28. März 2011

EIN BILD, DAS UNS GLEICH SEI (Das Buch Genesis FAZIT I)

[Teil 1: "Sonne, Mond und Sterne"]


FAZIT TEIL I

Das Buch Genesis ist eine kunterbunte Wundertüte mit verschiedensten Erzählungen über die frühen Abenteuer von Gott und seiner Crew. 
Nur was zum Teufel bedeuten sie?





MANCHMAL IST EINE ZIGARRE EBEN NUR EINE ZIGARRE

Das Buch Genesis kann man wie jede Geschichte auf zwei Arten verstehen: Entweder der Text bedeutet das, was er sagt - oder er bedeutet etwas anders.
Entweder ist beispielsweise die Schlange im Garten Eden dieses längliche Viech, das wir "Schlange" nennen, oder sie steht für etwas anderes - wie zum Beispiel den Teufel.
Ich muss wohl nicht erwähnen, wie lächerlich es ist, das Buch Genesis und die restliche Bibel wörtlich zu nehmen: Natürlich gar nicht!

Allerdings gibt es deutlich mehr Leute, die wörtlich an die Bibel glauben, als man als mitteleuropäischer Stadtmensch vielleicht glauben mag. Im größten christlichen Land der Welt, den USA, glauben nach einer Umfrage von 2007 immerhin etwa 30% der Befragten, dass die Bibel von Gott stammt - und zwar wortwörtlich.
Die Überzeugung, dass Gott den Menschen in seiner jetzigen Form erschaffen hat, wie es im Buch Genesis steht, passt natürlich nicht besonders gut zu den Erkenntnissen der Biologie. So glauben nach einer Umfrage von 2009 sechs von zehn Amerikanern nicht an die Evolutionslehre.
In einer anderen Befragung von 2005 bekannten sich über 50% der US-Bürger zu der Ansicht, Gott habe den Menschen in seiner jetzigen Form erschaffen, exakt so wie es in der Bibel steht.

Während diese seltsame Vorstellung ("Young Earth Creationism" oder "Intelligent Design Theory" genannt) in den USA recht verbreitet ist, handelt es sich in Deutschland viel eher um eine Generationenfrage. So streiten hierzulande knapp 60 % der über 50-jährigen Teilnehmer einer Umfrage ab, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben.
Streng genommen haben sie damit auch recht, da der Mensch nicht vom Affen abstammt, sondern selbst einer ist - aber das ist wohl eher nicht das, was die meisten Befragten glauben...

Die wörtliche Auslegung der Bibel war bis vor wenigen hundert Jahren die absolut vorherrschende Sicht. Nichts deutet darauf hin, dass die Autoren des Buches Genesis ihren Text nicht als Tatsachenbericht gemeint haben. Einiges spricht aber dagegen, zum Beispiel:

- Der Garten Eden. Wenn die Bibelautoren nicht geglaubt hätten, dass dies ein realer Ort war, warum hätten sie sich die Mühe machen sollen, seine exakte Position zwischen Euphrat und Tigris zu bestimmen?

"10 Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wässern den Garten, und er teilte sich von da in vier Hauptwasser.
11 Das erste heißt Pison, das fließt um das ganze Land Hevila; und daselbst findet man Gold.
12 Und das Gold des Landes ist köstlich; und da findet man Bedellion und den Edelstein Onyx.
13 Das andere Wasser heißt Gihon, das fließt um das ganze Mohrenland.
14 Das dritte Wasser heißt Hiddekel Tigris, das fließt vor Assyrien. Das vierte Wasser ist der Euphrat."

(Genesis 2:10-14)



- Die Stammbäume. Vom ersten Menschen Adam über Noah bis hin zu den Stammvätern gibt es ellenlange Stammbäume. Die werden später in der Bibel bis auf Jesus weitergeführt. Der irische Theologe James Ussher errechnete übrigens auf deren Grundlage erstaunlich genau den Zeitpunkt der Schöpfung: So wurde die Welt nach seinen Berechnungen im Jahr 4004 v. Chr. erschaffen. Am 23. Oktober, um genau zu sein.
Wenn man symbolische Geschichten erzählen will, denkt man sich nicht seitenlange Stammbäume aus, die weder zur Unterhaltung noch zur moralischen Unterweisung dienen.

- Ätiologische Mythen. Das sind Geschichten, die die Herkunft eines Ortsnamen oder eines religiösen Brauchtums erklären sollen.
So wird der hebräische Brauch, keine Sehnen aus Hüften zu verspeisen damit begründet, dass sich Jakob beim Ringen mit Gott an dieser Stelle verletzt habe. Aber wenn aber ein solcher Kampf nie stattgefunden hat und als Metapher für etwas ganz anderes steht, warum sollte man dann noch mal genau keine Sehnen essen?

"25 [...] Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.
26 Und da er sah, daß er ihn nicht übermochte, rührte er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk der Hüfte Jakobs ward über dem Ringen mit ihm verrenkt. [...]
31 Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen.
32 Und als er an Pniel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.
33 Daher essen die Kinder Israel keine Spannader auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, darum daß die Spannader an dem Gelenk der Hüfte Jakobs angerührt ward.

(Genesis 32:25b-26,31-33)




CECI N'EST PAS UNE PIPE

Das Buch Genesis ist eine Sammlung von sehr unterschiedlichen Geschichten, die wenig miteinander gemein haben. Oberflächlich betrachtet handeln sie alle von Gott. Doch bei genauerem Hinsehen merkt man schnell, dass es sich ganz und gar nicht immer um den denselben Gott handelt. Viele unterschiedliche Bilder und Vorstellungen von Gott finden sich den 50 Kapiteln des ersten Buch der Bibel.

Da gibt es „Yahwe“ (im Deutschen meistens „der HERR“), der extrem vermenschlicht auftritt. Das ist der Gott, der nach dem Sündenfall nichtsahnend durch den Garten spaziert und seine Menschen nicht finden kann, weil sie sich vor ihm verstecken (Genesis 3:8-9).

Auf der anderen Seite gibt es „Elohim“ - das wird in der deutschen Übersetzung meistens schlicht mit „Gott“ übersetzt, ist eigentlich aber ein Pluralwort, also „die Götter“.
Elohim kommuniziert mit den Menschen durch Träume und Visionen und ist im Gegensatz zu Jahwe nicht an einen bestimmten Ort und eine Zeit gebunden. Das heißt aber nicht, dass er allwissend und allmächtig ist. Diese christliche Vorstellung von Gott wird im Buch Genesis und dem restlichen alten Testament eher nicht vermittelt.

Ein allwissender und allmächtiger Gott würde zum Beispiel niemals etwas tun müssen, dass er später bereut, da er die Zukunft ja bereits kennt und entsprechend handeln kann.
Daher erscheint zum Beispiel die folgende Sequenz aus der Bibel recht merkwürdig, wenn man annimmt, dass Gott allwissend ist.

- Gott ernennt Saul zum ersten König Israels.

"22 Da fragten sie weiter den HERRN: Wird er auch noch kommen? Der HERR antwortete: Siehe, er hat sich bei dem Geräte versteckt.
23 Da liefen sie hin und holten ihn von dort. Und da er unter das Volk trat, war er eines Hauptes länger denn alles Volk.
24 Und Samuel sprach zu allem Volk: Da seht ihr, welchen der HERR erwählt hat; denn ihm ist keiner gleich in allem Volk. Da jauchzte das Volk und sprach: Glück zu dem König!

(1. Samuel 10:22-24)



- Gott bereut seine Entscheidung, da sich Saul wider Erwarten von ihm abgewandt hat.

"10 Da geschah des HERRN Wort zu Samuel und sprach:
11 Es reut mich, daß ich Saul zum König gemacht habe; denn er hat sich hinter mir abgewandt und meine Worte nicht erfüllt. Darob ward Samuel zornig und schrie zu dem HERRN die ganze Nacht. [...]
35 Und Samuel sah Saul fürder nicht mehr bis an den Tag seines Todes. Aber doch trug Samuel Leid um Saul, daß es den HERRN gereut hatte, daß er Saul zum König über Israel gemacht hatte.

(1. Samuel 15:10-11,35)




DA REUTE DEN HERRN DAS AUCH

Gott erschuf den Himmel und die Erde, samt Menschen, und sah, dass es "sehr gut" war. Kein Wunder, schließlich nimmt er sich selbst als Prototypen für die Produktion der Menschen.



"26 Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib. [...]
31 Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut."

(Genesis 1:26-27,31a)



Und es war gut. Doch nicht sehr lange, denn kurze Zeit später missachtet der Mensch sein Verbot und isst die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Damit hatte Gott anscheinend nicht gerechnet. Zumindest verhält er sich so.

"8 Und sie hörten die Stimme Gottes des HERRN, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter die Bäume im Garten.
9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir's gesagt, daß du nackt bist?

(Genesis 3:8-11a)



Neben dem merkwürdigem Verhalten des HERRN spricht noch etwas dafür, dass der Gott-Charakter in dieser Story nicht über Allwissenheit verfügt: Wäre er nämlich allwissend, hätte er die ganze Sache mit dem Sündenfall und der Schlange bewusst so arrangiert, dass die Menschen in seine Falle tappen mussten. Es ist zu bezweifeln, dass die moralische Botschaft der Geschichte ist, dass Gott unschuldige Leute in Situationen bringt, die böse für sie enden, ohne dass sie etwas dagegen tun können.




Nach dem Sündenfall schmeißt Gott die Menschen aus seinem Garten. Nicht etwa als Strafe dafür, dass sie sein Verbot missachtet haben – sondern, so gibt Gott selbst zu, um zu verhindern, dass sie auch vom Baum des Lebens essen. Dann wären sie unsterblich und so wie Gott. Doch der HERR duldet keine anderen Götter neben ihm.

"22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, daß er nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, daß er das Feld baute, davon er genommen ist,
24 und trieb Adam aus und lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens."

(Genesis 3:22-24)



Dies ist ein Muster, das sich durch die gesamte Bibel zieht: Irgendwas passiert und Gott reagiert darauf. Er handelt nicht mit der weisen Voraussicht, die man von einem allwissenden Wesen erwarten würde.

Er erschafft den Menschen und findet ihn gut. Wenige Kapitel später aber muss er einsehen, dass er alles andere als gut ist, nämlich „böse im Dichten und Trachten seines Herzens“.
Gott wünscht sich, er hätte niemals den Fehler gemacht, den Menschen überhaupt erst zu erschaffen und ist sehr traurig darüber. Also tötet er die Menschen, die er in seinem Bilde erschaffen hat und die durch die verbotene Frucht laut Aussage des HERRN geworden sind wie er. Weil sie böse sind.

"5 Da aber der HERR sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar,
6 da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen,
7 und er sprach: Ich will die Menschen, die ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe."

(Genesis 6:5-7)


Nachdem er bis auf Noahs Familie alle Menschen ausgerottet hat, überlegt er sich, dass er von nun an nicht mehr alle Menschen ausrotten will. Warum lässt er sie leben? Weil sie böse sind.

"20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allerlei reinem Vieh und von allerlei reinem Geflügel und opferte Brandopfer auf dem Altar.
21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe."

(Genesis 8:20-21)



Die Geschichte von der Sintflut ist das erste, bei weitem aber nicht das letzte Mal in der Bibel, dass Gott etwas bereut. Er lässt sich manchmal sogar erstaunlich leicht, mit wenigen und simplen Argumenten zur Reue bewegen.

"1 Der Herr, HERR zeigte mir ein Gesicht, und siehe, da stand einer, der machte Heuschrecken im Anfang, da das Grummet aufging; und siehe, das Grummet stand, nachdem der König hatte mähen lassen.
2 Als sie nun das Kraut im Lande gar abgefressen hatten, sprach ich: Ach Herr, HERR, sei gnädig! Wer will Jakob wieder aufhelfen? denn er ist ja gering.
3 Da reute es den HERRN und er sprach: Wohlan, es soll nicht geschehen.

4 Der Herr, HERR zeigte mir ein Gesicht, und siehe, der Herr, HERR rief dem Feuer, damit zu strafen; das verzehrte die große Tiefe und fraß das Ackerland.
5 Da sprach ich: Ach Herr, HERR, laß ab! Wer will Jakob wieder aufhelfen? denn er ist ja gering.
6 Da reute den HERRN das auch, und der Herr, HERR sprach: Es soll auch nicht geschehen.

(Amos 7:1-6)




WEIL SIE BÖSE SIND

Aber warum genau müssen denn nun fast alle Menschen auf der Erde elendig ertrinken? Worin liegt ihre Bosheit?

Das klassische jüdische und christliche Verständnis von Sünde ist, dass böse ist, was Gott nicht gefällt. Vielleicht findet er böse Dinge einfach verwerflich, weil sie böse sind - dann gäbe es aber einen höheren Standard als ihn und Gott wäre für moralisches Handeln als Mittelsmann eigentlich entbehrlich. Vielleicht ist aber einfach nur böse, was Gott für böse hält und zwar einzig und allein, weil er es für böse hält. Dies würde moralisches Handeln aber mit blindem, unreflektierten Gehorsam gleichsetzen. Dieses Dilemma beschrieb schon Platon in seinen Frühwerk "Euthyphron".

Das Buch Genesis vertritt eher die Ansicht, dass gut ist, was Gott sagt - und basta.
Man muss keinen weiteren Grund dafür kennen und es scheint oft auch keinen zu geben. Der Sündenfall ist ein gutes Beispiel hierfür. Als Gott Adam befiehlt, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, nennt er ihm einen Grund: Falls er davon isst, wird er sofort sterben.

"16 Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten;
17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben."

(Genesis 2:16-17)


Dies stellt sich aber als Lüge heraus, wie die Schlange zurecht bemerkt hatte. Adam und Eva sterben keinesfalls an diesem Tag, sondern werden fast 1000 Jahre alt (Genesis 5:5).
Das einzige Problem, dass ihnen der Verbotsübertritt bringt, ist Gottes Zorn darüber, dass man ihm nicht blind gehorcht hat.



Um sich moralisch korrekt zu verhalten, muss man sich einfach an die Gesetze halten, die Gott dem Menschen gibt. Dies tut er allerdings erst beim Auszug der Israeliten aus Ägypten – also zu einer späteren Zeit, als alle Geschichten aus dem Buch Genesis spielen. Doch da ist es für viele schon zu spät...



FURCHT UND SCHRECKEN VOR EUCH SEI ÜBER ALLE TIERE AUF ERDEN

Nachdem Adam und Eva aus dem Garten geschmissen wurden, zeugen sie drei Söhne, die wiederum Nachkommen bekommen – fragt mich nicht, wie...

Die Menschheit lebt zu dieser Zeit ohne Gesetze, bis Gott sie später mit der Flut alle umbringt. Dafür, dass sie Regeln gebrochen haben, die sie nicht kennen.
Das wäre in etwa so, als würde unsere Regierung im geheimen Kämmerlein beschließen, dass man keine weißen Schuhe mehr tragen darf – und dann, ohne die Leute darüber zu informieren, alle Menschen, die weiße Schuhe tragen, ohne Vorwarnung durch einen Kopfschuss dafür hinrichten lassen.
Dass es unmoralisch ist, Leute für das Brechen von Regeln zu strafen, die sie gar nicht kennen, ist eine Ansicht, mit der ich nicht allein stehe. So sagt Jesus Christus im Johannes-Evangelium:

"22 Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, ihre Sünde zu entschuldigen."

(Johannes 15:22)



Und trotzdem: Erst nach Gottes internationalem Holocaust, der Sintflut, gibt er den (wenigen verbliebenen) Menschen Regeln.
Allerdings erst mal nur zwei: Erstens führt er die Todesstrafe für Mörder ein, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wo er doch gerade die ganze Menschheit getötet hat.
Zweitens erlaubt er dem Menschen, alle Tiere zu essen. Das ist alles.

"1 Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und erfüllt die Erde.
2 Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.
3 Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich's euch alles gegeben.
4 Allein eßt das Fleisch nicht, das noch lebt in seinem Blut.
5 Auch will ich eures Leibes Blut rächen und will's an allen Tieren rächen und will des Menschen Leben rächen an einem jeglichen Menschen als dem, der sein Bruder ist.
6 Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht."

(Genesis 9:1-6)



War dies das Problem der nun toten Menschen - dass sie sich nicht an diese Regel gehalten haben und bestimmte Tiere nicht gegessen haben? Das erscheint wenig überzeugend. In Gottes Gesetzen, die er später seinem auserwählten Volk mitteilt, gibt er eigentlich auch sehr detaillierte Anweisungen über allerlei Tiere, die man nicht essen darf, weil sie angeblich unrein sind. Das Verspeisen von Shrimps zum Beispiel ist in Gottes Augen eine „Scheu“ und dringendst zu unterlassen.

"10 Alles aber, was nicht Floßfedern und Schuppen hat im Meer und in Bächen, unter allem, was sich regt in Wassern, und allem, was lebt im Wasser, soll euch eine Scheu sein,
11 daß ihr von ihrem Fleisch nicht eßt und vor ihrem Aas euch scheut.
12 Denn alles, was nicht Floßfedern und Schuppen hat in Wassern, sollt ihr scheuen."

(Levitikus 11:10-12)


Laut dem neuen Testament darf man aber wieder alle Tiere essen, die einem schmecken (siehe z.B. Apostelgeschichte 10:9-13). Offenbar hat Gott seine Meinung geändert und hält es nicht mehr für so scheußlich, Meeresfrüchte zu essen.
Weiß Gott, wieso er wieder zu seiner ursprünglichen Position zurückkehrt und alle Tiere für rein erklärt – jemand anderes weiß es anscheinend nicht.
Die Essensgebote sind eines von vielen Beispielen für die Willkür, mit der Gott Gesetze macht. Ein weiteres finden wir in der Erzählung von Lots Frau, die wie so viele Frauen in der Bibel nicht einmal einen Namen hat.



ES IST EIN GESCHREI ZU SODOM UND GOMORRHA

Als Gott Sodom und Gommarha zerstört, rettet er eine einzige Familie, nämlich die von Abrahams Neffen Lot. Doch nur unter der Vorraussetzung, dass die Familie davonläuft und unter keinen Umständen hinter sich sehen darf. Da sich Lots Frau nicht an diese willkürlich von Gott erfundene Regel hält und einen kurzen Blick auf Gottes Massaker wirft, muss auch sie sterben (Genesis Kapitel 19).

Wegen ihres Ungehorsams verwandelt Gott Lots Frau in eine Salzsäule. Aber wieso war überhaupt eine Flucht notwendig? Wieso zerstört Gott Sodom und Gomorrha?







Alles beginnt mit einem Verdacht, dem der Allwissende natürlich nachgehen muss.


"20 Und der HERR sprach: Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorra, das ist groß, und ihre Sünden sind sehr schwer.
"21 Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht also sei, daß ich's wisse."

(Genesis 18:21)



Worin jetzt genau die "Sünde" der Leute besteht, wird nicht genannt. Die Stadt wird zwar zerstört, nachdem die Bürger der Stadt mit den Engel Sex haben wollen - dies führte zu der populären Meinung, dass die Sünde Homosexualität war. Der Plan, die Stadt zu vernichten, bestand allerdings schon vor der Story mit den sexy Engeln. Und was noch sehr viel wichtiger ist: Gott hat den Menschen nicht vorgeschrieben, wie sie ihre Sexualität ausleben sollen. Da "Sünde" als ein bewusstes Missachten von Gottes Willen verstanden wird, kann zu dieser Zeit jede Art von körperlicher Liebe keine Sünde sein.

Gott hatte zu dem Zeitpunkt in der Weltgeschichte der Bibel erst zweimal Verbote aufgestellt, die für die gesamte Menschheit gelten sollen.
Das erste Verbot betraf die Frucht des Baums der Erkenntnis und hat daher keine Relevanz für die weitere Menschheit nach dem Sündenfall. Das zweite Verbot stellte Mord unter Todesstrafe. 
Waren die Bewohner von Sodom eventuell alle Mörder, ausnahmslos, Säuglinge und Kleinkinder inklusive? Sterben müssen sie ja alle.

Aber lassen wir Gottes Motivation für sein Massaker mal außen vor und erinnern uns an Platons Dilemma. Wenn Moral und Gott das Gleiche ist - wenn "gut" das ist, was Gott gut findet, dann braucht er sowieso keinen Grund, irgendjemanden umzubringen. Wenn er es richtig findet, jemanden zu töten, ist es per Definition das moralische Richtige, dies zu tun.

Wenn es aber ein moralisches Gut und Böse außerhalb von Gott gibt, hat der HERR ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wenn er den Menschen befiehlt, dass sie kein Menschenblut vergießen dürfen, dann tut er das in dem Fall nicht aus einer Laune heraus, sondern weil Mord prinzipiell immer moralisch falsch ist. Aber wenn es diese Regel außerhalb von Gott gibt, dann gilt sie auch für Gott.
Und wenn er sich nicht daran hält und Leute scharenweise massakriert, taugt er als Vorbild in Moralfragen nicht besonders viel.




DA STAND ABRAHAM DES MORGENS FRÜH AUF UND GÜRTETE SEINEN ESEL

"1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham des Morgens früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging an den Ort, davon ihm Gott gesagt hatte."

(Genesis 22:1-3)




Das Richtige zu tun, heißt das zu tun, was Gott von dir verlangt, egal was dein Gewissen und der gesunde Menschenverstand sagen. Dies ist die unmissverständliche Botschaft der Geschichte von der Versuchung Abrahams.

Gott befiehlt Abraham in Kapitel 22 des Buches Genesis, ihm ein Opfer zu bringen – seinen eigenen Sohn Isaak. Ohne ein Widerwort gehorcht Abraham und läuft mit seinem Sohn drei Tage lang zu einem guten Plätzchen zum Opfern. Während der ganzen Zeit lügt er ihn an und verrät ihm nicht, dass er das Opfer sein soll. Erst als Isaak auf dem Altar liegt und Abraham schon das Messer hebt, bricht Gott die Sache ab und lobt ihn für den bestandenen Test.

Der Gott aus dieser Geschichte ist sicherlich kein liebender Gott. Sonst hätte die Szene wohl eher so ausgesehen:

SZENE 1: „Liebender Gott“. Abraham sitzt auf dem Klo. Gott betritt die Szene.

GOTT: Abraham!
ABRAHAM (lässt erschreckt seine Illustrierte fallen): Herrgott!! Du hast mich aber erschreckt!
G: Abraham! Kannst du mir einen Gefallen tun?
A: Gerne...
G: Ich hätte gern ein Opfer.
A: Klar. Kein Problem. Ziege, Schaf, Taube...?
G: Nee, ich glaub, heute hätte ich mal lieber mal... Mensch. Ja! Ein Menschenopfer.
A: Waaas?!
G: Du hast doch da so nette Sklaven...
A: Ja, aber.. die brauch ich doch! Wer soll denn sonst die ganze Arbeit machen? Ich?!
G: Du hast doch da auch noch einen Sohn... Wie hieß der gleich noch?
A: Also, wenn ich mir das so recht überlege, könnte ich doch ganz gut auf ein, zwei Sklaven verzichten...
G: Isaak! Genau.
A: Drei Sklaven?
G: Abraham! Opfere mir deinen Sohn Isaak.
A (ungläubig): Meinen Sohn?
G (aufbrausend): Deinen Sohn! Ich will, dass du mir Isaak opferst. Machst du das?
A (ängstlich): Ähm... Na gut.
G (kichernd): Abraham?
A: Ja...
G: April, April!
A (verwirrt): Was?!
G (amüsiert): Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich so was von dir verlangen würde?! Was wäre ich denn da für ein Gott? Ich bin doch ein liebender Gott!
A (kratzt sich am Kopf): Stimmt eigentlich...
G (erstaunt): Krass! Du hättest das echt gemacht! Was hältst du denn von mir? Warum glaubst du, dass ich so etwas tun würde? Liegt es an mir?..
A: Quatsch, Nein!
G: Doch, doch. Vielleicht muss ich dir meine Liebe besser zeigen. Komm, ich schenk' dir was...
Ein Pony. Ach was, ein ganzer Ponyhof! Hex-Hex!
(Zaubert einen Ponyhof herbei)
A: Juhuuuuuuu!


Wenn Gott aber darauf bestanden hätte, dass Abraham alles tut, was er von ihm verlangt – wie in der Bibelgeschichte – zusätzlich aber allwissend wäre, wie von den Christen behauptet, sähe das Ganze dann eher so aus:

SZENE 2: „Allwissender Gott“. Abraham sitzt am Feuer. Gott spricht aus dem Feuer.

GOTT: Abraham?
ABRAHAM: Ja?
GOTT: Ich will, dass du alles tust, was ich dir sage. Ich will, dass du sogar deinen Sohn opfern würdest, wenn ich es verlange. Und da ich allwissend bin, weiß ich, dass du das auch tun würdest.
Also: Alles in Ordnung. Und jetzt opfere mir eine Ziege, ich habe Hunger. Bis zum nächsten Mal. Tschüssi! Törööööö!
(Keine Ahnung, warum Gott wie ein Elefant trompetet; Gottes Wege sind unergründlich).


Wenn Abraham aber ein wirklich moralisch guter Mensch gewesen wäre, wäre die Szene so abgelaufen:

SZENE 3: „Der gute Abraham“.
Abraham hütet vergnügt pfeifend seine Schafe. Gott kommt vorbei und sucht ihn.

GOTT: Abraham?!
ABRAHAM (fröhlich): Hier bin ich! Grüß dich, Gott. Wie geht’s?
G: Gut. Und dir?
A: Wunderbar!
G: Ja... Nicht mehr lange.
A: Was? Wieso denn?
G: Abraham, ich möchte, dass du mir deinen Sohn opferst.
A: (verdutzt): Was?!!
G (ungeduldig): Deinen Sohn Isaak. Opfere ihn!
A: Wieso denn das?!
G (leicht angepisst): Wie, wieso?! Weil ich das sage!
A (schockiert): Aber wieso? Wieso verlangst du denn so etwas Schreckliches?!
G (wütend): Musst du alles wissen?! Wer ist hier der Gott?! Das wird schon seinen Grund haben, wenn ich das sage. Also los, nimm dein Messer und mach dich auf den Weg...
(Abraham starrt eine Weile ungläubig auf Gott und beginnt dann, verschmitzt zu grinsen.)
A: Ah! Ich verstehe!
G (verwirrt): Was?.. Äh.. na gut!
A (augenzwinkernd): Das ist ein Scherz!
G: Scherz? Was?
A: Erst sagst du mir ich soll mir die Vorhaut von meinem Pillermann abschneiden – was übrigens scheiße-weh tut! Und jetzt das!
Wahrscheinlich verlangst du immer neue absurde Sachen von mir und lachst dir im Himmel einen Ast ab darüber, dass ich das echt mache.
G: Also!.. Das ist ja wohl eine Frechheit!
A: Ich werd doch nicht meinen eigenen Sohn töten! Was für ein Monster muss man denn sein, wenn man so was tut?
G (beleidigt gleich einer Leberwurst): Oh, der feine Herr Moralapostel!
(ahmt Abraham mit weibischer Stimme nach): Ich will meinen Sohn nicht töten, ladida!
(ernst): Keine Diskussion mehr! Du machst jetzt, was ich sage!
A: Weiß du was, Gott? Fick dich ins Knie!



TOWER POWER

Da Gott unterwürfige Schleimer liebt, hasst er natürlich das menschliche Streben nach Höherem, nach Weiterentwicklung, sofern er es nicht explizit angeordnet hat. Eigentlich hätte er erwarten können, dass die Menschen so werden wie sie sind, hat er sie doch so gemacht, und zwar „in seinem Bilde“ (Genesis 1:27).
So wirft er die Ur-Menschen aus seinem Garten, damit sie nicht vom Baum des Lebens essen und unsterblich werden. Gott wünscht ihnen den Tod und lässt seitdem den Baum des Lebens von Engeln mit flammenden Schwertern bewachen.




Die Menschen im Exil beginnen damit, gemeinsam für etwas zu arbeiten, das ein einzelner Mensch oder eine einzelne Familie allein niemals geschafft hätte. So bauen sie einen riesigen Turm, um sich „einen Namen zu machen“.
An sich ist das ja moralisch nicht verwerflich und tut keinem weh. Jedoch würde sich die Nachwelt eventuell an die Erbauer erinnern und sie für ihre Leistungen und Anstrengungen loben - und könnte daher für etwa zwei Minuten Gott nicht lobpreisen. Und was könnte einem liebendem Vater wichtiger sein als Kinder, die ihr Leben lang von ihm abhängig sind und niemals etwas Eigenes auf die Beine stellen?

"1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
2 Da sie nun zogen gen Morgen, fanden sie ein ebenes Land im Lande Sinear, und wohnten daselbst.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laß uns Ziegel streichen und brennen! und nahmen Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk
4 und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder."

(Genesis 11:1-4)



Wehret den Anfängen! Da angeblich niemand die Menschen aufhalten kann, wenn das Projekt einmal in Fahrt gekommen ist, muss der HERR sofort eingreifen und die Kommunikationswege der Menschen zerstören.

"5 Da fuhr der HERR hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und haben das angefangen zu tun; sie werden nicht ablassen von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
7 Wohlauf, laßt uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe!
8 Also zerstreute sie der HERR von dort alle Länder, daß sie mußten aufhören die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt ihr Name Babel, daß der HERR daselbst verwirrt hatte aller Länder Sprache und sie zerstreut von dort in alle Länder."

(Genesis 11:5-9)




Durch die Sprachverwirrung erschwert Gott den Menschen die internationale Verständigung erheblich. Später macht er eine kleine Ausnahme zu dieser Regel: Beim Pfingstwunder (Apostelgeschichte 2:1-13) bekommen die Apostel kurzzeitig die Fähigkeit zurück, sich für alle Menschen verständlich auszudrücken. Freilich wird die Kommunikationsbarriere, mit der der HERR die Menschen seit Urzeiten plagt, nur kurzfristig ausgesetzt und nur für den guten Zweck, dass alle Menschen erfahren, wie großartig Gott doch ist.




EIN VOLK WIRD DEM ANDEREN ÜBERLEGEN SEIN

Wie bereits erwähnt, gibt es im Buch Genesis sehr verschiedene Vorstellungen von Gott. Neben dem Gott, der zufrieden ist, wenn man tut, was er sagt, gibt es noch eine ganz andere Art von Gott. Einen calvinistischen Gott, der manche Menschen liebt und gut behandelt und andere nicht – und zwar nicht auf Grund ihrer Taten oder ihres Gehorsams, sondern einfach so.
Ein Beispiel für dieses Gottesbild ist die Geschichte des Stammvaters Jakob und dessen Zwillingsbruder Esau. Gott hatte bereits vor deren Geburt beschlossen, Jakob und dessen Nachkommen zu übervorteilen, wie er der Mutter der Zwillinge ankündigt.

"22 Und die Kinder stießen sich miteinander in ihrem Leibe. Da sprach sie: Da mir's also sollte gehen, warum bin ich schwanger geworden? und sie ging hin, den HERRN zu fragen.
23 Und der HERR sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Leute werden sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem andern Überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen."

(Genesis 25:22-23)



Diese Ungleichbehandlung hat nichts mit göttlicher Voraussicht zu tun. Esau tut in der biblischen Geschichte nichts, was Gottes Abneigung gegen ihn erklären oder gar rechtfertigen könnte. Sein Zwillingsbruder Jakob begeht alle moralischen Fehltritte der Story und wird doch von Gott bevorzugt.
Schon Jakobs Vater Isaak war Gottes Liebling - ganz im Gegenteil zu dessen großen Bruder Ismael. Dieser wird von Gott buchstäblich in die Wüste geschickt (Genesis Kapitel 21).



ABER KAIN UND SEIN OPFER SAH ER NICHT GNÄDIG AN

Die Bevorzugung eines jüngeren Bruders vor dem Erstgeborenen kommt in jeder Generation in der Geschichte der Patriarchen, der biblischen Vorfahren der Israeliten, vor: So führt die Linie dieser Vor-Väter über Abrahams zweiten Sohn Isaak auf dessen zweiten Sohn Jakob. Jakobs Erstgeborenem Ruben wird das traditionelle Erstgeburts-Vorrecht entzogen. Er spielt in der Geschichte von Jakobs Söhnen eine kleine Nebenrolle in der Erzählung über seinen jüngeren Bruder Joseph. Josephs zweiter Sohn bekommt von Jakob schließlich den Segen, der eigentlich seinem älteren Bruder gebührt hätte.

In der damaligen Kultur bekam der Erstgeborene prinzipiell den Großteil des Erbes und hatte im Haus nach dem Vater am meisten zu sagen. Mit diesen Bruder-Geschichten konnten sich die Israeliten erklären, warum ihre gottlosen Nachbarvölker so viel mächtiger und stärker sind als sie – Gott aber trotzdem die Israeliten am liebsten mag.

Die Bevorzugung Gottes eines Bruders vor dem älteren beginnt schon bei den allerersten Brüdern der biblischen Geschichte, Kain und Abel. Gottes ungleiche Wertschätzung ist hier für den ersten Toten aller Zeiten verantwortlich.

"1 Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit dem HERRN.
2 Und sie fuhr fort und gebar Abel, seinen Bruder. Und Abel ward ein Schäfer; Kain aber ward ein Ackermann.
3 Es begab sich nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes;
4 und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer;
5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.
"

(Genesis 4:1-5a)



Es ist nämlich nicht so, dass Kain eifersüchtig auf Abels bessere Opfer ist und Gott fälschlicherweise unterstellt, dass er Abel wegen seiner Opfer lieber habe. Kain ist eifersüchtig darauf, dass Gott Abel wegen seiner fettigen Opfer tatsächlich bevorzugt. Dieser Unterschied ist für die Interpretation der Story immens wichtig.
Die Botschaft der Geschichte kann nicht sein, dass Gott alle liebt und man mit dem zufrieden sein soll, was man hat. Der Text widerspricht dieser populären Sichtweise eindeutig. Gott liebt Abel mehr, da dieser bessere Opfer in petto hat.

Bessere Opfer heißt aber nicht, dass er mehr zu opfern hatte als Bruder - davon steht nichts im Text der Bibel. Es lag dann wohl doch eher an der Art des Opfers. Der Gott des alten Testaments ist ja bekannt für seine Vorliebe zu Tieropfern.
Der HERR ist wohl kein Vegetarier - so blickt er Kains Gemüse-Opfer nicht gnädig an. Kein Wunder, dass er sich als auserwähltes Volk die Israeliten aussuchte, die mehrheitlich Hirten waren.


Dabei hätte Gott ja als liebender Vater im Himmel mal wenigstens so tun können, als möge er Kains olle Früchte des Feldes. Es handelt sich bei Kains Opfer schließlich um das allererste Opfer der Welt. Wie sollte Kain denn wissen, was dem HERR gefällt und was nicht? Gottes Zurückweisung trifft Kain hart.

"Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich."

(Genesis 4:5b)



Gott hat durch sein Verhalten einen riesigen Keil zwischen die Brüder getrieben und ein großes Unglück heraufbeschworen. Denn Kain schlägt in seinem Grimm den Abel tot.

"8 Da redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot."

(Genesis 4:8)




Dieser Mythos ist vielen unter dem Begriff "Kains Brudermord" bekannt, was allerdings nicht ganz zutrifft.
Nach heutigen Begriffen wäre das wohl nicht einmal Totschlag, geschweige denn Mord. Denn Kain hatte weder geplant, Abel zu töten, noch irgendein Motiv dazu. Der Tod seines Bruders war ein Unfall, den Kain unmöglich voraussehen konnte.
Zu diesem Zeitpunkt gab es laut Bibel ganze vier Menschen. Wie können die einen Begriff von "tot" oder "erschlagen" haben? Woher sollte Kain wissen, dass, wenn er seinem Bruder einen Keil auf den Schädel haut, dieser dann aufhört zu existieren? Gott fällt es ja erst sehr viel später ein, Mord zu verbieten - nachdem er mit der Flut fast alle Menschen dafür töten musste, dass sie böse in ihrem Trachten waren. Und so gut wie alle Tiere gleich dazu. Gottes Wege sind unergründlich.

Allwissend ist Gott in dieser Geschichte sicherlich nicht, sonst hätte er den Tod seines Lieblings Abel bestimmt verhindert. Der HERR weiß nicht mal nach der Tat, was passiert ist und sucht ihn.
Auf der Suche nach Abel trifft er Kain - die Welt ist klein. (Hey, das reimt sich ja und was sich reimt ist gut haha...)

Kain versucht zunächst, Gott abzuwimmeln.

"9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?"

(Genesis 4:9)


Da vernimmt Gott plötzlich die Stimme des Blutes von Abel. Was auch immer das sein mag.

"10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu mir von der Erde."

(Genesis 4:10)



Die Sache fliegt auf und der HERR findet heraus, was geschehen ist. Kain muss aber nicht sterben, da Gott noch nicht der Meinung ist, dass Blut für Blut gerächt werden muss. Dies führt er erst nach der Flut ein - aus Schaden wird man klug. Aber auch später macht er da gerne mal ein paar Ausnahmen zur Regel, wenn er den Israeliten beispielsweise befiehlt, alle Einwohner des Landes Kanaan zu ermorden.


Kain bekommt ein Mal und eine Frau. Leider wird nicht erwähnt, wo die zum Teufel plötzlich herkommt. Er baut außerdem ein Stadt und bekommt einen Sohn namens Henoch, welcher wiederum einen Sohn zeugt. Warte mal - mit welcher Frau denn?

"17 Und Kain erkannte sein Weib, die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.
18 Henoch aber zeugte Irad, Irad zeugte Mahujael, Mahujael zeugte Methusael, Methusael zeugte Lamech."

(Genesis 4:17-18)



Da soll doch noch mal jemand sagen, Verbrechen zahle sich nicht aus. Kain ist bei der ganzen Nummer doch eigentlich ganz gut weggekommen. Ohne seinen Streber-Bruder hat er ein ziemlich gutes Leben. Sicherlich ein besseres Leben als Abel, der gar keins mehr hat - obwohl er nichts falsch gemacht hat.
Und da glauben Leute, dass Gott schützend über Milliarden von Leuten wacht und immer bei ihnen ist - wenn er nicht mal auf mickrige vier Menschen aufpassen konnte, die er sich erst kürzlich in seinem Bilde geschaffen hatte...


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SERIE: "DAS BUCH GENESIS"


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