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14. Dezember 2011

DEN TOD NICHT SCHMECKEN (Der Mythos Jesus Teil 12)

                         
[11: Variationen über ein Thema]

Das Leben ist nicht immer einfach. Und dann muss man auch noch irgendwann sterben. So ein Ärger! 

Kein Wunder, dass viele Menschen Christus nachfolgen, wenn er ihnen erzählt, sie bekämen alles, was sie wollen und müssten niemals sterben, sondern würden bald bei Gott im Himmel wohnen und für alle Ewigkeiten glücklich sein. Klingt doch dufte!

Doch vielleicht sollte man bei solchen Versprechungen dann doch ein kleines bisschen skeptisch werden...



“A wise man once said that nothing really dies, it just comes back in a new form.
Then he died."

(Space God, "Futurama")



HOW TO DISAPPEAR COMPLETELY AND NEVER BE FOUND

Die christliche Vorstellung von einer unsterblichen Seele, die nach dem Tod getrennt vom Körper ewig weiterlebt, gibt es im Judentum noch nicht. In der Religion der alten Hebräer war der Tod das Ende der Existenz und für jeden Menschen ein unausweichliches Schicksal.
Nun ja, für fast jeden. Es gibt wenige, jedoch wichtige Ausnahmen zu dieser Regel. 

Der erste Mann in der Bibel, der nicht sterben muss - es sind ausschließlich Männer, nebenbei bemerkt - ist ein recht unbekannter Charakter namens Henoch. Im Buch Genesis wird ein Stammbaum angegeben, der von Adam auf Noah führt. In dieser Aufzählung von Männern, die absurde, astronomische Alter von über 900 Jahren erreicht haben sollen, fällt Henoch völlig heraus, dessen Zeit auf der Erde bereits im zarten Jünglingsalter von 365 Jahren vorüber ist. Folgendes ist alles, was wir über ihn im alten Testament erfahren:

"21 Henoch war fünfundsechzig Jahre alt und zeugte Methusalah.
22 Und nachdem er Methusalah gezeugt hatte, blieb er in einem göttlichen Leben dreihundert Jahre und zeugte Söhne und Töchter;
23 daß sein ganzes Alter ward dreihundertfünfundsechzig Jahre.
24 Und dieweil er ein göttliches Leben führte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen."

(Genesis 5:21-24)



Die traditionelle jüdische Interpretation ist, dass Gott Henoch zu sich in den Himmel holt, obwohl das nicht explizit gesagt wird. Zumindest nicht im alten Testament - doch das seltsame Schicksal von Henoch hat die Fantasie der Gläubigen angeregt, ihm eine eigene Geschichte zu geben.

So entstanden die Bücher Henoch, die detailliert von dessen Leben im Himmel sowie auf Erden erzählen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine offizielle, göttlich autorisierte Biografie: Die Bücher Henoch sind weder Teil der hebräischen Bibel geworden, noch haben die meisten christlichen Kirchen den Text in ihren offiziellen Kanon aufgenommen. Nur die äthiopisch-orthodoxe Kirche und die daraus hervorgegangene eriträisch-orthodoxe Kirche erkennen das erste Buch Henoch als Teil ihrer Bibel an.

Auch im neuen Testament wird Henoch erwähnt, zum Beispiel im Hebräerbrief, in dem das merkwürdige irdische Ende von Henoch mit seinem großen Glauben begründet wird.

"5 Durch den Glauben ward Henoch weggenommen, daß er den Tod nicht sähe, und ward nicht gefunden, darum daß ihn Gott wegnahm; denn vor seinem Wegnehmen hat er Zeugnis gehabt, daß er Gott gefallen habe."

(Hebräer 11:5)



Eine weitere Erwähnung von Henoch finden wir im Judas-Brief des neuen Testaments.

"14 Es hat aber auch von solchen geweissagt Henoch, der siebente von Adam, und gesprochen: "Siehe, der HERR kommt mit vielen tausend Heiligen"

(Judas 1:14)



Hierbei handelt es sich um ein direktes Zitat aus dem ersten Buch Henoch, das somit als Quelle einer göttlichen Prophezeiung identifiziert wird.
Die Vorhersage ist in keinem der Bücher zu finden, die später zum christlichen alten Testament werden sollten. Eigentlich ein Grund für alle christlichen Kirchen, es der großen äthiopisch-orthodoxen Kirche gleichzutun und das erste Buch Henoch in ihre Bibel aufzunehmen.

"16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit,
17 daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt."

(2 Timotheus 3:16-17)



Durch den Verzicht auf die Henochbücher als Bestandteil der Bibel berauben sich also fast alle Christen einer weiteren Gelegenheit zur Züchtigung in der Gerechtigkeit. Wie furchtbar!
Im ersten Buch Henoch (hier online) wird nebenbei bemerkt auch eine weitere interessante Bibelgeschichte vertieft, die im Buch Genesis zwar kurz erwähnt wird, jedoch viele Fragen offen lässt: Die historische Begebenheit, wie die Söhne Gottes mit menschlichen Frauen berühmte Riesen zeugten (Genesis 6:1-4).
Ach ja, das waren noch Zeiten!..



TOT ODER LEBENDIG

Der zweite Mann der Bibel, der nicht sterben muss, ist eine weitaus bekanntere und wichtigere Figur, nämlich Moses. Der führt die Israeliten aus Ägypten bis zur Grenze zum gelobten Land. Dort stirbt er. Oder doch nicht?..

"5 Also starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande der Moabiter nach dem Wort des HERRN.
6 Und er begrub ihn im Tal im Lande der Moabiter gegenüber Beth-Peor. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf diesen heutigen Tag."

(Deuteronomium 34:5-6)


Doch. Eigentlich wird ziemlich unzweideutig gesagt, dass Moses tot ist. Und dennoch entstand im Judentum eine Tradition, die glaubte, Moses sei nicht gestorben, sondern von Gott direkt in den Himmel aufgenommen worden.
Allein die Tatsache, dass niemand seine Leiche gefunden hatte - genau wie bei Henoch - führte zu der Meinung, dass Gott Moses zu sich geholt hat. Auch der jüdische Geschichtsschreiber Josephus vertritt diese Ansicht. In seinen "Antiquitates" behauptet er, Moses habe seinen Tod nur vorgetäuscht und sei auf einer Wolke zum Himmel gefahren (IV - 8.48).
Klingt für mich plausibel.




UP

Viel klarer liegt der Fall beim nächsten Lebemann, der den Tod nicht schmecken musste - dem Propheten  Elia. Er ist der dritte und zugleich letzte Mensch in der Bibel, der nicht sterben muss. Unter den Figuren des neuen Testaments gibt es nämlich keine solche Figur. Selbst Jesus musste ja vor seiner Fahrt in den Himmel zuerst sterben.

Nicht so Elia. Er wird mit Wagen aus Feuer direkt in den Himmel gehievt, wo Gott ja bekanntlich wohnt, wenn er nicht im Urlaub in Frankreich ist.

"11 Und da sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander; und Elia fuhr also im Wetter gen Himmel."

(2 Könige 2:11) 



Elias Himmelfahrt geschieht direkt vor den Augen seines Nachfolgers Elisa. Die restlichen Jünger Elias haben die Himmelfahrt ihres Meisters dagegen nicht mit eigenen Augen gesehen und begeben sich auf die Suche nach seiner Leiche, die natürlich nicht auffindbar ist, obwohl die Suche wirklich sehr gründlich ist.

"17 Aber sie nötigten ihn, bis daß er nachgab und sprach: Laßt hingehen! Und sie sandte hin fünfzig Männer und suchten ihn drei Tage; aber sie fanden ihn nicht."

(2 Könige 2:17)


Sowohl bei Henoch, Moses und auch Elia gibt es also das Motiv des plötzlich vom Erdboden verschwundenen Mannes, das so zur Metapher für einen von Gott zu sich in den Himmel geholten Mannes steht.
Eigentlich komisch, da in der Zeit vor Christus kein einziger Mensch jemals im Himmel war, glaubt man Jesus im Johannes-Evangelium. Aber wer macht das schon?!..

"13 Und niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist."

(Johannes 3:13)








SECOND LIFE

In der Jesus-Saga finden wir literarische Anspielungen sowohl auf Elia als auch auf Moses. Nach Jesus' Tod am Kreuz will eine Gruppe von Frauen um Maria Magdalena sein Grab besuchen - nur um festzustellen, dass seine Leiche fehlt...

"1 Aber am ersten Tage der Woche sehr früh kamen sie zum Grabe und trugen die Spezerei, die sie bereitet hatten, und etliche mit ihnen.
2 Sie fanden aber den Stein abgewälzt von dem Grabe

3 und gingen hinein und fanden den Leib des HERRN Jesu nicht."

(Lukas 24:1-3)  


Christus hat den Tod als unwiderrufliches Ende der Existenz überwunden, so wie zuvor Moses und Elia, zumindest in bestimmten jüdischen Traditionen. Dies ist wohl ein Hauptgrund, warum die Beiden bei der Transfiguration Christi als Vision erscheinen.

"28 Und es begab sich nach diesen Reden bei acht Tagen, daß er zu sich nahm Petrus, Johannes und Jakobus und ging auf einen Berg, zu beten.
29 Und da er betete, ward die Gestalt seines Angesichts anders, und sein Kleid ward weiß und glänzte.
30 Und siehe, zwei Männer redeten mit ihm, welche waren Mose und Elia"

(Lukas 9:28-30)





Im Unterschied zu Elia und Moses war Jesus allerdings eindeutig tot. Die Botschaft ist wohl, dass Gott nicht nur die Macht hat, einem Menschen den unausweichlichen Tod zu ersparen indem er ihn lebendig zu sich in den Himmel holt - er kann den Tod sogar rückgängig machen.
Aber auch diese Ansicht ist nicht neu und wird schon im alten Testament vertreten, wo der Prophet Elia und sein Nachfolger mit Gottes Hilfe drei Leichen wieder zum Leben erwecken, zwei Kinder und einen Mann. Auch Jesus selbst erweckt vor seiner eigenen Auferstehung drei Tote: Zwei Kinder und einen Mann.

Lange blieb Jesus nach seiner Wiederauferstehung nicht auf der Erde, sondern verabschiedete sich alsbald und fuhr zum Himmel auf wie einst Elia.



LANG LEBE DER KÖNIG!

Wenn auch sehr selten und in Ausnahmefällen, gibt es im Judentum die Vorstellung von der Unsterblichkeit und von der Wiedererweckung der Toten. Doch schon Jahrhunderte vor der Entstehung des Judentums gab es bei den späteren Nachbarvölkern der Israeliten ähnliche Ansichten.

Die Suche eines Sterblichen nach der Unsterblichkeit ist schon Thema beim sumerischen Gilgamesch-Epos, das zu den ältesten erhaltenen literarischen Werken der Menschheitsgeschichte zählt.
Grob 2000 Jahre vor der Entstehung der Evangelien sucht der Titelheld Gilgamesch darin einen Weg, niemals sterben zu müssen. Denn obwohl er nur zu einem Teil menschlich ist und zu zwei Teilen göttlich, erwartet ihn der sichere Tod.
Die Geschichte endet tragisch: Unter größter Kraftanstrengung findet der König Gilgamesch ein Elixier für das ewige Leben, das ihm dann aber leider von einer Schlange gemopst wird. Blöd gelaufen.

Auch wenn Gilgamesch die Unsterblichkeit nicht erreicht, bedeutet das nicht, das in der Vorstellung der Verfasser des Epos die Grenze zwischen Tod und Leben endgültig und unabänderlich ist.
Dies beweist eine Drohung der Göttin Ischtar, die Pforten zu Unterwelt zu öffnen, so dass die Toten auf den Straßen wandeln.

"Ischtar tat zum Reden den Mund auf
Und sprach zu Anu, ihrem Vater:
»Mein Vater! Schaff mir den Himmelsstier,
Daß er Gilgamesch töte in seinem Hause!
Schaffst du mir aber den Himmelsstier nicht,
So zerschlag ich die Türen der Unterwelt,
Zerschmeiß ich die Pfosten, laß die Tore weit offenstehn,
Laß ich auferstehn die Toten, daß sie fressen die Lebenden,
Der Toten werden mehr sein denn der Lebendigen!«"

(Gilgamesch-Epos, Tafel 6:92-99)





Die zwölfte Tafel des Epos erzählt, wie Gilgameschs Freund Enkidu in die Unterwelt hinabsteigt, um Besitztümer von Gilgamesch zurückzubringen, die in die Unterwelt gefallen waren - wie auch immer. Er bekommt Anweisungen, wie er sich zu verhalten habe, um heil wieder ins Reich der Lebenden zu gelangen. Genutzt hat es nichts: Enkidu missachtet die guten Ratschläge und schafft es nicht, der Unterwelt wieder zu entkommen.



DIA DE LOS MUERTOS

Die alten Ägypter glaubten zunächst, ein Leben nach dem Tod gebe es allein für ihren König, den Pharao, und sonst niemand anderen auf der Welt. Mit der Zeit änderten sich die religiösen Vorstellungen und es seit der Zeit des Mittleren Königreichs gab die Chance auf ewiges Leben für jeden Menschen [mehr hier: AUF DEN SCHULTERN VON RIESEN (Teil 4)].
Die gleiche Entwicklung des Glaubens, vom Leben nach dem Tod nur für Auserwählte bis hin zur Perspektive für Normalos, wiederholte sich in der Zeit vom frühen Judentum bis zum Christentum - mehr als 2000 Jahre später.

Im Judentum entstand als Zwischenstufe zunächst die Vorstellung vom großen und schrecklichen Tag des HERRN, an dem die toten Israeliten von Gott wieder zum Leben erweckt werden.

"11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.
12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und will euch, mein Volk, aus denselben herausholen und euch ins Land Israel bringen;

13 und ihr sollt erfahren, daß ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch, mein Volk, aus denselben gebracht habe.
14 Und ich will meinen Geist in euch geben, daß ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und sollt erfahren, daß ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR."

(Hesekiel 37:11-14, siehe auch Jesaja 26:19)



Diese Vorstellung ist noch sehr verschieden vom christlichen ewigen Leben, wo die unsterbliche Seele nach der Trennung vom Körper in einer anderen, von uns abgetrennten Realitätsebene weiterlebt. Denn die wiedergekehrten Israeliten leben auf der stinknormalen Erde und werden fleischlich wiedererweckt.
Es handelt sich eher um ein langes Leben, das zeitweise von einer Ruhepause im Grab unterbrochen wird, als um die christliche Lehre vom völlig andersartigen ewigen Leben nach dem Tod.
Während bei den Christen ein jeder Mensch, der an Jesus glaubt, ein ewiges Leben bekommt, bleiben aus jüdischer Sicht die Menschen aller Völker tot, bis auf die Israeliten.




WEAR YOUR LOVE LIKE HEAVEN

Die Idee von den israelitischen Zombies ist kein allgemeine Vorstellung der jüdischen Religion. Innerhalb der Juden gab es Gruppen, die das Konzept akzeptieren, wie die Pharisäer, aber auch andere, die nicht daran glaubten, wie die Sadduzäer.
Dieser innerreligiöse Konflikt wird auch im neuen Testament thematisiert. Als Jesus das ewige Leben verkündet, verspotten ihn die Saduzzäer.

"18 Da traten die Sadduzäer zu ihm, die da halten, es sei keine Auferstehung; die fragten ihn und sprachen:  
19 Meister, Mose hat uns geschrieben: Wenn jemands Bruder stirbt und hinterläßt ein Weib, und hinterläßt keine Kinder, so soll sein Bruder sein Weib nehmen und seinem Bruder Samen erwecken.  
20  Nun sind sieben Brüder gewesen. Der erste nahm ein Weib; der starb und hinterließ keinen Samen.  
21  Und der andere nahm sie und starb und hinterließ auch nicht Samen. Der Dritte desgleichen.  
22 Und es nahmen sie alle sieben und hinterließen nicht Samen. Zuletzt nach allen starb das Weib auch.  
23 Nun in der Auferstehung, wenn sie auferstehen, wes Weib wird sie sein unter ihnen? Denn sieben haben sie zum Weibe gehabt."

(Markus 12:18-23)


Obwohl die Sadduzäer ihr Argument auf eine richtig wiedergegebene Aussage Moses' aus der Torah aufbauen, der heiligsten Schrift des Judentums, ist Jesus erste Reaktion darauf, den Leuten Unkenntnis der Schrift vorzuwerfen.
Fun Fact: Es sollte zu einer langen und schönen Tradition werden, dass Christen Juden freundlicherweise darüber aufklären, dass diese leider überhaupt keine Ahnung haben, was ihre eigenen religiösen Texte besagen.

"24 Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Ist's nicht also? Ihr irrt darum, daß ihr nichts wisset von der Schrift noch von der Kraft Gottes.
25 Wenn sie von den Toten auferstehen werden, so werden sie nicht freien noch sich freien lassen, sondern sie sind wie die Engel im Himmel."

(Markus 12:24-25)


Also ich hätte wenig Lust, die Unendlichkeit als asexueller Engel zu verbringen. Das ist vielleicht der Himmel der Christenheit, die nicht selten durch einen extremen Hass auf Sex und den menschlichen Körper aufgefallen ist. Meiner ist es nicht. Vielleicht ist der Himmel der Christen die Hölle der anderen Menschen. Würde Platz sparen und Heizkosten.



WALK THROUGH THE VALLEY OF THE SHADOW OF DEATH

Die Juden, die in der Entstehungszeit des neuen Testaments lebten, waren auch mit einer Mythologie gut vertraut, die sehr wohl ein Leben nach dem Tod für alle Völker der Welt kannte. Die Armee von Alexander dem Großen hätte nämliche die griechische Kultur in alle Länder exportiert, die sie eingenommen hatte - auch in das Gebiet, in dem die Juden lebten.

In der griechischen Weltanschauung gab es den Hades, eine Unterwelt, in die fast jeder Sterbliche irgendwann hinabsteigen muss. Der Hades war ein grauer, trauriger, trostloser Ort - jedoch keine Hölle. Die Bewohner durchstreifen die Unterwelt wie Schatten, müssen aber keine Leiden erdulden. Das gilt für 99,99 % der Menschen, aber auch hier gibt es wichtige Ausnahmen.

Einige wenige Sterbliche, wie Aeneas, Herkules, Empedokles oder Aristaeus werden für ihre Heldentaten auf Erden damit belohnt, dass sie zu Göttern gemacht werden. Interessanterweise gibt es bei allen diesen genannten Figuren Geschichten darüber, wie die Männer, zumeist auf dem Schlachtfeld, urplötzlich verschwunden waren und sie trotz intensiver Suche nicht gefunden werden konnten.
Kein Wunder, schließlich leben sie von da aus als unsterbliche Götter bei Zeus im Olymp und sind fein raus. Eine sehr ähnliche Geschichte erzählten sich die Römer über ihren mythischen Stadtgründer Romulus, der plötzlich nicht mehr auffindbar war, da er zum Gott geworden war und seitdem beim römischen Götterchef Jupiter wohnt.

Vielleicht nicht ganz so gut, aber definitiv auch nicht schlecht, haben es die Bewohner der Insel der Seligen, der elysischen Gefilde. Dorthin gelangen nur sehr wenige Menschen, die sich durch ganz besondere Taten ausgezeichnet haben. Dafür dürfen sie für immer auf einer paradiesischen Insel wohnen und einen magischen Nektar trinken, der sie all ihr Leid, das sie auf Erden erfahren haben, vergessen lässt.

Besonders lobenswerte Taten werden also mit einem ewigen Leben in einem Paradies belohnt - besonders schlimme Übeltäter werden hingegen mit ewigen, höllischen Qualen bestraft. Im Tartarus müssen die armen Teufel in alle Ewigkeiten Aufgaben verrichten, die nie zu Ende gebracht werden können - wie z.B. Wasserschöpfen mit einem Eimer ohne Boden. Dies ist schon etwas frustrierend. Allerdings kommt man weitaus schwerer in den Tartarus als in die christliche Hölle. Man muss schon ein massenmordender Tyrann sein oder sich mit den Göttern anlegen, um derart bestraft zu werden.

Wenn man einmal im Hades ist oder im Tartarus - dort ganz besonders -, möchte man da eigentlich eher wieder weg. Doch der Tod gehört in den Augen der Griechen zur natürlichen Ordnung der Dinge.
Daher wartete man nicht auf einen Erlöser, der den Tod an sich besiegt. Erstens gab es den schon und zweitens wollten die Griechen nicht, dass die Toten wieder in die Welt der Lebenden kommen. Man hatte sogar panische Angst davor. Daher wurde streng auf eine ordnungsgemäße Bestattung der Toten geachtet, selbst unter erschwerten Umständen wie beispielsweise Krieg oder einer Seuche.
Man begrub seine Toten nach bestimmten Ritualen, zu denen etwa die Gabe von Münzen auf die Augen oder auf die Zunge gehörte, um den Fährmann zu bezahlen für die Überfahrt auf dem Styx, dem Fluss der Unterwelt.


Hielt man sich nicht an die Begräbnis-Vorschriften, wurde man nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern konnte auch gesetzlich dafür belangt werden. Denn nicht richtig Bestattete, so fürchtete man, finden den Weg zum Hades nicht und wandern als Gespenster auf der Erde. Eventuell sogar ohne zu wissen, dass sie tot sind. Und wer will schon einer geliebten Person beibringen müssen, dass sie tot ist? Das ist wohl ein eher unangenehmes Gespräch...



LIKE A ROLLING STONE

In der Mythenwelt der Griechen gibt es einen Sterblichen, der durch seine Cleverness den Tod vorübergehend aushebelt.

Der König Sisyphus hat Zeus betrogen und eines seiner Geheimnisse ausgeplaudert, wofür der Göttervater ihn in den Tartarus verbannt. Der personifizierte Tod, Thanatos, soll ihm dort Ketten anlegen. Sisyphus ist sehr interessiert an der Arbeit von Thanatos und fragt ihn, wie diese Fesseln eigentlich so funktionieren. Der Tod kettet sich zu Demonstrationszwecken selbst fest. Natürlich denkt Sisyphus nicht im Traum daran, den Tod wieder zu befreien und geht nach Hause. Meiner Meinung nach sollte man da kein Mitleid mit dem Tod haben, da solche Dummheit eine Bestrafung verdient hat...

Die Aktion hat weitreichende Folgen: Kein Mensch kann mehr sterben, solange der Tod im Tartarus gefangen ist. Das macht den Kriegsgott Ares ziemlich wütend, denn ohne den Tod macht der Krieg doch nur halb so viel Spaß. Daher befreit Ares den gefesselten Thanatos und Sisyphus muss zurück in den Tartarus.

Der gewitzte Sisyphus hat aber auch noch einen Plan B, um dem Tod zu entgehen. Vor seinem Dahinscheiden hatte er seine Frau darum gebeten, im Falle seines Ablebens seinen Leichnam nackt auf einen öffentlichen Platz zu werfen.
Als der Geist des Sisyphus für alle Ewigkeiten seinen Platz im Tartarus einnehmen soll, beschwert er sich bei der Königin der Unterwelt, Persephone, darüber, dass seine Frau ihn nicht ordentlich bestattet hat und bittet darum, nur noch einmal ganz kurz zur Welt der Lebenden zurückkehren zu dürfen, um die unverschämte Schlampe für ihre Untat als Gespenst heimsuchen zu dürfen. Persephone gewährt ihm den Wunsch und lässt ihn gehen.

Aber natürlich hat Sisyphus auch diesmal nicht vor, in den Tartarus zurückzukehren. Letztendlich fängt ihn aber der flinke Gott Hermes dann doch ein.
Seitdem muss Sisyphus unentwegt einen Felsen auf einen Berg hochschieben, wobei der Stein immer kurz vor dem Gipfel aus seinen Händen rutscht und zurückrollt - was natürlich nicht so furchtbar viel Spaß macht.





MEIN GOTT, MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN?

Wenn man sich nicht gerade mit den Göttern anlegt oder Massenmord begeht, musste man als 08/15-Grieche keine Angst haben, im Tartarus zu landen. Die christliche Hölle hingegen erwarten jeden Menschen, der Jesus nicht als seinen Erlöser anerkennt.
Die Bestrafung für den falschen Glauben und nicht für Taten ist den pragmatischen Griechen fremd. Dieser Aspekt des Christentums lässt sich nur im Hintergrund der Geschichte des jüdischen Volkes richtig verstehen.

Das Gottesbild der Juden hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt. Dabei besitzt Gott jedoch durchgängig zwei Eigenschaften: Er ist sehr mächtig und er ist gerecht.

Die Israeliten waren nicht immer Monotheisten. Auch noch während der Entstehungszeit vieler Bibeltexte hielten die Juden Jahwe nicht für den einzigen Gott auf der Welt, wohl aber für den Mächtigsten und den einzigen Gott, der religiöse Verehrung verdient hat.
Immerhin ist er - wie wir im Psalm 82 erfahren - "Richter unter den Göttern". Trotz seiner Führungsposition hat Jahwe ein großes Problem mit seinem Selbstbewusstsein. So tötet er alle ägyptischen Erstgeborenen, um die ägyptischen Götter zu demütigen und zu beweisen, wer der HERR im Haus ist.

"1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: [...]
12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland, unter den Menschen und unter dem Vieh, und will meine Strafe beweisen an allen Göttern der Ägypter, ich, der HERR."

(Exodus 12:1,12)



Gott ist also Chefgott und kann so allerhand. Er hat sich die Israeliten als sein auserwähltes Volk gewählt und ihnen ein Stück Land im Nahen Osten zum Wohnen geschenkt, für immer und ewig. So weit, so gut: In der Theorie wären die Israeliten mit dem HERRN an der Seite nun eigentlich fein raus und müssten die Nachbarvölker mit ihren Versager-Göttern eigentlich nicht fürchten.

"8 So sollst du nun so sagen meinem Knechte David: So spricht der HERR Zebaoth: Ich habe dich genommen von den Schafhürden, daß du sein solltest ein Fürst über mein Volk Israel, [...]
16 Aber dein Haus und dein Königreich soll beständig sein ewiglich vor dir, und dein Stuhl soll ewiglich bestehen"

(2 Samuel 7:8,16)



Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Die Israeliten waren praktisch immer von wechselnden Großmächten besetzt. Weder verhindert Gott die militärische Besetzung des Landes, das er eigentlich hoch und heilig seinem erwählten Volk versprochen hatte, noch hindert er die Babylonier im 6. Jahrhundert vor Christus daran, den Tempel zu zerstören und die Israeliten ins Exil mitzunehmen.
Auch schritt er nicht ein, als die Römer den zweiten Tempel in Jerusalem zerstörten und auch nicht, als daraufhin die Juden aus dem gelobten Land vertrieben wurden und in anderen Ländern wohnten, in denen man sie schlecht behandelte und hin und wieder massakrierte.



Warum griff Gott nicht ein, als sein Volk litt? Da Gott in den Augen der Israeliten gerecht war, musste es dafür einen triftigen Grund geben. So war die gängige Begründung für Unheil, dass Gott sein Volk für deren Sünden bestraft. Lief es ausnahmsweise mal gut, war Gott dafür verantwortlich, passierte etwas Schlechtes, waren generell und aus Prinzip die Menschen daran Schuld.

Wenn Gott jedoch gerecht ist und weise sowieso, dann würde er doch von den Menschen nichts verlangen, dass die unmöglich leisten können, oder? Einen Standard aufzustellen, von dem er weiß, dass niemand ihn erfüllen kann, ist alles andere als Gerechtigkeit.

Das Christentum bietet eine Lösung für dieses Dilemma. Wenn Gottes Feinde ein erfolgreiches, glückliches Leben haben und die Gläubigen nicht, erscheint das ungerecht. Wenn aber erstere danach für alle Ewigkeiten Qualen erleiden müssen und letztere ewige Glückseligkeit erwartet, spielt die kurze Zeit auf Erden kaum noch eine Rolle.

Auch auf die Frage, warum Gott den Juden ein Land verspricht und sein Versprechen dann nicht einhält, bietet das Christentum eine Antwort. Die Prophezeiung, dass ein Messias kommen und ein neues jüdisches Königreich gründen soll, wird zur Metapher umgedeutet. So sei Jesus der Messias gewesen, das neue Königreich aber kein irdisches, sondern ein göttliches Reich, ein neues Jerusalem im Himmel (s. Offenbarung Kapitel 21).
Die Erweckung der Toten sei ebenfalls keine falsche Versprechung, sondern geschähe auch im Himmel - und ist so auch kein irdisches Ereignis mehr und daher nicht mehr überprüfbar. Man braucht sich also um solch lästigen Dinge wie beweisbare Fakten, nicht unbedingt ein Freund von Religion, nun keine Sorgen mehr zu machen.




Aus dieser Entwicklung lässt sich auch besser verstehen, warum die christliche Religion so einen starken Akzent auf das "Glauben" legt. Wenn Gott etwas verspricht, wie z.B. den Israeliten das gelobte Land, und dann macht er sein Versprechen nicht wahr, ist er nur gerecht, wenn es sich um eine Art Prüfung des Glaubens handelt. Glaubt man Gottes Versprechen, obwohl die Realität dagegen zu sprechen scheint, besteht man Gottes Versuchung und bekommt dann auch, was Gott versprochen hat. Das ist die einzige plausible Begründung, warum ein gerechter Gott etwas ankündigt und dann nicht wahrzumachen scheint. Wenn er sein Versprechen ändert und zum Beispiel plötzlich Bedingungen damit verknüpft oder die Sache direkt ganz abbläst, würde er schlagartig seine Glaubwürdigkeit verlieren. Er könnte noch immer der größte Gott aller Zeiten sein, mächtig und gutaussehend zugleich, nicht aber gerecht und verehrungswürdig.

Daher müssen Juden und auch Christen auf der Ansicht bestehen, dass Gott es ernst gemeint hat, als er den Israeliten das gelobte Land geschenkt hat. Christen sind oftmals der Meinung, Gott habe in Metaphern geredet und die wahren Gläubigen bekommen ein gelobtes Land im Himmel. Eine Behauptung, die praktischerweise von der Erde aus nicht überprüfbar ist.
Orthodoxe Juden dagegen warten noch immer auf ein irdisches Reich Gottes und auf einen Messias, der dieses Reich begründen wird. Wartet mal, ist er das nicht dort drüben?!.. Ach, ne, doch nicht...
Müsste aber jeden Moment so weit sein.



SOONER OR LATER THEY ALL WILL BE GONE

Auch die Christen erwarten ihren Messias in naher Zukunft - seit ca. 2000 Jahren. Jesus soll nämlich ein zweites Mal auf die Erde kommen, um die letzte Schlacht gegen Satan zu führen. Zuvor werden alle gläubigen Christen in den Himmel entrückt, so wie einst der gute Henoch und Elia (1 Thessaloniker 4:17).
Die restlichen Menschen werden vom Satan, von diversen Plagen Gottes und von Jesus persönlich ermordet und verbringen dann den Rest der Ewigkeit in der Hölle.

"7 Und da es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme des vierten Tiers sagen: Komm!

8 Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der daraufsaß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben, zu töten das vierte Teil auf der Erde mit dem Schwert und Hunger und mit dem Tod und durch die Tiere auf Erden[...]
13 und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, gleichwie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von großem Wind bewegt wird."

(Offenbarung 6:7-8,13)

"15 Und es wurden die vier Engel los, die bereit waren auf die Stunde und auf den Tag und auf den Monat und auf das Jahr, daß sie töteten den dritten Teil der Menschen."

(Offenbarung 9:15) 





"9 Und der dritte Engel folgte diesem nach und sprach mit großer Stimme: So jemand das Tier anbetet und sein Bild und nimmt sein Malzeichen an seine Stirn oder an seine Hand,

10 der wird vom Wein des Zorns Gottes trinken, der lauter eingeschenkt ist in seines Zornes Kelch, und wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm;
11 und der Rauch ihrer Qual wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier haben angebetet und sein Bild, und so jemand hat das Malzeichen seines Namens angenommen."

(Offenbarung 14:9-11)
 

"17 Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen; und er schrie mit großer Stimme und sprach zu allen Vögeln, die unter dem Himmel fliegen: Kommt und versammelt euch zu dem Abendmahl des großen Gottes,

18 daß ihr esset das Fleisch der Könige und der Hauptleute und das Fleisch der Starken und der Pferde und derer, die daraufsitzen, und das Fleisch aller Freien und Knechte, der Kleinen und der Großen!"

(Offenbarung 19:17-18)


"5 Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.
7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
8 Der Verzagten aber und Ungläubigen und Greulichen und Totschläger und Hurer und Zauberer und Abgöttischen und aller Lügner, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der andere Tod."

(Offenbarung 21:5-8)






WHO WANTS TO LIVE FOREVER?

Besser ist es da wohl, ein gläubiger Christ zu sein und vor dem Ende der Welt entrückt zu werden. So kommt man in den Himmel und muss nicht einmal sterben, während die auf der Erde Zurückgelassenen doof aus der Wäsche gucken.
Dies ist kein schlechtes Verkaufsargument für das Christentum - besonders da der Weltuntergang jede Minute stattfinden kann. Und wenn man dann nicht Christ ist, ist es zu spät. Jesus nennt zwar kein exaktes Datum für das Ende der Welt, verspricht aber in Predigten den Anwesenden, dass es noch in ihrer Lebenszeit geschehen werde.

"29 Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlierenund Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen.
30 Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. [...]
34 Wahrlich ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dieses alles geschehe.  
35 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen."

(Matthäus 24:29-30,34-35)

"27 Denn es wird geschehen, daß des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln; und alsdann wird er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken.
28 Wahrlich ich sage euch: Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich."

(Matthäus 16:27-28)

"22 Und ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig. 
23 Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis des Menschen Sohn kommt."

(Matthäus 10:22-23)

"1 Und er sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: Es stehen etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis daß sie sehen das Reich Gottes mit seiner Kraft kommen." 

(Markus 9:1)




Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit, wie das funktionieren kann: Da die Welt noch da ist, müssen auch noch einige von Jesus Anhängern am Leben sein. Damit wären sie mehr als doppelt so alt wie der älteste Mann der Bibel, Methusalem, ein Sohn des entrückten Henochs, der es immerhin auf respektable 969 Jahre bringt (Genesis 5:27).
Für mich klingt das erst einmal nicht so sehr glaubwürdig. Aber wenn man glauben kann, dass Menschen fast 1000 Jahre alt werden, warum nicht auch 2000 - oder 10.000?
Zumindest entstand in der Tat die Vorstellung des "ewigen Juden", der nicht sterben kann bis das Ende der Tage kommt.

Diese Figur ist jedoch offensichtlich eine Notlösung, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass Jesus hier nicht die Wahrheit sagt. Denn in den Evangelien, aber auch in den Briefen des neuen Testaments und im Buch der Offenbarung des Johannes wird unzweifelhaft der Eindruck geweckt, die Erde werde in sehr naher Zukunft untergehen...

"18 Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, daß der Widerchrist kommt, so sind nun viele Widerchristen geworden; daher erkennen wir, daß die letzte Stunde ist."

(1 Johannes 2:18)


"3 und ein jeglicher Geist, der da nicht bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehört, daß er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt."

(1 Johannes 4:3)


"8 Seid ihr auch geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des HERRN ist nahe."

(Jakobus 5:8)


"15 Denn das sagen wir euch als ein Wort des HERRN, daß wir, die wir leben und übrig bleiben auf die Zukunft des HERRN, werden denen nicht zuvorkommen, die da schlafen.
16 denn er selbst, der HERR, wird mit einem Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden auferstehen zuerst.
17 Darnach wir, die wir leben und übrig bleiben, werden zugleich mit ihnen hingerückt werden in den Wolken, dem HERRN entgegen in der Luft, und werden also bei dem HERRN sein allezeit.
18 So tröstet euch nun mit diesen Worten untereinander."

(1 Thessalonicher 4:15-18)


"8 Und ich bin Johannes, der solches gehört hat. Und da ich's gehört und gesehen, fiel ich nieder, anzubeten zu den Füßen des Engels, der mir solches zeigte.
9 Und er spricht zu mir: Siehe zu, tu es nicht! denn ich bin dein Mitknecht und deiner Brüder, der Propheten, und derer, die da halten die Worte dieses Buchs. Bete Gott an!
10 Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch; denn die Zeit ist nahe!"

(Offenbarung 22:8-10) 




WENN DER TAG LANG IST

Da die Texte des neuen Testaments im Abstand von einigen Jahrzehnten entstanden, kann man darin eine wachsende Unsicherheit der Christen in Bezug auf das kommende Ende feststellen, zum Beispiel im zweiten Petrus-Brief.

"3 Und wisset aufs erste, daß in den letzten Tagen kommen werden Spötter, die nach ihren eigenen Lüsten wandeln
4 und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen ist."

(2 Petrus 3:3-4)



An dem baldigen Ende wird auch hier noch festgehalten, jedoch mit dem wichtigen Twist, das "bald" in der Perspektive von Gott gemeint ist, für den 1000 Jahre wie ein Tag sind.

"8 Eins aber sei euch unverhalten, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem HERRN ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag."

(2 Petrus 3:8)



Einer der Klassiker unter den Taschenspieler-Tricks von religiösen Propagandisten: Etwas Konkretes wie der Begriff "Tag" wird einfach metaphorisch umgedeutet und bedeutet nun 1000 Jahre.
Das gilt übrigens nicht für die zehn Gebote, in denen das Arbeitsverbot am Sabbat damit begründet wird, dass Gott bei der Schöpfung am siebten Tag eine Ruhepause gemacht hat.

"9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle dein Dinge beschicken;
10 aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist.
11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn."

(Exodus 20:11)


Heißt das nun, wir sollen 6000 Jahre am Stück arbeiten und dann 1000 Jahre Urlaub machen?
Selbstverständlich nicht: Hier bedeutet "Tag" natürlich Tag. Logisch.



PAUL IS A DEAD MAN

Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Korinther, dass es nicht von Nachteil sei, wenn man vor dem Ende der Welt stirbt, da im Himmel sowieso jeder einen neuen, himmlischen Körper bekommt. Anscheinend hatten die Christen nicht damit gerechnet zu sterben. Paulus hält es zwar nicht für einen Vorteil, wohl aber für eine Tatsache, dass zumindest einige Mitglieder der Christengemeinde noch am Leben sind, wenn es soweit ist und er glaubt, selbst zu dieser Gruppe zu gehören (1 Thessaloniker 4:17).

"50 Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben; auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche.

51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden;"

(1 Korinther 15:50-51)


Interessant, das Paulus das für ein Geheimnis hält - hat es doch Jesus laut den Evangelien öffentlich gepredigt. Um das Christentum mitzubegründen, ist es offenbar zweitrangig zu wissen, was dieser zwielichtige Jesus-Charakter so alles erzählt hat, wenn der Tag lang war...



EPIC FAIL

Je länger es das Christentum gab, desto klarer wurde, dass die Prophezeiung des nahenden Endes falsch war. Warum hat die Religion dennoch überlebt, obwohl sie sich auf einen Mann beruft, der sich nach den Standards der Bibel als falscher Prophet erwiesen hat?
Diese Art von Prophet ist in der Bibel eigentlich nicht sonderlich beliebt.

"20 Doch wenn ein Prophet vermessen ist, zu reden in meinem Namen, was ich ihm nicht geboten habe zu reden, und wenn einer redet in dem Namen anderer Götter, derselbe Prophet soll sterben
.
21 Ob du aber in deinem Herzen sagen würdest: Wie kann ich merken, welches Wort der HERR nicht geredet hat?
22 Wenn der Prophet redet in dem Namen des HERRN, und es wird nichts daraus und es kommt nicht, das ist das Wort, das der HERR nicht geredet hat, darum scheue dich nicht vor ihm."

(Deuteronomium 18:20-22)



Dass ein Prophet eine Vorhersage macht, die nicht in Erfüllung geht, und seine Anhänger trotzdem weiter an ihn glauben, ist nicht ungewöhnlich. In den 1950er Jahren untersuchten die US-Psychologen Leon Festiger, Henry Riecken und Stanley Schlachter dieses Phänomen anhand einer UFO-Sekte und hielten ihre Ergebnisse in dem Buch "When Prophecy Fails" fest.
Darin beschreiben sie den Fall von Dorothy Martin, einer Hausfrau, die eine weltweite Sintflut für den 21.12.1954 vorhersagte. Nur sie und ihre Anhänger sollten durch Außerirdische in ihrem UFO gerettet werden. Dies ist allerdings dann nicht passiert. Und dennoch hielten einige der Sekten-Mitglieder auch noch danach an dem Glauben an ihre Prophetin und ihrer Botschaft fest. Das sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass so etwas passiert und viele weitere Fälle wurden wissenschaftlich untersucht, in denen eine Prophezeiung nicht eingetroffen ist und die Anhänger dennoch nicht vom Glauben abgefallen sind.





ICH MACH MIR DIE WELT WIE-DE-WIE-DE-WIE SIE MIR GEFÄLLT

Der Grund dafür ist ein psychologischer Mechanismus, der weit über den Bereich Religion und Esoterik hinausgeht und unser aller Leben formt: Confirmation Bias. Das ist ein unbewusster Filter unserer Psyche, der alle Informationen, die wir bewusst wahrnehmen, zuvor sortiert. Dabei werden Meinungen, die unseren inneren Überzeugungen widersprechen, automatisch entweder als unwichtig oder sogar als falsch eingestuft, und alles, was unsere bestehenden Ansichten bestärkt, überbetont.
Je mehr Arbeit, Konzentration und Zeit man in eine gewisse Vorstellung investiert, umso stärker wird in der Regel der Confirmation Bias. So sind es gerade die Leute, die extrem viel für die Weltuntergangs-Prophezeiung aufgegeben haben, ihren Job, ihre Ersparnisse, Beziehungen zu Ungläuben, die es nicht wahrhaben wollen und können, dass sie gerade extrem verarscht worden sind.

Mit Confirmation Bias lässt sich auch beispielsweise das Verhalten von Spielsüchtigen erklären. Nehmen wir die Glücksspiel-Automaten und gehen wir davon aus, dass sein Benutzer überzeugt ist, dass es möglich ist, nach dem Spiel mehr Geld zu besitzen als vorher. Das dürfte auf die meisten Spieler zutreffen. (Es mag auch welche geben, die davon ausgehen, dass sie das eingeworfene Geld nie mehr wiedersehen und zocken, weil das Spiel so viel Spaß macht. Das ist wahrscheinlich aber eher die Minderheit.)
Die Automaten sind absichtlich so programmiert, dass man immer wieder mal etwas gewinnt. Man verliert im Durchschnitt immer mehr als man gewinnt, aber dadurch, dass man ein paar Mal erfolgreich ist, wird der Gedanke in den Kopf verstärkt, dass das Gewinnen prinzipiell möglich ist.
Durch Confirmation Bias werden die Erinnerungen an den Verlust verhältnismäßig weniger und unbedeutender als sie es in Wirklichkeit waren. An einen großen Gewinn und das gute Gefühl dabei erinnert man sich dagegen sehr stark und lebhaft. Je öfter sich der Vorgang wiederholt, umso stärker verbiegt sich die Realität, langsam, aber stetig.

Auch die Nachricht, dass jemand im Lotto gewonnen hat, wird von Lotto-Spielern unvergleichlich höher bewertet und gespeichert, als die ganzen anderen Situationen, in denen man selbst und andere Spieler nicht gewonnen haben. So entsteht der Eindruck, dass es möglich ist, durch Lotto reich zu werden und verdrängt die eigentlich vernünftige Gegenansicht, dass die Chancen nicht sehr viel größer als nicht-existent sind und dass das in den Lottoschein investierte Geld mit fast 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit futsch ist. Und das sind nicht unbedingt peanuts, obwohl die Einnahmen durch Lotto in Deutschland seit Jahren stark zurückgehen. Der für 2011 erwartete Umsatz, also nach Abzug der Gewinnausschüttung, beträgt allerdings immerhin noch 6.000.000.000 Euro.




I WANT TO BELIEVE

Wenn man sein ganzes Leben eine bestimmte Weltsicht eingeimpft bekommt, gibt man diese nicht so schnell auf, selbst wenn man nicht mehr leugnen kann, dass eine konkrete Vorhersage nicht eingetroffen ist.
Um nicht seinen ganzen Glauben aufgeben zu müssen, erfindet das durch den conformation bias beeinflusste Hirn abenteuerliche Ausreden, warum die Prophezeiung nicht eingetreten ist und der Prophet dennoch im Großen und Ganzen ein wahrer Prophet ist. Die gängigsten sind:

- Die Prophezeiung stimmt voll und ganz, bis auf das Datum, das falsch errechnet wurde. Das vorhergesagte Ereignis wird sicherlich stattfinden, nur halt an einem anderen Tag.
- Die Arbeit der Sekte, z.B. die Verkündung des Untergangs und die Bekehrung einiger Sünder haben Gott versöhnlich gestimmt und er hat den eigentlich geplanten Untergang verschoben oder aufgehoben. Christliche Endzeitprediger berufen sich dabei gerne auf die Geschichte des Propheten Jona, der in Gottes Auftrag der Stadt Ninive die baldige Zerstörung durch den HERRN vorhersagte. Da die Leute spontan ihre Sünden bereuten, blies Gott die Sache jedoch ab. [Mehr dazu in "BIG FISH (Helden der Bibel Teil 3 - Jona)"]
- Gott wollte mit seiner Vorhersage den Glauben seiner Anhänger prüfen.


Die Zeugen Jehovas haben schon mehrere Weltuntergänge hinter sich. Nachdem die Prophezeiung der Apokalypse für 1874 nicht eingetreten ist, änderte man das Datum auf 1876 und dann auf 1914. Knapp hundert Jahre später gibt es immer noch Zeugen Jehovas.

Auch heute leben wir nicht unbedingt in einem goldenen Zeitalter der Vernunft, in dem niemand mehr an solche Propheten glaubt. Der amerikanische Prediger und Besitzer einer christlichen Radiosenderkette Harold Camping, der für das Jahr 1988 und 1994 schon zweimal medienwirksam das Ende verkündet hatte, war sich diesmal nach eigenen Angaben 100% sicher, dass am 21. Oktober 2011 die Apokalypse stattfinden würde. Zuvor, am 21. Mai 2011 sollte die Entrückung stattfinden, bei der alle wahren Christen von Gott zu sich in den Himmel geholt werden sollten.
Einige Tage nach dem 21. Mai änderte Camping seine Vorhersage auf eine Weise, die sehr typisch für Endzeitpropheten ist. Er änderte die Ankündigung einer sehr konkreten, beweisbaren Tatsache in ein metaphorisches, spirituelles Ereignis. So hatte die Entrückung seiner Meinung nach zwar stattgefunden, aber nicht wie zuvor verkündet, als körperliche Entrückung in den Himmel, sondern als göttliches Gericht, das an diesem Tag entschieden hatte, wer gerettet wird und wer nicht.
Ein geschickter Schachzug, da Camping so seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit begründen konnte. Klar gehe trotzdem am 21. Oktober tatsächlich und nicht metaphorisch die Welt unter - da aber keine Seelen mehr gerettet werden können, sehe Camping nun keinen Grund mehr, in der Öffentlichkeit darüber zu reden.


1994? Nein!
(Und warum ist auf dem Cover von Campings Buch eigentlich die deutsche Flagge?...)


Solche selbsternannten Propheten müsste man nicht ernst nehmen, wenn es nicht immer auch ganz reale Opfer solcher Vorhersagen gäbe. So haben einige von Campings Anhängern ihren Job gekündigt und manche sogar die gesamten Ersparnisse ihres Lebens investiert, um in den vermeindlich letzten Tagen der Erde durch die Lande zu ziehen und ihre Mitmenschen zu warnen und sie, wenn möglich, vor ewigen Höllenqualen zu retten.
Der 90jährige Harold Camping dagegen ist noch immer Multi-Millionär.




Die Mehrheit der Christen hält Leute wie Harold Camping für einen Scharlatan und viele glauben, Leute wie er lassen das Christentum im Allgemeinen lächerlich aussehen. Was diese Leute oft übersehen, ist dass an Campings Prophezeiung nicht nur das konkrete Datum für den Weltuntergangs für Nichtchristen unglaubwürdig ist. Für sie ist die Vorstellung eines Weltuntergangs, einer Entrückung, der Wiederkehr Christi, des Kampfes gegen den Anti-Christen usw. prinzipiell nicht glaubhaft, egal ob es 2011 passiert oder 3011.
Harhar! Da werden sie aber blöd gucken, wenn Jesus bald auf die Erde kommt und sie tötet! Geschieht ihnen recht!

Laut einer Umfrage von 2010 glauben übrigens 40% der US-Bürger, dass Jesus Christus bis zum Jahr 2050 zurückkehren wird - also zur Lebenszeit von einigen heute lebenden Menschen.
Es ist leicht, sich über UFO-Sekten lustig zu machen. Aber man sollte sich bewusst sein, dass Millionen von Menschen in westlichen Industrienationen heutzutage daran glauben, dass einige von ihnen den Tod nicht schmecken werden.
Ganz so wie Jesus es versprochen hatte - allerdings Menschen, die seit fast 2000 Jahren tot sind.



ZUCKERBROT UND PEITSCHE

Das ewige Leben ist eine große Versprechung von Jesus, doch nicht die einzige. Wenn man den rechten Glauben habe, so verkündet er, könne man alles. Alles.

"13 Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf daß der Vater geehrt werde in dem Sohne.
14 Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun."

(Johannes 14:13-14)

"23
 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Hebe dich und wirf dich ins Meer! und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, daß es geschehen würde, was er sagt, so wird's ihm geschehen, was er sagt. 
24 Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr's empfangen werdet, so wird's euch werden."

(Markus 11:23-24)

"12 Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater."

(Johannes 14:12)


"7 So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren."

(Johannes 15:7)



Praktischerweise lassen sich diese Behauptungen nicht überprüfen. Kommt man nach dem Tod tatsächlich in den Himmel oder die Hölle, kann man das niemandem erzählen. Hört man einfach auf zu existieren, kann man das dann natürlich erst recht niemandem mitteilen.
Und wenn man nicht das bekommt, was man will, liegt es natürlich nicht daran, dass die Versprechungen falsch sind, sondern ist immer die Schuld des Einzelnen, der halt nicht genügend stark glaubt...
Das ist ein Grundsatz des Christentums: Alles Gute kommt von oben und ist ein Beweis für die Existenz des lieben Gottes, woraus folgt, dass man ihn verehren und anbeten sollte.
An schlechten Dingen ist Gott aber prinzipiell unschuldig, dafür ist stets der Mensch verantwortlich: Ein Beweis für die Unvollkommenheit der Menschen, woraus folgt, dass man erlöst werden muss und Gott daher verehren und anbeten sollte. Confirmation Bias wie aus dem Bilderbuch.

Du musst nur hier unterschreiben, dann bekommst du alles, was du willst, musst niemals sterben und darfst in ewiger Glückseligkeit bei Gott im Himmel wohnen. Doch wehe, wenn nicht!
Komisch, klingt fast wie eine Sekte...
Wenn jemand einem so extrem unrealistisch große Versprechungen macht, ist das für einigermaßen rational denkende Menschen zumindest ein Zeichen, vorsichtig zu sein. Für manche Leute ist aber genau das Gegenteil der Fall: Je größer die Versprechungen, desto eher sind sie gewillt zu glauben.

Das ist nicht nur bei religiösen Dingen so. Ein gutes Beispiel ist das Lotto-Spiel. Mittlerweile weiß so gut wie jeder, wie hoch die Gewinnchancen sind - oder besser, wie niedrig sie sind. Und dennoch spielen viele Leute Lotto und wenn der Jackpot besonders hoch sind, spielen umso mehr Leute.
Zu dem bereits erwähnten Confirmation Bias kommt beim Lotto ein theoretisch möglicher Gewinn, der noch viel höher ist als zum Beispiel beim Automatenspiel. Für einen Einsatz, den sich fast jeder leisten kann, winkt ein Gewinn, der einen für den Rest seines Lebens schlagartig und ohne eigene Arbeit zu einem reichen Menschen machen kann.

Wenn der Einsatz nicht allzu hoch ist und der mögliche Gewinn extrem hoch ist, sind einige Menschen bereit, sich auf die theoretische Möglichkeit eines Gewinns zu konzentrieren und die astronomisch hohen Chancen eines Verlustes in Kauf zu nehmen.
Wie das Glücksspiel setzt auch Religion nicht im rationalen Teil des Gehirn an, sondern macht sich unsere Wünsche und Hoffnungen zunutze.

"1 Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht."


(Hebräer 11:1)




Das Versprechen auf ein ewiges Leben wäre an sich schon sehr effektiv, doch das Christentum fährt eine Doppelstrategie und verwendet mit seinem Konzept der "Hölle" auch eine oft noch stärkere Emotion, nämlich Angst.

Wenn man an den christlichen Gott glaubt und stirbt und es stellt sich heraus, dass es ihn nicht gibt - nun, Pech gehabt. Aber wenn man nicht an ihn glaubt, und es gibt ihn doch, dann muss man für immer in der Hölle schmoren.
Diese Überlegung des französischen Mathematikers Blaise Pascal ignoriert, dass es auch noch andere Religionen mit einer Hölle gibt, z.B. den Islam, in die man auch gelangt, wenn man fest an Jesus glaubt.
Aber diese Denkweise verdeutlicht den Kosten/Nutzen-Gedanken des christlichen Glaubens.

Natürlich gibt es noch andere Aspekte, warum Christen Christen sind - doch wer glaubt, die Angst vor der Hölle habe mit der Verbreitung des Christentums nichts zu tun, ist reichlich naiv.
Selbst heutzutage benutzen Christen noch die Masche, Furcht im Namen Gottes einzusetzen und zwar dann, wenn sie am mächtigsten ist: Im Kindesalter. In den USA gibt es zum Beispiel so genannte "Hell Houses", in denen die Qualen der Hölle sehr bildlich dargestellt werden, um kleinen Kindern Angst zu machen. Viel effektiver als solche Attraktionen ist allerdings der beständige Einfluss von fundamentalistischen Eltern und Priestern.

Angst ist ein extrem wirksames Instrument, um den Verstand auszuschalten und religiöse Dogmen zu verbreiten. Der niederländische Philosoph Baruch Spinoza drückte es bereits 1670 in "Der Theologisch-politische Traktat" so aus:

"Wenn die Menschen alle ihre Angelegenheiten mit zuverlässiger Berechnung regeln könnten oder wenn ihnen das Glück immer günstig wäre, so würden sie in keinerlei Aberglauben befangen sein.
Weil sie aber oft in schwere Verlegenheiten kommen, in welchen sie sich nicht zu helfen wissen, und gewöhnlich in ihrem maßlosen Verlangen nach ungewissen Glücksgütern zwischen Hoffnung und Furcht kläglich hin und hertaumeln, so ist ihr Geist meistens geneigt, alles zu glauben. Denn sobald derselbe im Zweifel befangen ist, läßt er sich von einem leichten Anstoß dahin oder dorthin treiben, und das um so leichter, je mehr er zwischen Hoffnung und Furcht schwankt, während er sonst nur allzu zuversichtlich, prahlerisch und aufgeblasen ist.
Dies kann meines Erachtens niemand verkennen, wiewohl ich glaube, daß die meisten sich selbst nicht kennen. Wer hätte unter den Menschen gelebt und nicht die Wahrnehmung gemacht, daß die meisten, solange sie sich glücklich fühlen, wären sie auch noch so beschränkt, dennoch so sehr von Weisheit zu strotzen glauben, daß sie sich beleidigt fühlen, wenn man ihnen einen guten Rat geben wollte; wogegen sie im Unglück nicht wissen, wohin, jeden Beliebigen um Rat anflehen und denselben befolgen, sei er auch noch so verkehrt, albern und abenteuerlich."

(Baruch Spinoza, Beginn des Vorworts zu "Der Theologisch-politische Traktat")




THIS IS THE END

Weil Furcht ein so mächtiger Faktor in unserem Denken sein kann, ist das Thema "Leben nach dem Tod" für das Christentum so bedeutend. Denn wir alle besitzen den starken Urinstinkt des Überleben-wollens und dennoch wissen wir, dass wir alle sterben werden. Man kann durchaus mit diesem Konflikt leben, aber einfacher ist es, den Tod als Ende des menschlichen Daseins zu verdrängen oder gar zu leugnen.
Vielleicht ist der Tod ja nicht das Ende, vielleicht ist der Tod nicht unumkehrbar? Auch wenn sie noch niemanden gesehen haben, der von den Toten zurückgekehrt ist, müssen Christen einfach an diese Möglichkeit glauben. Tun sie es nicht, so die Bibel, ist ihr Glaube eine vergebliche Mühe - die schlimmste Art von Mühe.

"12 So aber Christus gepredigt wird, daß er sei von den Toten auferstanden, wie sagen denn etliche unter euch, die Auferstehung der Toten sei nichts?
13 Ist die Auferstehung der Toten nichts, so ist auch Christus nicht auferstanden. 
14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.
15 Wir würden aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, daß wir wider Gott gezeugt hätten, er hätte Christum auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.
16 Denn so die Toten nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden. 
17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel, so seid ihr noch in euren Sünden."

(1 Korinther 15:14-17)





Je stärker ein Glauben ist, desto stärker lässt sich die Realität so verbiegen, dass sie auf den Glauben passt. Manche können die Welt derart verformen, dass sie völlig in ihrer eigenen Fantasiewelt leben, die nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Das muss nicht unbedingt immer schlecht sein, wenn es doch den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen kann.
"Wieso sollte man Angst vor dem Tod haben?", verkündete der gläubige Christ, er wisse doch ganz sicher, dass er ewig leben werde und niemals wirklich sterben müsse! Dann starb er.



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SERIE: "DER MYTHOS JESUS"



24. November 2011

DIE ODYSSEE CHRISTI (Der Mythos Jesus Teil 10)









EINEM GESCHENKTEN GAUL...

Die frühsten schriftlichen Aufzeichnungen griechischer Mythologie, die uns erhalten sind, sind die Werke Homers. Während man lange dachte, Homer sei im Gegensatz zu seinem gelben Namensvetter keine fiktionale Figur, gehen heutzutage viele Forscher davon aus, dass die homerischen Hymnen und Epen von mehreren Autoren des 8. oder 9. vorchristlichen Jahrhunderts aufgeschrieben wurden und auf viele Jahrhunderte ältere Erzählungen zurückgehen - also nicht das Werk eines einzelnen historischen Dichters namens Homer sind.

Einer der Stars der homerischen Epen ist ein gewisser Odysseus. In der "Ilias", dem Epos über den trojanischen Krieg, ist er eine der Hauptfiguren. Anders als in allen anderen wichtigen Helden der griechischen Mythologie fließt in ihm kein göttliches Blut.
Odysseus ist voll Mensch und hat daher keine übernatürlichen Kräfte wie zum Beispiel Herkules. Er muss sich voll auf seinen Verstand verlassen. So ist es auch Odysseus, der die Idee hat, mit der die Griechen den Krieg gegen Troja gewinnen: Das trojanische Pferd - eine Statue in Pferdeform, in der sich die griechischen Soldaten verstecken.

Da sie keine feindlichen Soldaten mehr erspähen können, denken die Trojaner - die nicht solche Füchse wie Odysseus sind - sie hätten die zehn Jahre andauernde Belagerung ihrer Stadt endlich überstanden und sind überzeugt, das riesige Holzpferd sei eine Belohnung der Götter (Troja war damals für seine Pferdezucht berühmt).
Sie holen das Pferd in die Stadt und feiern ein Gelage. Als sie stark alkoholisiert ihren Schönheitsschlaf halten, kommen die im Pferd versteckten Soldaten hinaus und aus war's mit den Trojanern.
Die müssen doppelt leiden: Erstens sterben sie und dann dienen sie der Nachwelt als Name für PC-Schadsoftware - obwohl sie doch die Opfer und nicht die Täter bei der Attacke waren.

Für die gegen Troja zusammen kämpfenden griechischen Stadtstaaten und ihre Könige, darunter Odysseus, besteht Anlass zur Freude. Sie machen sich nach jahrelanger Abwesenheit auf den Heimweg in ihre Reiche. Doch für Odysseus sollte diese Reise zehn Jahre dauern...
D'Oh!





WER IST DIE SCHÖNSTE IM GANZEN LAND?

Die ganze Geschichte beginnt mit einer von Zeus' berühmt-berüchtigten Sex-Eskapaden. In Gestalt eines Schwans schwängert er die Königin von Sparta, Leda, die daraufhin ein Ei legt. Warum auch nicht?
Daraus schlüpfen die Zwillinge Kastor und Polydeukes, sowie ein Mädchen namens Helena, das eines Tages zur schönsten Frau der Welt werden würde.


Leda und Zeus als Schwan


Als die Götter im Olymp einige Jahre später eine Party feiern, taucht plötzlich ein goldener Apfel auf, mit der Inschrift "Kallista" - "Für die Schönste".
Die Göttinnen Hera, Athene und Afrodite streiten darum, wem der Apfel und der Titel gebührt. Sie fragen zunächst Zeus nach seiner Meinung, doch der ist zu clever und zu erfahren im Umgang mit Frauen, um sich von dieser Frage fangen zu lassen und antwortet ausweichend.

Nun bitten die Göttinnen den trojanischen Prinzen Paris um ein Urteil. Hera, die Gattin von Zeus, verspricht ihm große politische Macht, Athene bietet ihm große Weisheit an, falls er sich für sie entscheidet. Paris wählt schließlich Afrodite, die Göttin der Liebe, die ihm die Liebe der schönsten Frau der Welt schenkt.
Helena von Sparta reist mit Paris nach Troja, woraufhin sich Sparta mit einigen anderen griechischen Stadtstaaten verbündet, um Krieg gegen Troja zu führen und sich ihre Prinzessin wieder zu holen.


Das Urteil des Paris: Anton Raphael Mengs



TAKE THE LONG WAY HOME

Durch seinen Trick mit dem Holzpferd gewinnt Odysseus, der clevere König von Ithaka, schließlich den Krieg. Eigentlich sollte die Reise von Troja an der Mittelmeerküste der heutigen Türkei nach Ithaka nur ein paar Wochen dauern. Eigentlich.
Jedoch beleidigt Odysseus den Gott der Meere Poseidon, was ungünstig ist, wenn man mit dem Schiff unterwegs ist. Poseidon lässt Odysseus und seine zwölf Schiffe immer wieder vom Kurs abkommen, so dass die Heimreise zehn Jahre dauert.


Odysseus und der Zyklop


Unterwegs bereist Odysseus sagenhafte Orte und besteht große Abenteuer. Seine Fahrt führt ihn sogar bis ins Reich der Toten, den Hades, und wieder zurück.
Von diesen Geschehnissen erzählt das homerische Epos "Odyssee". Dieses Werk weist viele interessante Parallelen zu den Evangelien auf - insbesondere zum frühesten Jesus-Epos, dem Markus-Evangelium.

Das beginnt bei den Hauptfiguren. Odysseus ist König von Ithaka, aber auch handwerklich extrem begabt - so zimmert er eigenhändig ein Schiff, mit dem er über das Mittelmeer reist (Odyssee, 5:243-262). Zuvor schnitzt er seiner Frau Penelope ein Bett aus einem Baum (Odyssee, 23:184-204)  und ist an der Konstruktion des trojanischen Pferdes beteiligt. Während Odysseus also offensichtlich große handwerkliche Fähigkeiten besitzt, wird im Markus-Evangelium Jesus' Beruf mit "Tekton" - Handwerker - angegeben. Nicht, dass das für die Geschichte irgendwie wichtig wäre, oder er je irgendwas bauen würde.

Jesus wird als König der Juden bezeichnet und gibt seinen Zimmermanns-Job auf, um Wanderprediger zu werden. Dabei ist er im Markus-Evangelium sehr oft - und viel häufiger als in den anderen Evangelien - mit dem Schiff unterwegs (Markus 3:94:14:365:25:216:326:476:516:548:108:13).



STURMWARNUNG

Wie Odysseus wird Jesus auf einer Schiffsfahrt von einem Sturm überrascht. Doch Jesus ist so ein tougher Kerl, dass er dem Wind einfach droht und dieser darauf ängstlich abzieht.

"36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn, wie er im Schiff war; und es waren mehr Schiffe bei ihm.
37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel und warf Wellen in das Schiff, also daß das Schiff voll ward.
38 Und er war hinten auf dem Schiff und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts darnach, daß wir verderben?
39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille.
40 Und er sprach zu ihnen: Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt?
41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? denn Wind und Meer sind ihm gehorsam."

(Markus 4:36-41)



Man könnte das durchaus als Kommentar zur Odyssee verstehen: Anders als Odysseus ist Jesus nicht dem rauen Klima des Meeres ausgeliefert, sondern beherrscht die Naturkräfte.

Versteht man die Passage allerdings als historisches Ereignis, wird sie unglaubwürdig. Immerhin finden alle Schiffsreisen im Markus-Evangelium auf dem See Genezareth statt. Der ist an seiner breitesten Stelle 13 Kilometer breit, an seiner längsten Stelle 21 Kilometer lang und ist an seiner tiefsten Stelle 140 Meter tief. Zum Vergleich: Der Bodensee ist an seiner breitesten Stelle 13 Kilometer breit, an seiner längsten Stelle 62 Kilometer lang an seiner tiefsten Stelle 240 Meter tief.
Der See Genezareth ist mit Sicherheit kein Gewässer, wo man von einem "großen Windwirbel" überrascht wird, welcher dann verschwindet, wann man ihn bedroht und mit ihm spricht. Höchstens wenn man zu viele Drogen genommen hat.
Ach ja, später läuft Jesus noch über das Wasser (Markus 6:45-52)...


Jesus und der Sturm, Rembrandt



DIE PASSION DES ODYSSEUS

Jesus wird im Allgemeinen als Sohn Gottes betrachtet und meistens auch als Gott selbst. Dies steht auch so im Evangelium von Johannes (10:30).

Im früheren Markus-Evangelium finden wir allerdings nichts, was uns annehmen lassen könnte, Jesus sei Gott persönlich. Im Gegenteil dazu wird seine Menschlichkeit oft betont. Schon im alten Testament konnten mit Gottes Hilfe ja auch Menschen Wunder vollbringen - wie Moses oder der Prophet Elia. Jesus wird bedeutend öfter "der Menschensohn" als "Sohn Gottes" genannt.

Ein Hauptmotiv der Christus-Sage ist das Leiden am Kreuz, - etwas, das nur durch die Menschlichkeit von Jesus möglich ist.
 Auch Odysseus leidet viel auf seiner beschwerlichen Reise. Dies wird schon in den ersten Versen der "Odyssee" betont:

"Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft."


("Odyssee", 1:1-5)

Dadurch dass er anders als seine Helden-Kollegen kein Gottessohn, sondern ein reiner Menschensohn war, musste er seine Herausforderungen ganz allein mit menschenmöglichen Fähigkeiten bewältigen - was bekannterweise ziemlich lästig ist.


Odysseus und seine Männer, römisches Mosaik



THE SHAPE OF THINGS TO COME

Jesus und Odysseus leiden nicht nur für ihre Mission, sondern treten sie sogar im vollen Wissen um ihr zukünftiges Leid an. So prophezeit Jesus im Markus-Evangelium sein bevorstehendes Martyrium und seinen Tod.

"31 Und er hob an sie zu lehren: Des Menschen Sohn muß viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und über drei Tage auferstehen."

(Markus 8:31)



Jesus weiß also, dass er leiden und sterben muss und flieht dennoch nicht vor seinem Schicksal.
Odysseus trifft eine ähnliche Entscheidung, als er bei der schönen Nymphe Kalypso wohnt. Die bietet ihm nämlich ewiges Leben und ewige Jugend an, wenn er bei ihr bleibt. Außerdem prophezeit sie ihm viele weitere leidvolle Erfahrungen, falls er sie verlässt.

"Da begann das Gespräch die hehre Göttin Kalypso:
Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Also willst du mich nun so bald verlassen, und wieder
In dein geliebtes Vaterland gehn? Nun Glück auf die Reise!
Aber wüßte dein Herz, wie viele Leiden das Schicksal
Dir zu dulden bestimmt, bevor du zur Heimat gelangest;
Gerne würdest du bleiben, mit mir die Grotte bewohnen,
Und ein Unsterblicher sein: wie sehr du auch wünschest, die Gattin
Wiederzusehn, nach welcher du stets so herzlich dich sehnest!"

(Odyssee 5:202-210)

Odysseus kennt das Grauen und die Trostlosigkeit der Unterwelt bereits, da er auf seiner Reise zuvor schon im Hades war. Dort berichtet ihm sein ehemaliger Kriegsgefährte Achilles von den Schrecken der Unterwelt.

"Wir Achaier; und nun, da du hier bist, herrschest du mächtig
Unter den Geistern: drum laß dich den Tod nicht reuen, Achilleus!
Also sprach ich; und drauf antwortete jener, und sagte:
Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus.
Lieber möcht' ich fürwahr dem unbegüterten Meier,
Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,
Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen.


(Odyssee 11:485-491)



Dennoch verlässt Odysseus die schöne Kalypso, um heldenhaft seine Bestimmung zu erfüllen. Da ist es verzeihlich, dass er zuvor mit der attraktiven Göttin eine kleine, siebenjährige Auszeit von den stressigen Abenteuern nimmt...


Arnold Böcklin - Odysseuss und Kalypso


"Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Zürne mir darum nicht, ehrwürdige Göttin! Ich weiß es
Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia
Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Größe verschwindet;
Denn sie ist nur sterblich, und dich schmückt ewige Jugend.
Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen,
Wieder nach Hause zu gehn, und zu schaun den Tag der Zurückkunft.
Und verfolgt mich ein Gott im dunkeln Meere, so will ich's
Dulden; mein Herz im Busen ist längst zum Leiden gehärtet!
Denn ich habe schon vieles erlebt, schon vieles erduldet,
Schrecken des Meers und des Kriegs: so mag auch dieses geschehen!"

(Odyssee 5:214-224)



WHATEVER WILL BE, WILL BE

Odysseus ist ein Held, weil er sich seinem Schicksal mutig stellt. Andere Figuren der griechischen Mythologie versuchen dagegen, ihrer prophezeiten Zukunft zu entkommen - was selten gut geht.

Ein Beispiel hierfür ist der König Laios, der nach einem Streit von einem konkurrierenden König verflucht wird. Das Orakel von Delphi verkündet Laios den Fluch und prophezeit ihm, eines Tages werde ihn einer seiner Söhne töten.
Wie sollte es anders kommen: Laios kriegt einen Sohn. Doch da er sich für besonders schlau hält, setzt er das Kind in den Bergen aus. Hirten finden das Kind und ziehen es auf. Als der Junge namens Ödipus erwachsen wird, hört er Gerüchte, dass die Hirten nicht seine leiblichen Eltern seien.
Er befragt das Orakel von Delphi, welches ihm voraussagt, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde. Dummerweise verrät das Orakel nicht, wer denn jetzt die Eltern von Ödipus sind. Entsetzt verlässt Ödipus seine Heimat. Dadurch, dass er versucht, der Prophezeiung zu entfliehen, macht er sie jedoch wahr.

Unterwegs kommen Ödipus und ein Fremder mit ihren Wagen gleichzeitig an eine Wegkreuzung. Die Beiden beginnen sich zu streiten, wer zuerst fahren darf. Man kennt das ja: Im Straßenverkehr vergessen eigentlich zivilisierte Menschen manchmal ihre Manieren. Und so endet der Streit tödlich, da Ödipus den Wüterich in Notwehr erschlägt.

Dann auch noch das: Auf dem weiteren Weg begegnet ihm eine Sphinx - ein Monster mit dem Kopf einer Frau, dem Körper eines Löwen, den Flügeln eines Adlers und dem Schwanz einer Schlange. Dieses seltsame Wesen frisst jeden, der ihr Rätsel nicht lösen kann: Was geht morgens auf vier Beinen, mittags auf zwei und abends auf drei?

Ödipus ist der erste, der die Antwort weiß: Der Mensch krabbelt am Anfang seines Lebens auf vier Beinen, dann geht er aufrecht und wenn er alt wird am Stock.
Da ihr Rätsel gelöst ist, stürzt sich die Sphinx einen Abgrund hinunter in den Suizid.


Jean Auguste Dominique Ingres: Ödipus und die Sphinx


In Theben angekommen scheint sich das Blatt für Ödipus zum Guten zu wenden. Weil er die Sphinx besiegt hat, wird er als Held gefeiert und sogar die schöne Königin ist an ihm interessiert. Es kommt noch besser: Da kürzlich ein unbekannter Unhold ihren Mann getötet hat, ist die Königin Witwe. Sie heiratet Ödipus und die beiden leben glücklich und zufrieden... bis Ödipus herausfindet, dass sie seine leibliche Mutter ist. Durch den Propheten Teiresias erfährt er außerdem, dass er einst an der Wegkreuzung unwissentlich seinen eigenen Vater getötet hat.
Aus Verzweiflung sticht Ödipus sich die Augen aus und lebt den Rest seines Lebens als Bettler.

Die Geschichte von Ödipus zeigt, dass man seinem Schicksal nicht entfliehen kann. Jedoch kann man Haltung bewahren und seiner Bestimmung mit erhobenem Haupt entgegen blicken. Dieses Ideal eines griechischen Helden erfüllt Jesus Christus vollends, wenn er sein Leiden und Tod am Kreuz voraussagt und ihm nicht zu entkommen versucht.



THREE TIMES A LADY

In der griechischen Mythologie spielt das Schicksal eine große Rolle. Drei alte Göttinnen, die Moiren, bestimmen das Leben eines jeden Sterblichen. Klotho spinnt den Faden, der den Lebensweg eines Menschen darstellt, Lachesis misst seine Länge aus und Atropos schneidet den Faden schließlich ab.
Dies erinnert an die hinduistische Dreifaltigkeit: Brahma ist dort der Erschaffer, Vishnu der Erhalter und Shiva der Zerstörer des Universums.

John Strudwick: Die Moiren


Den Weg, den die Moiren für jeden Menschen festgelegt haben, lässt sich nicht beeinflussen, nicht einmal von Göttern wie Zeus. Als Unsterbliche bestimmen die Götter im Olymp aber ihr eigenes Schicksal und haben die Herrschaft über die Erde. Auch nicht schlecht.

Nachdem das ältere Göttergeschlecht, die Titanen, von Zeus besiegt sind, losen drei Brüder über die Aufteilung der Weltherrschaft. Zeus bekommt den Himmel und die Erde, Poseidon das Meer und Hades wird zum König der Unterwelt.
Wenn man die Gunst einer dieser drei Götter verliert, hat man nichts mehr zu Lachen. Das erfahren Odysseus und seine Männer auf die harte Tour, als sie Poseidon verärgern, was - man kann es nicht überbetonen - keine gute Idee ist, wenn man eine Reise über das Meer geplant hat.


Auch im Christentum ist die göttliche Herrschaft dreigeteilt, in Vater, Sohn und heiligen Geist. Die werden gemeinhin als zu einem einzigen Gott gehörig verstanden.
Jedoch hat jede Person der Dreifaltigkeit eine einzigartige Erscheinungsform und individuelle Aufgaben. Jeder erfüllt seinen Teil, jeder ist nötig, doch ihre Arbeit ist nur im gesamten Wirken der drei sinnvoll.
Das ist auch bei den Moiren so und bei der indischen Dreifaltigkeit: Ohne Brahma, den Erschaffer, hat Shiva, der Zerstörer keinen sinnvollen Job - und umgekehrt. Die Moiren können das Schicksal nur gemeinsam spinnen und der christliche "Heilige Geist" kann seine Aufgabe als Kommunikationsweg zwischen göttlichen Vater und den Menschen auch nur dann erfüllen, wenn es einen solchen göttlichen Vater überhaupt gibt.

Doch auch wenn man auf dem Detail beharrt, dass die Dreifaltigkeit nicht aus drei Göttern besteht, sondern ein einzelner Gott ist, welcher halt zufällig aus drei Personen besteht, - selbst dann findet man schnell ähnliche Konzepte in der Kultur der alten Griechen und Römern.
So wurde die Göttin Diana an einer ihr geweihten heiligen Stätte am Nemisee in der Nähe von Rom schon seit dem sechsten Jahrhundert vor Christus als drei Figuren verehrt, die gleichzeitig eins sind: Die Göttin der Jagd, die Göttin des Mondes und die Göttin der Magie namens Hekate. Bei den Griechen war eben diese Hekate ebenfalls Teil einer drei-in-eins-Gottheit, zusammen mit Persephone und der Mondgöttin Selene.

Auch aus anderen Kulturen sind zahlreiche Götter bekannt, die drei mal so viele Götter sind wie ihre gewöhnlichen Artgenossen.


Hekate als dreifache Göttin



Domenico Beccafumi: Die Dreifaltigkeit. Jahwe, Jesus und heiliger Geist (als Taube)


Eine Herrschaft von drei Göttern, die in Zusammenarbeit die Welt regieren und verschiedene Aufgaben haben, weicht deutlich von den jüdischen, streng monotheistischen Vorstellungen ab - in der griechisch-römischen Welt war das jedoch nichts Neues.


Römische Darstellung - in Klammern griechische Entsprechungen. 
Im Vordergrund die Chefetage: Minerva (Athene), Jupiter (Zeus) und Juno (Hera)
Dahinter v.l.: Herkules (Herakles), Bacchus (Dionysos), Ceres (Demeter), Merkur (Hermes)


In Rom wurden als drei Obergötter Jupiter (Zeus), Juno (Hera) und Minerva (Athene) verehrt, die gemeinsame Tempel erhielten und als Mächtigste unter den Göttern angesehen wurden. Davor gab es im römischen Reich eine Dreiheit von anderen Göttern: Jupiter (Zeus), Kriegsgott Mars (Ares) und Quirinus.

Quirinus war der göttliche Name für den einst menschlichen Gründer Roms. Romulus lebte nach römischen Glauben wie Jesus Christus erst als Mensch auf der Erde und danach als Gott Quirinus im Himmel.
Doch es gibt noch weitere Parallelen zwischen den beiden. Romulus entstammt einer alten Königsfamilie - wie Jesus, dessen Vorfahre der israelitische König David gewesen sein soll.
Der Großvater von Romulus und rechtmäßige König, Numitor Silvius, wird jedoch von seinem jüngerem Bruder gewaltsam vom Thron verdrängt. Numitors Tochter Rhea Silvia wird gezwungen als jungfräuliche Priesterin im Tempel der Göttin Vesta zu leben. Damals war es üblich, Priesterinnen lebendig zu begraben, wenn sie ihr Zölibat brechen. Und so kann Rhea ihre Kinder  nicht behalten, die sie mit dem römischen Kriegsgott Mars zeugt, oder in anderen Versionen auch mit Herkules. Sie setzt die männlichen Zwillinge, Romulus und Remus, in einem Korb auf einem Fluss aus.

Die Kinder werden von Wölfen aufgezogen und wachsen zu den Stadtgründern Roms auf. Doch obwohl die beiden gemeinsam die Stadt gegründet haben, wird nur Romulus nach seinem Tod zu einem Gott gemacht.


Rubens: Romulus & Remus



SOME ARE DEAD AND SOME ARE LIVING

Im Markus-Evangelium wird uns von Jesus und seinen Jüngern berichtet, darunter zwei Brüder: Die Söhne des Zebedäus. Bis auf eine einzige Ausnahme werden sie stets zusammen genannt, in stets der selben Reihenfolge:

"19 Und da er von da ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, daß sie die Netze im Schiff flickten; und alsbald rief er sie.
20 Und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Schiff mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach."

(Markus 1:19, s. auch 1:29, 3:17, 5:37, 9:2, 10:35, 10:41, 13:3, 14:33)



Man erfährt nicht viel über diese Brüder, bis auf eine seltsame Bitte, den sie an Christus stellen.

"35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, daß du uns tuest, was wir dich bitten werden. 
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, daß ich euch tue? 
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit."

(Markus 10:35-37)



Zwei Brüder, die stets rechts und links von einer Gottheit sitzen: Die gibt es auch in der griechischen Religion, nämlich die Zwillinge Kastor und Polydeukes. Die schlüpften einst aus dem gleichen Ei wie ihre Schwester Helena. Manchmal wurden sie beide als unsterblich angesehen. In der bekannteren Variante der Geschichte ist aber nur einer der beiden Brüder unsterblich.




Polydeukes bittet darum seinen Vater Zeus, seine Unsterblichkeit mit Kastor teilen zu dürfen und so verbringen von da an beide die Hälfte ihrer Zeit im Hades und den Rest bei den Göttern im Olymp.
Die beiden Figuren tauchen immer gemeinsam auf und stehen bei antiken Statuen oft links und rechts neben einer Gottheit. Darstellungen mit Zeus, Artemis und Helios sind uns beispielsweise erhalten geblieben. Auch die Römer stellten die zwei als "Kastor und Pollux" neben ihre Götter, wie z.B. Chefgott Jupiter.


Kastor und Pollux links und rechts neben Jupiter, römische Darstellung


Zusammen werden die Zwillinge oft "Dioskuren" genannt, was "Söhne des Zeus" bedeutet. Da die zwei also Söhne des Donnergotts sind, kann man durchaus eine Anspielung auf diese Charaktere unterstellen, wenn Jesus Jakobus und Johannes als  Söhne des Donners bezeichnet.

"13 Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm.
14 Und er ordnete die Zwölf, daß sie bei ihm sein sollten und daß er sie aussendete, zu predigen,
15 und daß sie Macht hätten, die Seuchen zu heilen und die Teufel auszutreiben.
16 Und gab Simon den Namen Petrus;
17 und Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und gab ihnen den Namen Bnehargem, das ist gesagt: Donnerskinder"

(Markus 3:13-17)



Das Motiv von zwei Brüder, von denen nur einer sterblich ist, gibt es nicht nur in der griechischen Mythologie. Die mythischen Stadtgründer Roms sind das Zwillingspaar Romulus und Remus, von denen nur Remus das Zeitliche segnen muss.
Laut dem neuen Testament  stirbt auch nur einer der zwei so eng verbundenen Donnerbrüder, nämlich Jakobus.

"1 Um diese Zeit legte der König Herodes die Hände an etliche von der Gemeinde, sie zu peinigen.  
2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert."

(Apostelgeschichte 12:1-2)



Laut einer sehr alten Kirchentradition, die schon im spätesten der Evangelien zu finden ist (Johannes 21:21-23), ist der Donnerbruder und Apostel Johannes in der Tat unsterblich und noch quicklebendig, wenn Jesus irgendwann zum Ende der Welt hin wiederkehrt.
Jesus schlägt den Söhnen des Zebedäus übrigens ihren Wunsch ab, an seiner Linken und Rechten sitzen zu dürfen. Dies sei nicht seine Entscheidung, sondern von einer höheren Macht vorherbestimmt.

"38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisset nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, wir können es wohl. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten und zu meiner Linken stehet mir nicht zu, euch zu geben, sondern welchen es bereitet ist."

(Markus 10:38-40)



Nachdem Jesus von seinen eigenen Leuten verraten wird, stirbt er am Kreuz - links und rechts neben ihm zwei ebenfalls zum Tode durch das Kreuz verurteilte Mörder.

"27 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Mörder, einen zu seiner Rechten und einen zur Linken."

(Markus 15:27)




Andrea Mantegna: Jesus am Kreuz, rechts und links neben ihm Mörder



UND DES MENSCHEN FEINDE WERDEN SEINE EIGENEN HAUSGENOSSEN SEIN

Schuld an dem Leid von Odysseus und Jesus sind oftmals die Leute, die eigentlich ihre Verbündeten sein sollten. Jesus wird ans Kreuz genagelt, weil ihn einer seiner Jünger aus Gier verrät. Während die römischen Besatzer Jesus am liebsten laufen lassen würden und den Juden anbieten, ihn zu verschonen, bestehen diese auf die Hinrichtung des selbsternannten Königs der Juden. Und selbst Petrus, der Mann, den Jesus zu seinem Nachfolger bestimmt, verleugnet ihn dreimal bevor der Hahn kräht. Zum Mäuse melken!

Auch Odysseus muss viel unter den schlechten Eigenschaften seiner Gefährten und Untertanen leiden. So bekommt er beispielsweise vom Meister der Winde Aiolos einen Beutel geschenkt, in dem sich alle Winde befinden - bis auf den Westwind zum Nachhause fahren. Damit war die sichere Heimreise eigentlich garantiert.
Doch als Odysseus schläft, öffnen seine Männer den Sack, weil sie glauben, Odysseus verstecke Gold vor ihnen. So werden die Seefahrer wieder vom Winde verweht.


"Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter!
Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch
Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend."

(Odyssee 1:32-34)




I SEE DEAD PEOPLE

Jesus wird uns als größer, besser und schneller als Odysseus verkauft. Beide treffen die größten Propheten ihrer Tradition, doch auf sehr unterschiedliche Weise.

Odysseus begehrt den Rat vom blinden Seher Teiresias. Der Prophet wurde einst von den Göttern geblendet, weil er deren Geheimnisse an die Menschen verraten hatte. Leider ist er aber tot. Was nun? Der tollkühne Odysseus fährt einfach in den Hades und fragt persönlich nach.


Johann Heinrich Füssli: Odysseus in der Unterwelt


Jesus dagegen hat eine Begegnung mit den größten Propheten der jüdischen Tradition, Moses und Elia. Obwohl auch die bereits tot sind, kommen sie zu ihm und nicht umgekehrt (Markus 9:4-8). Auch scheinen sie keinen besonderen Zweck zu erfüllen, außer das Jesus vor seinen Jüngern mit ihnen angeben kann. Anders als Odysseus holt Jesus sich keine Ratschläge.


Lorenzo Lotto: Jesus mit toten jüdischen Propheten


Odysseus wird vom großen Seher Teiresias ausdrücklich davor gewarnt, die Rinder des Sonnengottes Helios zu verspeisen. Als die Crew später auf Helios' Insel landet, kann Odysseus seine hungrigen Männer aber dummerweise nicht zurückhalten. Als einziger Überlebender verlässt Odysseus die Insel wieder...



WHO ARE YOU? WHO? WHO? WHO? WHO?

Sowohl im Markus-Evangelium als auch in der Odyssee findet sich das immer wiederkehrende Motiv der versteckten Identität, gespickt mit einer großen Prise Ironie.

Odysseus verschleiert des Öfteren seine wahre Identität und gibt sich als jemand anderes aus. Als seine lange Reise endlich vorüber ist und er sein Heimatreich Ithaka erreicht, zieht er nicht offiziell aus der verlorene König ein, sondern betritt als Bettler verkleidet die Stadt.

Seine Frau Penelope, die nicht einmal weiß, ob ihr Mann noch am Leben ist, kann sich vor den zahlreichen Anwärtern, die sie heiraten und so zum König werden wollen, nach zwanzig Jahren der Abwesenheit des Königs kaum noch retten.
Bislang hatte sie behauptet, nur noch ein Totenhemd für Odysseus' greisen Vater weben zu wollen, wobei sie nachts stets den größten Teil ihrer Arbeit wieder zerstört hatte. Doch nach so vielen Jahren ohne König werden die Anwärter so ungeduldig, dass Penelope sie nicht weiter hinhalten kann.


John William Waterhouse: Penelope und die Anwärter


Penelope veranstaltet ein Bogenschießen, dessen Gewinner den Thron erhält. Odysseus betritt verkleidet den Königspalast und meldet sich für den Wettbewerb an. Dabei wird er von seiner ehemaligen Amme durch eine alte Narbe erkannt. Odysseus trägt ihr auf, seine wahre Identität für sich zu behalten.

"Aber Odysseus
Faßte schnell mit der rechten Hand die Kehle der Alten,
Und mit der andern zog er sie näher heran, und sagte:
Mütterchen, mache mich nicht unglücklich! Du hast mich an deiner
Brust gesäugt; und jetzo, nach vielen Todesgefahren,
Bin ich im zwanzigsten Jahre zur Heimat wiedergekehret.
Aber da du mich nun durch Gottes Fügung erkannt hast,
Halt es geheim, damit es im Hause keiner erfahre!"


(Odyssee 19:479b-487)


Odysseus gewinnt inkognito den Wettbewerb und verdient sich die Krone, die ihm eigentlich sowieso zusteht.

Auch Jesus versucht seine Identität als der Christus zu verheimlichen, indem er allen, die ihn erkennen, aufträgt, dicht zu halten und niemandem von ihm zu erzählen.

"15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, daß ich sei?
16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jona's Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
19 Und ich will dir des Himmelsreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.
20 Da verbot er seinen Jüngern, daß sie niemand sagen sollten, daß er, Jesus, der Christus wäre."

(Matthäus 16:15-20)

"29 Und er sprach zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, daß ich sei? Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist Christus!
30 Und er bedrohte sie, daß sie niemand von ihm sagen sollten."

(Markus 8:29-30)




DON'T ASK, DON'T TELL

Auch Zeugen von Wundern schärft Jesus ein, niemandem von seiner geheimen Superhelden-Identität zu berichten. Auch einem Elternpaar, deren Tochter er von den Toten zurück holt, verbietet Jesus es hart, von ihm zu erzählen.

  "35 Da er noch also redete, kamen etliche vom Gesinde des Obersten der Schule und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?
36 Jesus aber hörte alsbald die Rede, die da gesagt ward, und sprach zu dem Obersten der Schule: Fürchte dich nicht, glaube nur!
37 Und ließ niemand ihm nachfolgen denn Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. [...]
41 und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihr: Talitha kumi! das ist verdolmetscht: Mägdlein, ich sage dir stehe auf!
42 Und alsbald stand das Mägdlein auf und wandelte; es war aber zwölf Jahre alt. Und sie entsetzten sich über die Maßen.
43 Und er verbot ihnen hart, daß es niemand wissen sollte, und sagte, sie sollten ihr zu essen geben."

(Markus 5:35-43)


Die Jünger Petrus, Jakobus und sein Bruder Johannes werden später Zeugen einer eindrucksvollen Vorführung, bei der Jesus strahlt und in einer Vision Elia und Moses erscheinen. Doch auch dieses Abenteuer sollen die Jungs nach Jesus Wunsch erst einmal ihr kleines Geheimnis sein lassen.

"8 Und bald darnach sahen sie um sich und sahen niemand mehr denn allein Jesum bei ihnen. 
9 Da sie aber vom Berge herabgingen, verbot ihnen Jesus, daß sie niemand sagen sollten, was sie gesehen hatten, bis des Menschen Sohn auferstünde von den Toten."

(Markus 9:8-9)


Pietro Perugino: Die Transfiguration


Probleme bereiten Dämonen. Jesus hat zwar kein Problem damit, die Geister auszutreiben, doch muss er stark darauf achten, dass die nicht ausplaudern, wer er in Wirklichkeit ist.

"23 Und es war in ihrer Schule ein Mensch, besessen von einem unsauberen Geist, der schrie
24 und sprach: Halt, was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben. Ich weiß wer du bist: der Heilige Gottes.
25 Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm!"

(Markus 1:23-25)

"10 Denn er heilte ihrer viele, also daß ihn überfielen alle, die geplagt waren, auf daß sie ihn anrührten.
11 Und wenn ihn die unsauberen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder, schrieen und sprachen: Du bist Gottes Sohn!
12 Und er bedrohte sie hart, daß sie ihn nicht offenbar machten."

(Markus 3:10-12)





Das oft benutzte Motiv der geheimen Identität führt zu ironischen Szenen, in denen zum Beispiel die jüdischen Schriftgelehrten Jesus über Gottes Willen und seine Gesetze belehren wollen - ohne zu wissen, dass er der Sohn Gottes ist.
Den Höhepunkt der Ironie ist im ursprünglichen Ende des Markus-Evangeliums zu finden. Das Ende, das in unserer heutigen Bibel steht, stimmt nicht mit den frühesten Manuskripten von Markus überein. Die enden alle mit dem 8.  Vers des 16. Kapitels: Darin finden Frauen das offene Grab Jesu, in dem sich ein unbekannter, mysteriöser Jüngling befindet, der Jesu Auferstehung verkündet. Leider erfährt niemand davon...

"5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich. 
6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten! 
7 Gehet aber hin und sagt's seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat. 
8 Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich."

(Markus 16:5-8 - ursprüngliches Ende)



In dieser Original-Version verlassen die Jünger Jesu vor der Kreuzigung und erfahren niemals von der Auferstehung, da die Frauen aus Angst keinem etwas verraten.

Die späteren Evangelien führen das versteckte-Identität-Motiv noch nach Jesu Auferstehung fort. Das Lukas-Evangelium erzählt, wie der auferstandene Christus einen Mann namens Kephas trifft, der ihn nicht erkennt und ihn kritisiert, weil er die Nachricht von Jesus Christus wohl noch nicht gehört habe.

"15 Und es geschah, da sie so redeten und befragten sich miteinander, nahte sich Jesus zu ihnen und wandelte mit ihnen. 
16 Aber ihre Augen wurden gehalten, daß sie ihn nicht kannten.
17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Reden, die ihr zwischen euch handelt unterwegs, und seid traurig?
18 Da antwortete einer mit Namen Kleophas und sprach zu ihm: Bist du allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem, der nicht wisse, was in diesen Tagen darin geschehen ist?
19 Und er sprach zu ihnen: Welches? Sie aber sprachen zu ihm: Das von Jesus von Nazareth, welcher war ein Prophet mächtig von Taten und Worten vor Gott und allem Volk;
20 wie ihn unsre Hohenpriester und Obersten überantwortet haben zur Verdammnis des Todes und gekreuzigt."

(Lukas 24:15-18)


Im Johannes-Evangelium erscheint Jesus zunächst Maria Magdalena, die ihn allerdings auch erst nicht erkennt und  für einen Gärtner hält (Johannes 20:15).



NOBODY IS PERFECT

Sowohl für Odysseus als auch für Jesus hat die Aufdeckung ihrer wahren Identität böse Folgen.

Odysseus und zwölf seiner Männer werden von dem menschenfressenden Zyklopen Polyphem gefangen genommen. Nachdem er ein paar von Odysseus' Leuten verspeist hat, fragt der einäugige Riese Odysseus nach seinem Namen. Dieser entgegnet, er heiße "Niemand".
Schließlich gelingt es Odysseus und seinen überlebenden Gefährten, den Zyklopen betrunken zu machen und danach zu blenden. So können sie aus seiner Höhle fliehen.


Nicht hübsch, aber unter den Blinden ist er König...


Die anderen Zyklopen hören die Schmerzensschreie von Polyphem, kommen herbei und fragen ihn, wer ihm das angetan habe. "Niemand" sei das gewesen, "Niemand" habe ihn verletzt, lautet die Antwort. Was soll dann denn die ganze Aufregung, denken sich die anderen Zyklopen und wenden sich wieder den Dingen zu, die Zyklopen nun einmal so tun. Mit diesem Trick gelingt es Odysseus und Co die Insel der Zyklopen in einem Stück zu verlassen, indem sie von den Einäugigen unbemerkt an den Bäuchen von Schafen festgebunden ihr Schiff erreichen.

Während er davon segelt, verrät Odysseus dem blinden Zyklopen in einem Anfall von Übermut, dass sein richtiger Name "Odysseus" ist und nicht "Niemand".
Das hätte er besser nicht getan. Denn der blinde Zyklop beschwert sich bei seinem Papa über Odysseus. Und dies ist blöderweise Poseidon, der Gott des Meeres, den man als Seereisender nicht zum Feind haben will...


Jacob Jordaens, Odysseus und der Zyklop


Als die wahre Identität von Jesus öffentlich enthüllt wird, durch den Kuss des Judas Iskariot, besiegelt dies sein Todesurteil.
Die Szene, in der Judas Jesus an die Hohepriester verrät, mag literarisch sinnvoll sein - im Gesamtkontext des Markus-Evangeliums ist sie jedoch sehr merkwürdig. Wozu wird Judas bezahlt? Offenbar brauchen die Hohepriester seine Hilfe, da sie nicht wissen, wie Jesus aussieht.
Das ist komisch, den zuvor berichtet das Markus-Evangelium davon, wie Jesus öffentlich die Händlerstände im Tempel demoliert und ein religiöses Streitgespräch mit den Hohepriestern führt.

"15 Und sie kamen gen Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel, fing an und trieb aus die Verkäufer und Käufer in dem Tempel; und die Tische der Wechsler und die Stühle der Taubenkrämer stieß er um, 
16 und ließ nicht zu, das jemand etwas durch den Tempel trüge. 
17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben: "Mein Haus soll heißen ein Bethaus allen Völkern"? Ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht. 
18 Und es kam vor die Schriftgelehrten und Hohenpriester; und sie trachteten, wie sie ihn umbrächten. Sie fürchteten sich aber vor ihm; denn alles Volk verwunderte sich über seine Lehre. [...] 
27 Und sie kamen abermals gen Jerusalem. Und da er im Tempel wandelte, kamen zu ihm die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Ältesten 
28 und sprachen zu ihm: Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die Macht gegeben, daß du solches tust? 
29 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch ein Wort fragen; antwortet mir, so will ich euch sagen, aus was für Macht ich das tue. 
30 Die Taufe des Johannes, war sie vom Himmel oder von den Menschen? Antwortet mir!"

(Markus 11:15-18,27-30)


Caravaggio - Der Kuss des Judas


Auf literarischer Ebene erfüllt das Motiv der versteckten Identität im Markus-Evangelium seinen Zweck. Doch wenn es sich bei dem Evangelium um einen Tatsachenbericht handelt, welcher der Welt von der Existenz Jesus Christi überzeugen soll und wenn alle, die nicht an seine Existenz glauben, in die Hölle kommen - dann ist es schon etwas seltsam, dass Jesus so vehement versucht, seine Existenz geheim zu halten.



THE GREATEST STORY EVER TOLD?

Die griechische Mythologie und das neue Testament haben einiges gemeinsam. Allein über die Parallelen zwischen dem Markus-Evangelium und Homer könnte man ganze Bücher schreiben. Zum Glück haben das andere bereits getan, wie der Theologie-Professor Dennis R. MacDonald in seinem Werk "The Homeric Epics And The Gospel Of Mark"

Neben den vielen Gemeinsamkeiten zwischen der Religion der Griechen und die der Christenheit gibt es natürlich auch große Unterschiede.

Die griechischen Mythen sind viel cooler. Helden kämpfen darin in gefährlichen Abenteuern gegen schreckenerregende Monster.
In den Geschichten der Evangelien läuft Jesus dagegen meist durch die Gegend und erzählt den Menschen, wie schlecht sie doch sind und wie toll er und seine Anhänger dagegen sind. Er trifft zwar Satan in der Wüste, aber nutzt diese Gelegenheit nicht, um den Teufel zu töten, sondern hält auch ihm Moralpredigten und zitiert die Bibel. Da hat er es ihm aber gegeben!
Auch die ganze Kreuzigungssache ist nicht wirklich spannend, da Jesus lange vor dem eigentlichen Ereignissen prophezeit, dass dies passieren wird und auch passieren muss.

Im Buch der Offenbarung dagegen kämpft auch Jesus gegen Monster: Zunächst gegen den falschen Propheten, dann ein siebenköpfiges Monster aus dem Meer, dann einen siebenköpfigen Drachen. Die erinnern durchaus stark an die vielköpfigen Ungeheuer der griechischen Sagen.
Doch in diesen Geschichten tritt Jesus in seiner rein göttlichen Form auf. Er ist daher also unsterblich und allmächtig. Da kann man als Leser die Spannung kaum aushalten, wer den wohl den Kampf gewinnen wird...



Monstertrio aus dem neuen Testament: 
Der falsche Prophet, die Schlange und das Tier aus dem Meer


Um in einer Geschichte Spannung aufzubauen, muss man seinen Helden in Schwierigkeiten bringen, er braucht würdige Gegner, er muss etwas zu verlieren haben.
Der Knackpunkt ist, dass die Figuren Entscheidungen treffen und dabei vor Fehlern nicht gewappnet sind. Jesus Christus ist im Gegensatz dazu viel zu perfekt. Wenn er der ist, der er behauptet, macht er niemals Fehler und wenn der Allmächtige auf seiner Seite ist, kann es auch keine würdigen Gegenspieler für seine Mission geben.

Die griechischen Helden stehen dagegen Gegnern gegenüber, die ihnen ebenbürtig sind. Meistens sind sie sogar körperlich stärker, so dass unsere Protagonisten sich raffinierte Tricks ausdenken müssen, um zu siegen. Außerdem sind sie in der Regel auch sterblich und haben daher etwas zu verlieren.

In den Sagen der Griechen sind die Helden und ihre Verbündeten ständig in Gefahr, so dass man mit ihnen mitfiebern kann. Zumal nicht alle Geschichten ein Happy End haben. Ein Beispiel für eine Geschichte mit schlechten Ausgang ist die Sage von Jason und den Argonauten. Jason besteht viele Abenteuer auf der Suche nach dem goldenen Vlies. Unterstützt wird er dabei von einem All-Star-Team von griechischen Helden, darunter Herkules und Orpheus, dessen Abstieg in die Unterwelt ja auch tragisch endete.
Nach vielen Anstrengungen bekommt Jason das goldene Vlies, das ihn zum König macht. Dummerweise beleidigt aber danach die Götter und verliert alles wieder.

Odysseus kommt zwar heil wieder zu Hause an, verliert auf seiner Reise jedoch jeden einzelnen seiner Männer.


Jason kämpft gegen Skelettsoldaten - Wie cool ist das denn?!


Die griechische Mythologie erzählt durchaus viel Interessantes über die menschliche Natur, verpackt in Metaphern von großen Abenteuern. Und das funktioniert, ohne dass die Protagonisten ständig allen Leuten ungefragt den erhobenen Zeigefinger entgegenstrecken und ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Die griechischen Helden erleben nicht nur die aufregenderen Abenteuer, sie sind auch interessantere Figuren. Jesus ist laut Bibel ein sündenloser Mensch (2 Korinther 5:21). Zwar könnte man aus moderner Sicht seinen religiösen Eifer, der oft in beleidigende Intoleranz und Jähzorn ausartet, negativ bewerten. Jedoch zerdeppert Jesus nur die Geschäftsstände von Händlern im Tempel, während Herkules in einem Wutanfall seinen Musiklehrer Linus ermordet, weil der ihn kritisiert hatte...

Jesus hat gar keine erotischen Beziehungen, wogegen die meisten griechischen Helden ständig irgendwelche Affären haben - mit Männern und Frauen übrigens. Von den zehn Jahren seiner Odyssee verbringt Odysseus sieben bei einer für ihre Schönheit berüchtigten Nymphe.
Und während Jesus auch noch aus dem Wein trinken eine Predigt macht, feiern die griechischen Helden wilde Gelage und nehmen coole Drogen wie Odysseus und seine Männer auf der Insel der Lotus-Esser.

"Aber die Lotophagen beleidigten nicht im geringsten
Unsere Freunde; sie gaben den Fremdlingen Lotos zu kosten.
Wer nun die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet,
Dieser dachte nicht mehr an Kundschaft oder an Heimkehr:
Sondern sie wollten stets in der Lotophagen Gesellschaft
Bleiben, und Lotos pflücken, und ihrer Heimat entsagen."

(Odyssee 9:92-97)



Odysseus und Kalypso


Ein weiterer Pluspunkt der heidnischen Mythen ist, dass heutzutage niemand die Sagen für historische und religiöse Fakten hält und einem erzählen will, dass man sein Leben danach ausrichten soll.

Kein irdischer Vertreter von Zeus, der auf Staatskosten Reden im Bundestag hält.
Keine Zeugen Jupiters, die an der Tür klingeln und vom göttlichen Sohn Herkules erzählen, der für die Menschheit große Dienste geleistet hat und dabei sogar ins Reich der Toten und zurück gereist ist.
Und niemand, der sich und andere Menschen mit einer selbstgebastelten Bombe in die Luft sprengt, weil das so in der Odyssee steht.

Religion kann durchaus Spaß machen - wenn nur keiner daran glaubt.


William Turner: Odysseus flieht vor dem Zyklopen




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SERIE: "DER MYTHOS JESUS"