22. August 2010

DIE ECHTEN ZEHN GEBOTE (oder: Warum sich niemand daran hält)


So gut wie alle Menschen, einschließlich Christen, denken bei dem Stichwort "Die zehn Gebote" an Gesetze, die Gott Moses auf Steintafeln überreicht hat. Die wichtigsten Regeln, auf denen der Bund mit Gott basiert. Diese Gebote gibt es tatsächlich, es sind aber nicht die Gebote, die die meisten Menschen für DIE zehn Gebote halten.
Im Folgenden schauen wir uns die einzigen zehn Gebote an, die als "zehn" Gebote bezeichnet werden (Exodus 34:28), auf Steintafeln niedergeschrieben wurden und das Fundament des Bundes mit Gott sind.




Im Buch Exodus wird erzählt, wie Moses auf einem Berg von Gott höchstpersönlich zwei Steintafeln mit den berühmten zehn Geboten erhält. Eines dieser Gebote ist: "Du sollst nicht töten."
Doch während dies geschieht, basteln sich die Israeliten am Fuß des Berges eine goldene Götzenfigur. Moses kann Gott gerade noch davon abhalten, sämtliche Juden auf einen Schlag auszurotten und verspricht, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Als er den Götzen sieht, wird er so wütend, dass er die schönen Gesetzestafeln auf dem Boden zerschmettert. Danach zieht er mit Gleichgesinnten durch sein Lager und ermordet 3000 Menschen [mehr dazu in "TOP TEN? (oder: die 10 Gebote)"]

Daraufhin erhält Moses eine zweite Ausgabe der zehn Gebote, die nicht zu Bruch geht und daher nach der Logik der Bibel die Grundlage des Bundes zwischen Gott und seinem erwählten Volk ist. Doch diese zweite Version unterscheidet sich von der populäreren Variante.

Warum hält sich heute keiner mehr an die Gebote, die der HERR für sein heiliges Volk für die wichtigsten hielt? Die Antwort ist ziemlich offensichtlich, wenn man sich einmal die Gebote durchliest. Sie lautet: Weil sie dämlich sind.



PRÄAMBEL

"5
Da kam der HERR hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm und rief aus des HERRN Namen."

(Exodus 34:5)


Warum ruft er seinen eigenen Namen aus? Wer sollte denn sonst in einer Wolke erscheinen?..


"6
Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: HERR, HERR, GOTT, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue!

7 der da bewahrt Gnade in tausend Glieder und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, und vor welchem niemand unschuldig ist; der die Missetat der Väter heimsucht auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied."

(Exodus 34:6-7)


Was denn nun? Ist er barmherzig und gnädig oder ist er ein so nachtragendes Arschloch, dass er noch deine Kinder, Kindeskinder und deren Kinder für deine Verbrechen bestraft?


"8
Und Mose neigte sich eilend zu der Erde und betete an

9 und sprach: Habe ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der HERR mit uns; denn es ist ein halstarriges Volk, daß du unsrer Missetat und Sünde gnädig seist und lassest uns dein Erbe sein.
10 Und er sprach: Siehe, ich will einen Bund machen vor allem deinem Volk und will Wunder tun, dergleichen nicht geschaffen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und alles Volk, darunter du bist, soll sehen des HERRN Werk; denn wunderbar soll sein, was ich bei dir tun werde.
11 Halte, was ich dir heute gebiete. Siehe, ich will vor dir her ausstoßen die Amoriter, Kanaaniter, Hethiter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter."

(Exodus 34:8-11)


Jetzt fangen sie an, die echten zehn Gebote, von denen ich persönlich übrigens fast keines befolge. Und ihr?



ERSTES GEBOT

"12 Hüte dich, daß du nicht einen Bund machest mit den Einwohnern des Landes, da du hineinkommst, daß sie dir nicht ein Fallstrick unter dir werden;
13
sondern ihre Altäre sollst du umstürzen und ihre Götzen zerbrechen und ihre Haine ausrotten; 

14 denn du sollst keinen andern Gott anbeten. Denn der HERR heißt ein Eiferer; ein eifriger Gott ist er.
15 Daß du nicht einen Bund mit des Landes Einwohnern machest, und wenn sie ihren Göttern nachlaufen und opfern ihren Göttern, sie dich nicht laden und du von ihrem Opfer essest,
16
und daß du nehmest deinen Söhnen ihre Töchter zu Weibern und dieselben dann ihren Göttern nachlaufen und machen deine Söhne auch ihren Göttern nachlaufen."

(Exodus 34:12-16)


Das erste Gebot ähnelt dem ersten Gebot der berühmteren zehn Gebote, außer dass es noch die Aufforderung zur Sachbeschädigung enthält.
Wenn Mangel an Jebusitern und Kanaanitern besteht, ist Gott zur Not sicherlich auch damit zufrieden, wenn ihr eine Moschee abfackelt und ein paar Buddhas-Statuen kaputt macht. Schließlich ist Gott nicht nur ständig eifersüchtig, er heißt auch so. Hier eine moderne und klarere Übersetzung von Vers 14:

"14 Du darfst dich vor keinem anderen Gott niederwerfen, denn Jahwe ist ein eifersüchtiger Gott und heißt auch 'der Eifersüchtige'!"

(Exodus 34:14 - Neue Evangelische Übersetzung)




ZWEITES GEBOT

"
17 Du sollst dir keine gegossenen Götter machen."

(Exodus 34:17)


Was hat der Eifersüchtige denn gegen gegossene Götter? Muss er diese Konkurrenz wirklich fürchten? Anscheinend ja, sonst gäbe es solch ein Gebot wohl nicht.
Aber gegossene Götter tun zumindest niemandem etwas und es ist ihnen egal, wie viele Götter man nebenher noch so anbetet. Und wenn doch, kann man sie ja einfach wieder einschmelzen und sich einen neuen Gott machen.
Den Willen des HERRN kann man nicht so einfach ändern, da er ja schwarz auf weiß in der Bibel niedergeschrieben ist. Allerdings kann man ihn ignorieren, genau wie es fast jeder Christ mit allen nachfolgenden Geboten tut.




DRITTES GEBOT

"18
Das Fest der ungesäuerten Brote sollst du halten. Sieben Tage sollst du ungesäuertes Brot essen, wie ich dir geboten habe, um die Zeit des Monats Abib; denn im Monat Abib bist du aus Ägypten gezogen."

(Exodus 34:18)


Gottes Prioritäten sind schon etwas komisch. Das Mordverbot hat es nicht mehr auf die Gesetzestafeln 2.0 geschafft, ebenso wenig wie die Gebote, seine Eltern zu ehren, nicht zu stehlen und nicht zu lügen - das mit dem Fest der ungesäuerten Brote hingegen schon. Ist wohl wichtiger.



VIERTES GEBOT

"19 Alles, was die Mutter bricht, ist mein; was männlich sein wird in deinem Vieh, das seine Mutter bricht, es sei Ochse oder Schaf.
20 Aber den Erstling des Esels sollst du mit einem Schaf lösen. Wo du es aber nicht lösest, so brich ihm das Genick. Alle Erstgeburt unter deinen Söhnen sollst du lösen. Und daß niemand vor mir leer erscheine!"

(Exodus 34:19-20)


Christen versuchen einem in der Regel weiszumachen, dass sie die Opfervorschriften des alten Testaments nicht einhalten müssen - mit der Begründung, Jesus sei das ultimative Opfer gewesen, das alle weiteren Tieropfer unnötig gemacht hat.

Zwei Dinge sprechen dagegen: Das alte und das neue Testament. Im neuen Testament besteht Jesus darauf, dass nicht ein einziges Wort von Moses Gesetzen geändert werden dürfe (zumindest nicht, bevor Himmel und Erde vergehen).
Im Buch Hezekiel wird sehr detailliert über eine Vision von dem dritten Tempel Jerusalems berichtet. Der erste wurde von den Babyloniern vernichtet, der zweite von den Römern. Das war allerdings erst 70 n. Chr, also nach dem ultimativen Opfer. Bisher ist der dritte Tempel aus dem Buch Hezekiel noch nicht gebaut worden. In Kapitel 43 gibt Gott detaillierte Anweisungen für Tieropfer, die in diesem (nach Jesu Tod erbauten) Tempel durchzuführen sind.
Aber selbst wenn man der Meinung ist, keine Tiere mehr opfern zu müssen, würde sich Gott bestimmt darüber freuen. Den Duft von einem Brandopfer findet Gott nämlich "lieblich" (Genesis 8:21) und da er ein vollkommenes Wesen ist, ändert er seinen Geschmack ja nicht. Also wenn ihr eurem Gott mal eine Freude machen wollt, ermordet eines seiner Geschöpfe für ihn!



FÜNFTES GEBOT

"21 Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebenten Tage sollst du feiern, mit Pflügen und mit Ernten."

(Exodus 34:21)


Die allerwenigsten Menschen arbeiten sechs Tage, wie sie es sollen. Leute, die sonntags arbeiten, werden in unserer Gesellschaft nicht als Sünder angesehen und ermordet (wie es in Exodus 31:15 von Gott persönlich gefordert wird), sondern meistens sogar noch besser bezahlt als an anderen Tagen.
Welch' deutlicheres Zeichen als dieses für eine unmoralische, verkommene Gesellschaft könnte es geben?..
Hey, nicht darüber nachdenken, das war doch eine rhetorische Frage, keins natürlich...
Nein, stimmt nicht! Das ist sehr wohl wichtig!



SECHTES GEBOT

"22
Das Fest der Wochen sollst du halten mit den Erstlingen der Weizenernte, und das Fest der Einsammlung, wenn das Jahr um ist."

(Exodus 34:22)


Diese verdammten, gottlosen Sünder, die das Fest der Wochen nicht einhalten! Wie kann man nur! Das man das auch noch explizit erwähnen muss, beweist doch, dass der Mensch nur böse im Dichten und Trachten seines Herzens ist immerdar!



SIEBTES GEBOT

"23
Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist, erscheinen vor dem Herrscher, dem HERRN und Gott Israels.
24 Wenn ich die Heiden vor dir ausstoßen und deine Grenze erweitern werde, soll niemand deines Landes begehren, die weil du hinaufgehst dreimal im Jahr, zu erscheinen vor dem HERRN, deinem Gott."


(Exodus 23:24)


Denkt euch einen passenden sarkastischen Spruch. Die Gebote sind sowas von absurd, was soll man dazu noch sagen...



ACHTES GEBOT

"25
Du sollst das Blut meines Opfers nicht opfern neben gesäuertem Brot, und das Opfer des Osterfestes soll nicht über Nacht bleiben bis an den Morgen."

(Exodus 34:25)

Warum denn eigentlich nicht?
Ne, war nur Spaß, das Gebot ist so elementar für unsere Moralvorstellungen, das es keiner Erklärung bedarf. Aber ich sag's nicht, nicht weil ich es nicht weiß, sondern um euch zu testen, klar...



NEUNTES GEBOT

"26
Die Erstlinge von den Früchten deines Ackers sollst du in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen."

(Exodus 34:26a)

Dieser Gott weiß auch nicht, was er will. Plötzlich will er Früchte, wo doch zuvor in der Bibel berichtet wird, wie Gottes Abneigung gegen Früchte-Opfer den ersten Mord der Geschichte verursacht...

3 Es begab sich nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes;
4 und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer;
5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an."

(Genesis 4:1-5a)




ZEHNTES GEBOT

"Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.

27Und der HERR sprach zu Mose: Schreib diese Worte: denn nach diesen Worten habe ich mit dir und mit Israel einen Bund gemacht.
27 Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte."

(Exodus 34b-27)




Die zehn Gebote... so aktuell und zeitlos... Grundlage unserer Gemeinschaft... Das ist wichtig zu wissen, denn wenn man es nicht weiß, könnte man denken, diese Gesetze seien nur in einem ganz spezifischen historischen und kulturellen Kontext sinnvoll. Und das wäre ja schrecklich!

Viele Christen weisen auf die zehn Gebote (die bekanntere Version) und behaupten, unsere Moralvorstellungen würde auf diesen Geboten beruhen. Doch nur drei dieser Gebote (Verbot von Mord, Diebstahl und Falschaussage) sind Bestandteil unser modernen Rechts. Und diese Gesetze gab es schon Jahrhunderte vor der Entstehung der Bibel, auch in niedergeschriebener Form, wie z.B. im sumerischen"Codex Ur-Nammu". Doch in der alternativen Version in Exodus 34 fehlen alle drei dieser Gebote. Diese Gesetze waren in den Augen der Bibelautoren also offensichtlich nicht so wichtig, als dass man auf eine alternative Version der Gebote in der heiligen Schrift hätte verzichten wollen. Obwohl man dadurch gleichzeitig einen Widerspruch im Text beseitigt hätte und deutlich machen könnte, dass z.B. das Mordverbot definitiv zu den wichtigsten Gesetzen zählt.
Doch dem ist nicht so. Eindeutig die wichtigsten Gebote sind diejenigen, die in beiden Versionen enthalten sind: Das Verbot der Religionsfreiheit - keine Götter außer dem Eifersüchtigen - und das Verbot der freien Religionsausübung: Jeder muss am Sonntag den HERRN anbeten und niemand darf gegossene Götter anbeten, auch wenn es noch so viel Spaß macht.


So, jetzt gieß ich mir einen Gott und arbeite am Sonntag! Ich bin halt ein ruchloser Outlaw.
Jemand, der einfach so ohne Skrupel das Fest der ungesäuerten Brote missachtet...
Beschwert euch doch bei eurem nächsten Termin mit dem Gott Israels! Harharhahrhar!!! [Man stelle hier ein klassisches Bösewichts-Gelächter vor.]







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DIE ZEHN GEBOTE

"Top Ten"

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