. Aber dies ist bloß Spekulation, bei der man den späteren Text der Evangelien auf Paulus projiziert.

Wenn Paulus wirklich glauben würde, die Römer hätten den Sohn Gottes gekreuzigt, würde er sehr wahrscheinlich weniger positiv über die römischen Autoritäten sprechen, als er das beispielsweise im Brief an die römische Gemeinde tut.

"1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.
2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen. 

3 Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben.
4 Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.
5 Darum ist's not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen. 
6 Derhalben müßt ihr auch Schoß geben; denn sie sind Gottes Diener, die solchen Schutz handhaben. 
7 So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid: Schoß, dem der Schoß gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt."

(Römer 13:1-7)


Die Ansicht, dass Unschuldige sich nicht vor der römischen Obrigkeit fürchten müssen, scheint keine weise Schlussfolgerung zu sein, wenn Paulus glauben würde, die Römer hätten Jesus Christus vor wenigen Jahren unschuldig ans Kreuz genagelt...



THE SHAPE OF THINGS TO COME

Aber wer könnte sonst gemeint sein mit "Oberste dieser Welt"? Die korrekte Übersetzung müsste eigentlich lauten: "Oberste dieses Zeitalters", "toutou aion" im Originaltext. Den selben Begriff benutzt der Autor des Epheserbriefs, Pseudo-Paulus, als er über Satans Armeen spricht.

"11 Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels.
12
Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt [toutou aion], die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel."

(Epheser 6:11-12)





Die Meinung, Jesus sei von Dämonen gekreuzigt worden, findet sich auch in der "Himmelfahrt des Jesaja", einem frühchristlichen Text, der nicht in die Bibel aufgenommen wurde. Seine Bestandteile werden spätestens auf das zweite Jahrhundert datiert (die Zusammenstellung zu einem einzigen Text erfolgte später), was in die Entstehungszeit des neuen Testaments fällt und daher als Quelle dafür gesehen werden kann, was einige der Christen damals über Jesus dachten.

In dem Text (hier online) wird unter anderem eine Vision des alttestamentarischen Propheten Jesaja beschrieben, in der dieser von der Erde bis in den siebten Himmel aufsteigt. Als Tourguide fungiert ein Engel, der Jesaja auch von Jesus' zukünftigen Tod am Kreuz berichtet.

Neben der Tatsache, dass Jesus von Dämonen gekreuzigt wird, gibt es in dem Text noch einen weiteren elementaren Unterschied zum kirchlichen Verständnis der Christus-Figur: Jesus erscheint nicht als Mensch, sondern nur in menschlicher Gestalt, damit die Dämonen ihn nicht erkennen...

"15 Und das Gesicht, das er sah, war nicht von dieser Welt sondern aus der Welt, die (allem) Fleisch verborgen ist." 

(Himmelfahrt des Jesaja
6:15)

"13 es wird nämlich in den letzten Tagen der Herr, der Christus genannt werden soll, in die Welt hinabsteigen. Aber dennoch sehen sie die Throne und wissen, wem von ihnen sie gehören werden und wem die Kronen gehören werden, nachdem er hinabgestiegen und euch an Aussehen gleich geworden sein wird, und man meinen wird, er wäre Fleisch und ein Mensch.
14 Und der Gott jener Welt wird die Hand gegen seinen Sohn ausstrecken, und sie werden Hand an ihn legen und ihn kreuzigen am Holze, ohne zu wissen, wer es ist.
15 Und so wird sein Herabkommen, wie du sehen wirst, den Himmeln verborgen sein, so daß unbemerkt bleibt, wer es ist."

(Himmelfahrt des Jesaja 9:13-15 )


Jesus ist hier also nicht menschlich  - er sieht nur so aus. Diese Ansicht, die sich "Doketismus" nennt, findet man auch bei anderen frühen Christen. Erst beim Konzil von Chalcedon im Jahr 451 legte man sich offiziell auf die Sicht fest, dass Jesus vollständig Gott und vollständig Mensch ist.

Es gibt wenige Bibelstellen, die diese Sicht klar bestätigen. Um die Menschlichkeit von Jesus zu betonen, wird häufig auf Lukas 22:43-44 hingewiesen, wo Jesus kurz vor der Kreuzigung anscheinend kalte Füße bekommt und plötzlich sehr aufgeregt wird: So sehr, dass er mit dem Tod ringt, Blut schwitzt und ihn nur ein Engel trösten kann...

"41 Und er riß sich von ihnen einen Steinwurf weit und kniete nieder, betete
42
und sprach: Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!
43 Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.
44
Und es kam, daß er mit dem Tode rang und betete heftiger. Es ward aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde."

(Lukas 22:41-44)





Der Haken an dieser Beweisführung ist, dass die Stelle nicht im Originaltext des Lukas-Evangeliums enthalten ist. In sämtlichen der frühesten erhaltenen Manuskripten fehlen die Verse 43-44, auch in der ersten annähernd vollständigen Ausgabe des neuen Testaments aus dem vierten Jahrhundert, dem Codex Vaticanus.

Haben die Leute sich da nicht gewundert, dass nach dem Vers 42 direkt der Vers 45 kommt?
Nun, die Leute damals hatten in der Regel schlechtere Mathematik-Kenntnisse. Außerdem waren die Verse zu der Zeit noch nicht nummeriert, das geschah erst im Mittelalter. Könnte auch ein Grund gewesen sein...

Auch ein paar andere Stellen aus der uns bekannten Version der Bibel fehlen in dem Codex, z.B. das heutige Ende des Markus-Evangeliums (16:9-20), sowie die berühmte Szene von Jesus und der Ehebrecherin, in der einer von Jesus bekanntesten Sprüchen vorkommt "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein" (Johannes 7:53-8:11). Doch wer ist schon ohne Sünde? Darüber gehen die Lehrmeinungen stark auseinander...



FLESH OR FANTASY

Hielt Paulus Jesus für einen Menschen aus Fleisch und Blut, oder glaubte auch er, dass Christus sich nur als Mensch verkleidet hatte? Diese Frage zu beantworten ist ziemlich knifflig, da Paulus' Briefe manchmal das eine und manchmal das andere behaupten.
Gegen einen fleischigen Jesus sprechen zum Beispiel diese Stellen:

"5 Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie Jesus Christus auch war,

6 welcher, da er sich in Gottes Gestalt befand, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein;
7 sondern sich selbst entäußerte, die Gestalt eines Knechtes annahm und den Menschen ähnlich [en homoioma] wurde" 

(Philipper 2:5-7)


"3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (sintemal es durch das Fleisch geschwächt ward), das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Gestalt [en homoioma] des sündlichen Fleisches und der Sünde halben und verdammte die Sünde im Fleisch,
4 auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist."

(Römer 8:3-4)


Der Ausdruck "in der Gestalt" bedeutet, (ebenso wie der Ausdruck, den Paulus benutzt, "en homoioma") dass eine Sache eine Ähnlichkeit zu einer anderen aufweist. Niemals aber, dass die eine Sache mit der anderen identisch ist.
Wenn ich beispielsweise sage: "Siehst du die Wolke dort oben in der Gestalt eines Schafes?", meine ich damit, dass eine Wolke in ihrer Form an ein Schaf erinnert. Nicht aber, dass ich Schafe durch die Luft fliegen sehe. Es sei denn, ich habe viele, viele lustige Drogen genommen...



IT'S A SIN

Paulus war der Ansicht, dass alle Menschen von Natur aus böse sind. Wegen der Missetat der allerersten Menschen kommen sämtliche Babys mit angeborener Bosheit zur Welt.

"19 Wir wissen aber, daß, was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf daß aller Mund verstopft werde und alle Welt Gott schuldig sei;
20
darum daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. [...] 

23 Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten"

(Römer 3:19-20,23)


"12 Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben; [...]
18 Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.
19 Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte."

(Römer 5:12,18-19)


"7 Denn fleischlich gesinnt sein ist wie eine Feindschaft wider Gott, sintemal das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht.
8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen."

(Römer 8:7-8)



Wenn man Paul glaubt und alles Fleisch prinzipiell verdorben ist, dann ist logischerweise auch Jesus Gammelfleisch, wenn er Mensch war.
Um diese Schlussfolgerung zu vermeiden, hat sich die katholische Kirche ein theologisches Schlupfloch gebastelt: Das Dogma von der unbefleckten Empfängnis.
Auch wenn davon kein Wort in der Bibel steht, behauptet man einfach, die Mutter von Jesus sei eine Ausnahme von der "Alles Fleisch ist böse"-Regel. Da Maria ohne Sünde geboren worden sein soll, kann sie die Sünde auch nicht auf Jesus vererben.
Was nicht passt...




Da das jedoch nicht in der Bibel steht, können sich Protestanten damit nicht herausreden. Ein Prinzip der Reformation ist nämlich "sola scriptura", allein die Schrift. Katholische Lehren, die nicht unmittelbar auf dem Bibeltext beruhen, wie die von der unbefleckten Empfängnis, ziehen daher bei den Protestanten nicht.

Doch was sagt die restliche Bibel zu dem Thema? Vertritt Paulus hier überhaupt eine Lehre, die von allen Bibelautoren akzeptiert wird?


"9 Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, daß beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind,  

10 wie denn geschrieben steht: "Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer."

(Römer 3:9-10)


Hier zitiert Paulus das alte Testament. Doch er tut das, was viele Christen Skeptikern oft reflexartig vorwerfen - egal ob es begründet ist oder nicht: Er nimmt eine Bibelstelle aus ihrem Kontext und verzerrt dabei die ursprüngliche Bedeutung.
Die zitierte Stelle bezieht sich nämlich nur auf Ungläubige, nicht wie bei Paulus auf die gesamte Menschheit. Dass der Psalm die Existenz von gerechten Menschen nicht in Frage stellt, kann man eigentlich nicht übersehen, wenn man sich die Mühe macht, zumindest die ersten fünf Zeilen des Psalms zu lesen...

"1 Ein Psalm Davids, vorzusingen. Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott. Sie taugen nichts und sind ein Greuel mit ihrem Wesen; da ist keiner, der Gutes tue.
2 Der HERR schaut vom Himmel auf der Menschen Kinder, daß er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.
3 Aber sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.  

4 Will denn der Übeltäter keiner das merken, die mein Volk fressen, daß sie sich nähren; aber den HERRN rufen sie nicht an?
5 Da fürchten sie sich; denn Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten."

(Psalm 14:1-5)




WHO'S BAD?

Paulus versucht seine Theorie von der Erbsünde mit der Autorität des alten Testaments zu belegen. Doch darin werden andauernd "Gerechte" erwähnt, die es doch laut Paulus eigentlich gar nicht geben dürfte...

"6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten; aber der Gottlosen Weg vergeht."

(Psalm 1:6)

"16 Das wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als das große Gut vieler Gottlosen. 

17 Denn der Gottlosen Arm wird zerbrechen; aber der HERR erhält die Gerechten.
18
Der HERR kennt die Tage der Frommen, und ihr Gut wird ewiglich bleiben."

(Psalm 37:16-18)

"3 Der HERR läßt die Seele des Gerechten nicht Hunger leiden; er stößt aber weg der Gottlosen Begierde.  [...]

11 Des Gerechten Mund ist ein Brunnen des Lebens; aber den Mund der Gottlosen wird ihr Frevel überfallen. [...]
16 Der Gerechte braucht sein Gut zum Leben; aber der Gottlose braucht sein Einkommen zur Sünde. [...]
21 Des Gerechten Lippen weiden viele; aber die Narren werden an ihrer Torheit sterben. [...]

24 Was der Gottlose fürchtet, das wird ihm begegnen; und was die Gerechten begehren, wird ihnen gegeben.
25 Der Gottlose ist wie ein Wetter, das vorübergeht und nicht mehr ist; der Gerechte aber besteht ewiglich. [...]
28 Das Warten der Gerechten wird Freude werden; aber der Gottlosen Hoffnung wird verloren sein.
29 Der Weg des HERRN ist des Frommen Trotz; aber die Übeltäter sind blöde. 

30 Der Gerechte wird nimmermehr umgestoßen; aber die Gottlosen werden nicht im Lande bleiben.
31 Der Mund des Gerechten bringt Weisheit; aber die Zunge der Verkehrten wird ausgerottet.

32 Die Lippen der Gerechten lehren heilsame Dinge; aber der Gottlosen Mund ist verkehrt."

(Sprüche 10:3,11,16,21,24-25,28-32)





Da Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis über Gut und Böse gegessen haben, werden laut Paulus alle Menschen sündig geboren. Doch im Buch Genesis, dass von dieser ersten Sünde berichtet, steht kein Wort davon, dass diese Sünde vererbt wird.
Dabei werden Adam und Eva durchaus bestraft und die Strafe wird auch auf alle folgenden Generationen übertragen. Doch die Strafe ist nicht, sündig geboren zu werden, sondern schmerzhaft.

"16 Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.
17 Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und hast gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden."

(Genesis 3:16-19)






Auch im neuen Testament gibt es zahlreiche Gegenstimmen zu Paulus' pessimistischem Menschenbild, zum Beispiel von einer für das Christentum recht bedeutenden Figur namens Jesus Christus.

"10 Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr."

(Matthäus 5:10)


"34 Darum siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und deren werdet ihr etliche töten und kreuzigen, und etliche werdet ihr geißeln in ihren Schulen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zu der anderen; 
35
auf daß über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Zacharias, des Sohnes Berechja's, welchen ihr getötet habt zwischen dem Tempel und dem Altar."

(Matthäus 23:34-35)


"41 Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen. Wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird eines Gerechten Lohn empfangen."

(Matthäus 10:41)


In den anderen Briefen des neuen Testaments ist Paulus Meinung ebenfalls nicht sonderlich beliebt.

"4 Denn Gott hat die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen und übergeben, daß sie zum Gericht behalten werden; 
5 und hat nicht verschont die vorige Welt, sondern bewahrte Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, selbacht und führte die Sintflut über die Welt der Gottlosen;
6 und hat die Städte Sodom und Gomorra zu Asche gemacht, umgekehrt und verdammt, damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden;
7 und hat erlöst den gerechten Lot, welchem die schändlichen Leute alles Leid taten mit ihrem unzüchtigen Wandel;
8 denn dieweil er gerecht war und unter ihnen wohnte, daß er's sehen und hören mußte, quälten sie die gerechte Seele von Tag zu Tage mit ihren ungerechten Werken. 

9 Der HERR weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen, die Ungerechten aber zu behalten zum Tage des Gerichts, sie zu peinigen"

(2. Petrus 2:4-9)

"4 Durch den Glauben hat Abel Gott ein größeres Opfer getan denn Kain; durch welchen er Zeugnis überkommen hat, daß er gerecht sei, da Gott zeugte von seiner Gabe; und durch denselben redet er noch, wiewohl er gestorben ist. [...]
7 Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche zubereitet zum Heil seines Hauses, da er ein göttliches Wort empfing über das, was man noch nicht sah; und verdammte durch denselben die Welt und hat ererbt die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt."


(Hebräer 11:4,7)




SOHN IM HIMMEL

Trotz einer ganzen Latte von widersprüchlichen Stellen aus der Bibel behauptet Paulus steif und fest, alles Fleisch sei generell böse. Dazu würde die Vorstellung von einem himmlischen Jesus, der nur so aussieht wie ein Mensch, aber keiner ist, ganz gut passen.

Der kanadische Historiker Earl Doherty ist der Auffassung, dass nicht nur Paulus, sondern alle Autoren der Briefe des neuen Testaments an einen solchen nicht-irdischen Jesus geglaubt haben. Für die Verse, die das Gegenteil zu sagen scheinen (z.B. Römer 5:1,1. Korinther 15:21), hat er Erklärungen. Doch um zu überprüfen, ob diese Gegenargumente plausibel sind, müsste man sehr tief in die Materie einsteigen, was unseren Rahmen hier sprengen würde. Interessierten sei Dohertys Buch "Das Jesus-Puzzle" empfohlen, sowie seine Website, auf der es ausführliche Artikel  über das Thema gibt und die englischsprachige Version von "Das Jesus-Puzzle" als kostenlosen Download.



Wir begnügen uns mit der Erkenntnis, dass Paulus' Schilderungen der Jesus-Figur vielleicht völlig, definitiv aber an vielen Stellen vom Bild abweichen, das die Evangelien von ihn zeichnen. Da stellt sich die Frage: Woher hat Paulus seine Informationen?



WER WEISS?

Laut den Evangelien hat Jesus öffentlich gepredigt und Wunder gewirkt. Es gab demnach eine ganze Reihe von Zeugen, die seine Lehren mit eigenen Ohren gehört haben. Noch näher dran an Christus waren seine Jünger.
Wenn Paulus also diese Jünger treffen würde, könnte er Berichte aus erster Hand bekommen. Außer Jesus persönlich zu treffen gibt es wohl kaum eine Möglichkeit, weniger verfälschte Informationen über das Leben von Jesus und seine Lehren zu bekommen.

Laut der Apostelgeschichte passiert genau das: Paulus trifft Petrus und andere Apostel, die ihm von Jesus erzählen. Und das nicht nur einmal. Gleich mehrere Male soll Paulus nach Jerusalem gereist sein, um die Apostel zu treffen. Nicht, weil er sowieso gerade Erledigungen in der Gegend machen muss: Paulus sucht sie allein zu dem Zweck auf, ihren Ratschlag in strittigen theologischen Fragen zu erhalten.

"1 Und etliche kamen herab von Judäa und lehrten die Brüder: Wo ihr euch nicht beschneiden lasset nach der Weise Mose's, so könnt ihr nicht selig werden.
2 Da sich nun ein Aufruhr erhob und Paulus und Barnabas einen nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordneten sie, daß Paulus und Barnabas und etliche andere aus ihnen hinaufzögen gen Jerusalem zu den Aposteln und Ältesten um dieser Frage willen [...]
4 Da sie aber hinkamen gen Jerusalem, wurden sie empfangen von der Gemeinde und von den Aposteln und von den Ältesten. Und sie verkündigten, wieviel Gott mit ihnen getan hatte."

(Apostelgeschichte 15:1-2,4)





In seinen Briefen widerspricht Paulus jedoch der Ansicht, er habe sein Evangelium von Petrus oder irgendeinem anderen Menschen erhalten.

"11 Ich tue euch aber kund, liebe Brüder, daß das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist.
12 Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi."

(Galater 1:11-12)





Dabei streitet Paulus nicht ab, Petrus zu kennen. Er berichtet in seinen Briefen zum Beispiel von einer Meinungsverschiedenheit mit ihm.

"11 Da aber Petrus gen Antiochien kam, widerstand ich ihm unter Augen; denn es war Klage über ihn gekommen.
12 Denn zuvor, ehe etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; da sie aber kamen, entzog er sich und sonderte sich ab, darum daß er die aus den Juden fürchtete.
13 Und mit ihm heuchelten die andern Juden, also daß auch Barnabas verführt ward, mit ihnen zu heucheln.
14 Aber da ich sah, daß sie nicht richtig wandelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Petrus vor allen öffentlich: So du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du denn die Heiden, jüdisch zu leben?

15 Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden;
16 doch weil wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesum Christum, so glauben wir auch an Christum Jesum, auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzeswerke wird kein Fleisch gerecht."

(Galater 2:11-16)





Paulus kritisiert Petrus öffentlich, da dieser seiner Meinung nicht "nach der Wahrheit des Evangeliums" wandelt. Interessant, da die vier Evangelien des neuen Testaments das Gegenteil behaupten...
Würde Paulus dies auch behaupten, wenn er glauben würde, Petrus habe Jesus persönlich gekannt? Würde er Petrus nicht als größere Autorität in Glaubensfragen als sich selbst ansehen, wenn dieser einst vom Sohn Gottes die Schlüssel zum Himmelstor überreicht bekommen hätte?

"16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jona's Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Und ich will dir des Himmelsreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein."

(Matthäus 16:16-19)





Nichts von dem, was Paulus schreibt, weist darauf hin, dass er irgendetwas von einer persönlichen Beziehungen von Petrus und Jesus wusste. Wie sich selbst nennt er Petrus einen "Apostel", einen Botschafter. Das Wort "Jünger" wird in Paulus' Briefen - und auch allen anderen Briefen des neuen Testaments - nur magere null mal verwendet.

Als Paulus Petrus wegen dessen Festhalten am jüdischen Gesetz kritisiert, könnte dieser ganz gut damit kontern, dass ihn Christus persönlich das so in seiner Bergpredigt gelehrt hat.

"1 Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm,
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: [...]
17 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe." 

(Matthäus 5:17-19)


Doch alle Lehren, die von Paulus' Sicht der Dinge abweichen, sind falsch. Sagt Paulus...

"9 Wie wir jetzt gesagt haben, so sagen wir abermals: So jemand euch Evangelium predigt anders, denn das ihr empfangen habt, der sei verflucht!"

(Galater 1:9)



Petrus muss sich wegen seiner Haltung zum Gesetz von Paulus folgendes anhören: "[S]o glauben wir auch an Christum Jesum, auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum" (Galater 2:16).
Doch Petrus hätte auch noch ein oder zwei Gründe mehr gehabt an Christum Jesum zu glauben - zum Beispiel dass er mitangesehen hat, wie Jesus Menschen vom Tode auferweckt, Blinde sehend macht und über das Wasser läuft, wie eine Stimme aus dem Himmel spricht "Dies ist mein lieber Sohn", wie Jesus aus dem Reich der Toten zurückkehrt und anschließend zum Himmel fährt. Sind meiner Meinung nach auch keine schlechten Gründe.
Aber das ist eine andere Geschichte...





UND SONST SO?

Paulus hat recht eigenwillige Ansichten über Gott und die Welt. Nicht nur sein Verständnis der Jesus-Figur unterscheidet sich stark von dem der Evangelien. Auch in anderen Punkten weicht Paulus' Philosophie deutlich davon ab.
Einige Beispiele:

-- NUR DER GLAUBE ZÄHLT?

Wie können wir unsere Seele retten und ewig bei Gott leben? Was müssen wir dafür tun? "Nüscht!", meint Paulus. Solange wir den rechten Glauben haben, werden wir errettet. Werke spielen dabei keine Rolle.

"22 Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christum zu allen und auf alle, die da glauben.
23 Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist, [...]
27 Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen. Durch das Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz.

28 So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."

(Römer 3:22-24,27-28)



Dieses Prinzip ("Sola Fide") wird später zu einem Grundpfeiler von Luthers Lehre, aber ist auch schon zuvor eine wichtige Ansicht, die zum Beispiel von Thomas Aquinas vertreten wird, einem der einflussreichsten katholischen Theologen der letzten zwei Jahrtausende.

In der Bibel spricht sich nicht nur Paulus für diese Position aus (siehe z.B. Johannes 3:16). Allerdings gibt es  im neuen Testament auch viele Gegenmeinungen dazu. So ist der Autor des Jakobusbriefes der Ansicht, Glaube allein, ohne Werke, reiche nicht aus.

"14 Was hilfst, liebe Brüder, so jemand sagt, er habe den Glauben, und hat doch die Werke nicht? Kann auch der Glaube ihn selig machen? [...]

19 Du glaubst, daß ein einiger Gott ist? Du tust wohl daran; die Teufel glauben's auch und zittern.
20 Willst du aber erkennen, du eitler Mensch, daß der Glaube ohne Werke tot sei? [...]
24
So sehet ihr nun, daß der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein."

(Jakobus 2:14,19-20,24)



Dies passt zu dem Bild, das die Evangelien zeichnen. Dort stellt Jesus viele und recht radikale Bedingungen, was man denn so alles tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Der rechte Glaube ist zwar auch hier Grundbedingung, aber bei weitem nicht ausreichend.

"18 Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?
19 Jesus aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.
20 Du weißt die Gebote wohl: "Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren."
21 Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
22
Da Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eins. Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!"

(Lukas 18:18-22)

"26
So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.
27
Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein."

(Lukas 14:26-27)



Bei Paulus geht das irgendwie einfacher. Ein Anruf genügt, schon ist alles geregelt.

"11 Denn die Schrift spricht: "Wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden."  
12 Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist aller zumal ein HERR, reich über alle, die ihn anrufen. 
13 Denn "wer den Namen des HERRN wird anrufen, soll selig werden.""

(Römer 10:11-13)



So ist das also! Oder doch nicht?..

"21
Es werden nicht alle, die zu mir sagen: HERR, HERR! ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.
22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: HERR, HERR! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan?  

23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter!"

(Matthäus 7:21-23)




-- OUTLAWS?

Paulus vertritt die Ansicht, Jesus habe die Gesetze des alten Testamentes außer Kraft gesetzt.

"4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht."

(Römer 10:4)

"24 Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christum, daß wir durch den Glauben gerecht würden.  

25 Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister."

(Galater 3:24-25)



Diese obskure Figur aus den Evangelien mit dem Namen Jesus sieht das allerdings ganz anders...

"17 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.  
19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich."

(Matthäus 5:17-19)



-- DER GEIST IST WILLIG?

Sollen wir nun die Gesetze des alten Testaments einhalten, um Gott zu gefallen? Paulus verneint dies, doch laut Jesus heißt er dafür der Kleinste im Himmelreich.

Doch wenn Paulus und andere Autoren der Bibel recht behalten, stellt sich diese Frage gar nicht - da wir ihrer Meinung nach sowieso keine Wahl haben: Ob wir Gott gefallen oder nicht liegt nicht in unserem Einflussbereich, sondern steht schon seit Anbeginn der Zeit fest und kann daher nicht durch unser Zutun beeinflusst werden.

"16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: "Ebendarum habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündigt werde in allen Landen." 
18 So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will."

(Römer 9:16-18)


[mehr zum verstockten Herzen des Pharaos in "DER MYTHOS MOSES" (Der Mythos Jesus Teil 7)]


"28 Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. 
29 Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.  
30 Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht."

(Römer 8:28-30)


"48 Da es aber die Heiden hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des HERRN und wurden gläubig, wie viele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren."

(Apostelgeschichte 13:48)


"3 Gelobet sei Gott und der Vater unsers HERRN Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum;  
4 wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe;
5 und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen sich selbst durch Jesum Christum nach dem Wohlgefallen seines Willens, 
6 zu Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten,   
7 an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade"

(Epheser 1:3-7)



Die göttliche Vorherbestimmung des menschlichen Lebens steht zwar nicht im direkten Widerspruch zu dem, was in den Evangelien steht - wohl aber zum Gottesbild, das die meisten Christen vertreten (mit Ausnahme von Calvinisten).

So soll Gott den Menschen doch angeblich mit einem freien Willen gesegnet haben. Das ist auch die häufigste Antwort auf die Frage, warum es Böses in der Welt gibt, obwohl Gott uns doch liebt und allmächtig ist. Da der freie Wille Gott sehr wichtig sei, greife er nicht ein, nicht einmal, wenn Leute sich gegenseitig schlimme Dinge antun.

Aber es ist nicht wirklich ein freier Wille, wenn jeder Mensch als Sünder geboren wird und nur durch Gottes Gnaden gerecht werden kann - die nicht von den Taten des Menschen beeinflusst werden kann und nicht einmal durch den Glauben, sofern es nicht so vorherbestimmt ist.

Ist diese deprimierende Vorstellung wahr, erschafft Gott Menschen, von denen er weiß, dass sie für alle Ewigkeiten in der Hölle schmoren werden, ohne das sie jemals den Hauch einer Chance hatten, diesem Schicksal zu entfliehen.



-- WHAT'S LOVE GOT TO DO WITH, GOT TO DO WITH IT?

Dass wir die Sünde erben, weil einer unserer Vorfahren Mist gebaut hat, und diese Sünde nicht durch eigenes Handeln loswerden können - das ist an sich schon reichlich ungerecht.
Doch es kommt noch dicker: Anscheinend hasst uns Gott auch noch dafür, dass wir sind, wie er uns gemacht hat...

"10 Nicht allein aber ist's mit dem also, sondern auch, da Rebekka von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger ward:
11
ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl,
12
nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers, ward zu ihr gesagt: "Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren",
13
wie denn geschrieben steht: "Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt.""


(Römer 9:10-13)


     
Wie heißt es doch so schön in der Bibel: "Wer nicht hasst, kennt Gott nicht, denn Gott ist Hass". Oder so ähnlich...

"7 Ihr Lieben, lasset uns untereinander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebhat, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebhat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe."

(1. Johannes 4:7-8)






-- EIN BISSCHEN FRIEDEN?

Gott ist nicht nur Liebe, sondern auch Frieden.

"33 Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens."

(1. Korinther 14:33)


"33 Der Gott aber des Friedens sei mit euch allen! Amen."

(Römer 15:33)



Das klingt ja fast zu schön um wahr zu sein! Also hat der Gott des Friedens seinen Sohn geschickt, damit dieser Friede sendet auf die Erde?

"34 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.  

35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter.  
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein."

(Matthäus 10:34-36)



Gegen die Theorie eines pazifistischen Gottes spricht auch so ziemlich jedes Buch des alten Testaments...

"63 Und wie sich der HERR über euch zuvor freute, daß er euch Gutes täte und mehrte euch, also wird er sich über euch freuen, daß er euch umbringe und vertilge; und werdet verstört werden von dem Lande, in das du jetzt einziehst, es einzunehmen."

(Deuteronomium 28:63)

"3 Der HERR ist der rechte Kriegsmann; HERR ist sein Name"

(Exodus 15:3)




-- CUTAWAY

Der letzte Punkt, auf den ich hinweisen will, betrifft keine elementaren theologischen Fragestellungen. Aber wenn es darum geht, ein Stück von seinem Geschlechtsorgan zu amputieren, sollte man das Thema nicht verschweigen...
Wie steht es mit der Beschneidung? Die ist eigentlich laut altem Testament Pflicht für alle Anhänger Gottes.

"9 Und Gott sprach zu Abraham: So halte nun meinen Bund, du und dein Same nach dir, bei ihren Nachkommen.
10
Das ist aber mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden.
11
Ihr sollt aber die Vorhaut an eurem Fleisch beschneiden. Das soll ein Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch."

(Genesis 17:9-11)



Laut Paulus ist das bei Christen aber genau umgekehrt: Für sie ist das Nicht-Beschneiden Pflicht, sonst wirkt der Jesus nicht.

"2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wo ihr euch beschneiden lasset, so nützt euch Christus nichts."

(Galater 5:2)



Ganz schön gemein, dass er dann seinen Reisegefährten Timotheus eigenhändig beschneidet...

"3 Diesen wollte Paulus mit sich ziehen lassen und nahm und beschnitt ihn um der Juden willen, die an den Orten waren; denn sie wußten alle, daß sein Vater war ein Grieche gewesen."

(Apostelgeschichte 16:3)






ST PAULI

In der Regel halten Christen Paulus für eine wichtige Persönlichkeit für die Christenheit. Doch das stimmt nicht: Paulus ist sogar zwei wichtige Persönlichkeiten für das Christentum.
Die Figur aus dem Buch der Apostelgeschichte soll zwar den selben Mann darstellen, der die Paulusbriefe geschrieben hat, ist aber so verschieden von ihm, dass als er eine völlig eigenständige literarische Figur betrachtet werden kann.

In der Apostelgeschichte ist Paulus zunächst ein junger Jude namens Saulus, der an Christenverfolgungen beteiligt ist. Kurz nach einem Treffen mit der Jerusalemer Gemeinde unter Petrus trifft Paulus auf dem Weg nach Damaskus den Geist von Jesus.

"1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden wider die Jünger des HERRN und ging zum Hohenpriester

2 und bat ihn um Briefe gen Damaskus an die Schulen, auf daß, so er etliche dieses Weges fände, Männer und Weiber, er sie gebunden führte gen Jerusalem.
3 Und da er auf dem Wege war und nahe an Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel;

4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
5 Er aber sprach: HERR, wer bist du? Der HERR sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken (d.h.: auszuschlagen).
6 Und er sprach mit Zittern und Zagen: HERR, was willst du, daß ich tun soll? Der HERR sprach zu ihm: Stehe auf und gehe in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.
7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen und waren erstarrt; denn sie hörten die Stimme, und sahen niemand.

8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen auftat, sah er niemand. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn gen Damaskus;
9 und er war drei Tage nicht sehend und aß nicht und trank nicht."

(Apostelgeschichte 9:1-9)



Jesus gibt sich Paulus zu erkennen, um ihn zu bekehren. Er hat keine direkten Anweisungen, sondern schickt ihn nur nach Damaskus. Dort erhält er weitere Instruktionen von einem Mann mit dem lustigen Namen Ananias.

Als Paulus später dem König Agrippa von seiner Begegnung mit Jesus berichtet, schmückt Paul den Text von Jesus kräftig aus und erfindet unter anderem ein Versprechen auf weitere Visionen.

"12 Über dem, da ich auch gen Damaskus reiste mit Macht und Befehl von den Hohenpriestern,
13 sah ich mitten am Tage, o König, auf dem Wege ein Licht vom Himmel, heller denn der Sonne Glanz, das mich und die mit mir reisten, umleuchtete.
14 Da wir aber alle zur Erde niederfielen, hörte ich eine Stimme reden zu mir, die sprach auf hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer sein, wider den Stachel zu lecken.
15 Ich aber sprach: HERR, wer bist du? Er sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst; aber stehe auf und tritt auf deine Füße.

16 Denn dazu bin ich dir erschienen, daß ich dich ordne zum Diener und Zeugen des, das du gesehen hast und das ich dir noch will erscheinen lassen;
17 und ich will dich erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt sende,
18 aufzutun ihre Augen, daß sie sich bekehren von der Finsternis zu dem Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, zu empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe samt denen, die geheiligt werden durch den Glauben an mich."


(Apostelgeschichte 26:12-18)




Das ist übrigens nicht die einzige Stelle in der Bibel, in der Paulus Jesus Worte in den Mund legt, die er laut der Bibel überhaupt nicht gesagt hat.

"35 Ich habe es euch alles gezeigt, daß man also arbeiten müsse und die Schwachen aufnehmen und gedenken an das Wort des HERRN Jesus, daß er gesagt hat: "Geben ist seliger denn Nehmen!"

(Apostelgeschichte 20:35)


Klingt nett, sagt Jesus nur nirgendwo in der Bibel.

Laut der Apostelgeschichte wurde aus Saulus Paulus. Der echte Paulus verliert in seinen Briefen allerdings nirgends ein Wort über einen Namenswechsel. Auch die Schreiber der gefälschten Paulusbriefe, nennen wir sie "Falsche Pauli" oder kurz "Fauli", wissen nichts von der Legende der Namensänderung.

"Saulus" ist die lateinische Form des hebräischen Namens "Saul". Dies ist laut dem alten Testament auch der Name des ersten Königs von Israel. Gott hatte ihn dazu persönlich auserwählt, doch als Saul sich seinen Anweisungen widersetzt, fällt Gott von ihm ab und verflucht ihn [mehr dazu in DAVID - A STAR IS BORN (Helden der Bibel Teil 4A)]

Die Saulus/Paulus-Story ist das mythologische Gegenstück zu dieser Geschichte. Auch Saulus ist von Gott für Großes erwählt worden und sündigt ebenfalls massiv. Doch Jesus verlässt ihn trotz seiner Verfehlungen nicht und gibt ihn nicht auf, sondern macht ihn zu einem seiner wichtigsten Botschafter.




Laut der Apostelgeschichte bekommt Saulus nach seiner Erwählung einen neuen Namen, nämlich Paulus. Das hat große Tradition in den Bibelgeschichten. Abram wird nach seinem Bund mit Gott in "Abraham" umgetauft, Jakob wird von Gott in "Israel" umbenannt und Petrus bekommt seinen Namen, der "Fels" bedeutet, erst von Jesus und heißt zuvor Simon.

Auch sonst steht der Apostelgeschichten-Paulus, wohl nicht zufällig, stark in der Tradition der Mythologie der Evangelien. Die haben ein sehr wörtliches, wenig metaphorisches Verständnis von Jesus.
So ist auch Paulus' Begegnung mit dem Geist von Jesus auf der Straße nach Damaskus ein sehr körperliches und greifbares Ereignis - das übrigens gleich dreimal beschrieben wird (Apostelgeschichte Kapitel 9, 22, 26).

Der echte Paulus erzählt in seinen Briefen eine völlig andere Geschichte. Seine Bekehrung war keine plötzliche, physische Begegnung mit Gott, die seine Weltbild urplötzlich von Grund auf verändert hat. Vielmehr ist hier von einer Offenbarung durch ein neues Verständnis der Schrift die Rede, das Gott ihm gege hat.

"1 Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes,
2 welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift"

(Römer 1:1)


"9 Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesum, daß er der HERR sei, und glaubst in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig.
10 Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.
11 Denn die Schrift spricht: "Wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden."" 

(Römer 10:9-11)

Das hat mit einer direkten Kommunikation mit Jesus Christus wenig zu tun. Sonst hätte er schreiben können "Jesus spricht", anstatt "die Schrift spricht" - immerhin schreibt er an eine Christengemeinde und nicht an Juden.
Paulus redet in seinen Briefen von dem "Evangelium Gottes" (Römer 1:1, 1. Thessalonicher 2:22:82:9, 2. Korinther 11:7), der frohen Botschaft nicht von, sondern über Jesus Christus.
Daher betont Paulus auch, dass er das Evangelium nicht von Menschen bekommen hat, sondern von Gott, und dass er sich allein Gott verpflichtet fühlt und keinem Menschen.

"6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Obersten dieser Welt, welche vergehen.
7 Sondern wir reden von der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes, welche Gott verordnet hat vor der Welt zu unsrer Herrlichkeit,
8 welche keiner von den Obersten dieser Welt erkannt hat; denn so sie die erkannt hätten, hätten sie den HERRN der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern wie geschrieben steht: "Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben." 
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. 
11 Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also auch weiß niemand, was in Gott ist, als der Geist Gottes. 
12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist;" 

(1. Korinther 2:6-12)

"10 Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zu Dienst? Oder gedenke ich, Menschen gefällig zu sein? Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht."

(Galater 1:10)



Der Apostelgeschichten-Paulus ist da ganz anders drauf. Er wendet sich an Petrus und die anderen Apostel, um theologische Ratschläge zu erhalten und befolgt diese auch.
Der echte Paulus brüstet sich dagegen damit, Petrus mal so richtig die Meinung gesagt zu haben, nicht unter vier Augen, sondern in aller Öffentlichkeit. Das würde er wohl kaum machen, wenn Petrus -  wie in den Evangelien behauptet wird (Matthäus 16:19) - die Macht hätte, ihn in die Hölle, Hölle, Hölle zu schicken...



EASY WAY OUT

Die Briefe des Paulus als einzige Informationen über Jesus zu lesen, ohne das Bild der Evangelien darauf zu projizieren, ist extrem schwer. Der Jesus der Evangelien ist der, den wir alle kennen und lieben.
Die Evangelien und die Apostelgeschichte stehen in der Bibel immer vor den Briefen. So gut wie niemand, der zum ersten Mal die Bibel liest, liest die Briefe vor den Evangelien.
Ignorieren wir jedoch vehement alles, was wir über Jesus zu wissen glauben, ergibt sich nach der Lektüre von Paulus ein völlig anderes Bild von Jesus.




So gut wie alle christlichen Kirchen vertreten den Glauben an den Jesus aus den Evangelien. Da sollte man denken, dass dessen Lehren für ihre Religion extrem wichtig sind und sie Paulus nur zustimmen, wenn er Jesus nicht widerspricht. Doch sehr oft ist das exakte Gegenteil der Fall.
Stehen Aussagen von Jesus aus den Evangelien im Konflikt mit Paulus' Sicht der Dinge, entscheiden sich Christen in der Regel für Paulus.

Warum ist das so? Nun, befolgt man Paulus, bekommt man die selben Dinge für einen Bruchteil der Mühen.
Jesus verlangt von seinen Jüngern, ihre Familien zu verlassen, die Gebote einzuhalten, all ihr Geld den Armen zu spenden und ihre Feinde zu lieben. Um ein Christ nach Geschmack des Evangeliums-Jesus zu werden, muss man sein komplettes Leben nach seinen Lehren leben und konsequent an sich arbeiten. Man muss Christus und seinem Vorbild nachfolgen und nicht bloß an ihn glauben - und das ist natürlich anstrengend.

Bei Paulus spielen Taten keine Rolle. Hauptsache man glaubt, dann ist die Seele errettet. Wieso sollte man auch versuchen, ein guter Mensch zu werden, wenn alles Fleisch prinzipiell und ausnahmslos sündig ist und man rein gar nichts dagegen tun kann?
Das Konzept der Erbsünde ist menschenfeindlich, in der Praxis aber sehr bequem.

Paulus' Schriften widersprechen so sehr dem, was Jesus in den Evangelien sagt und tut, dass es erstaunlich ist, dass man beide in die Bibel aufgenommen hat.
Vielleicht hat man gehofft, dass keiner die Widersprüche bemerkt. Und das ist eigentlich noch sehr viel erstaunlicher: Bislang hat das im Großen und Ganzen ziemlich gut funktioniert...



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SERIE: "DER MYTHOS JESUS"